23. Oktober 2005 Das Fleisch liegt in Kühlcontainern im Hamburger Hafen fest. Eigentlich sind die Behälter nur auf der Durchreise, nach Rußland und Georgien. Sie kommen aus Indien - wenn die Dokumente die Wahrheit sagen. Doch nichts geht weiter im Hamburger Hafen, weil nichts zusammenpaßt: Die Anmeldung, angeblich indisches Büffelfleisch, stimmt nicht mit den verschiedenen Aufklebern überein, die die verderbliche Ware zu australischem Rindfleisch deklarieren.
So etwas kommt immer mal vor, sagt ein Sprecher des Hamburger Senats achselzuckend. Erst im Juli ist eine Fleischmenge zweifelhafter Herkunft auf diese Weise im Hafen hängengeblieben. Fleisch zweifelhafter Herkunft - so wie im bayerischen Fleischskandal, der seit zehn Tagen Justiz und Öffentlichkeit beschäftigt. In Hamburg kam es im vergangenen Jahr richtig heftig: 150 Container mit Tausenden Tonnen angeblich indischen Büffelfleischs strandeten im Hafen; kein Land wollte sie haben.
Schwer zu kontrollieren
Fleischmengen schwimmen in unzähligen Containern auf den Weltmeeren. Es ist sehr viel Ware unterwegs, oft mit gefälschten Zertifikaten, sagt Staatssekretär Alexander Müller aus dem Verbraucherschutzministerium. Der Fleischhandel ist ein globales Geschäft geworden, äußerst anfällig für Schiebereien und sehr schwer zu kontrollieren. Die Kontrollen nehmen nicht zu. Im Gegenteil, der Preisdruck ist so hoch, daß die Lebensmittelsicherheit zu teuer wird.
Im bayerischen Fleischskandal haben die Kontrollen versagt. Die Struktur der hoch arbeitsteiligen Branche tat ihr übriges, um die kriminellen Machenschaften in Deggendorf zu befördern. Schlachtabfälle der Kategorie 3, die nur noch für den Verzehr von Heimtieren zugelassen sind, wurden von einer Firma dort für lebensmitteltauglich erklärt und mit Aufschlag weiterverkauft. Es handelte sich um Hühnergerippe, die zu Suppe wurden, und um alte Schweinekämme, die jetzt Gelatine sind. Das Material kam wohl aus Deutschlands Nachbarländern - ein internationales Geschäft.
Der Verbraucher will alles billig
Immer wieder hat Deutschland einen Fleischskandal, wahrscheinlich wird viel mehr betrogen, als ans Licht kommt. Denn das Umetikettieren ist ein leichtes, der Druck dazu ist hoch, wenn der Verbraucher immer alles billig will. Seit ein paar Jahren ist auch Fleisch zur Discount-Ware geworden. Die Handelskette Lidl führt Frischfleisch seit drei Jahren in ihren Regalen, Plus seit 1999. Handelsriesen diktieren den Preis, was sich über die gesamte Kette der Fleischerzeugung bis hin zum Bauern auswirkt. Der verdient an einem Schwein bei den derzeitigen Kilopreisen von rund 1,50 Euro kaum noch etwas. So manch einer in der Produktionskette, der ums Überleben kämpft, mutiert da schon mal zum schwarzen Schaf.
Dazu kommt, daß es um die Kontrollen derzeit nicht zum besten steht. Sie sind Ländersache, häufig sogar kommunalisiert, und sie werden abgebaut. Nur die Hälfte aller Unternehmen, die Lebensmittel herstellen, wird von unseren insgesamt 2500 Kontrolleuren einmal im Jahr überprüft, sagt Hans-Henning Viedt, Bundesvorsitzender der Lebensmittelkontrolleure. Wenn die Veterinäre wenigstens einmal im Jahr bei jedem Unternehmen der Produktionskette auftauchen sollten, dann müßten sie 2500 mehr sein. Gegen eine Verwendung von Schlachtabfällen als lebensmitteltaugliches Material, das dann in Fertigprodukten oder als Gelatine in Joghurt landet (weil die Entsorgung zu teuer ist und die Verwertung für Heimtierfutter auch nur wenig Geld bringt), haben sie wenig in der Hinterhand. Sie können nicht mehr erkennen, ob Schweinekämme gerade noch Abfall oder - gekühlt - für Menschen verwertbar sind. Die Grenzen sind fließend. Die Unterscheidung fällt in den Schlachthöfen.
Hoher Preisdruck
Doch es sind nicht nur der Preisdruck und die fehlenden Kontrollen, die die Fleischwirtschaft für kriminelle Machenschaften außergewöhnlich anfällig machen. In der Milchwirtschaft ist das Preisdiktat der Verbraucher, das in den großen Handelsketten gebündelt ist, nicht minder scharf. Und trotzdem kommt es dort zu signifikant weniger Verstößen gegen das Lebensmittelrecht, sagt Christian Grugel, Präsident des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit. Das liegt daran, daß der Markt bei Milch im Gegensatz zum Fleisch wesentlich stärker vertikal integriert ist.
Bei der arbeitsteiligen Fleischproduktion ist das anders. Wer ein Ferkel erzeugt, ist nicht derselbe, der es mästet, bevor es im Schlachtbetrieb geschlachtet, im Zerlegebetrieb zerlegt und in der Fleischverarbeitung zu Wurst wird, sagt er. Das sind fünf Produktionsstufen, auf denen, auch wenn jeder eine Eingangskontrolle hat, Informationen über die Ware verlorengehen. Wenn das Geschäft - wie immer häufiger der Fall - über die Grenzen läuft, ist der Informationsverlust noch größer.
Der schwarzen Schafe Herr werden
Grugel ist davon überzeugt, daß schon viel Unheil verhindert würde, wenn der Rohwursthersteller Informationen über die Landwirte und alle anderen Produktionsstufen hätte. Die Eingangskontrollergebnisse müßten, so meint er, an einer Stelle zusammenlaufen, bewertet werden und allen Produzenten zugänglich sein. Ein Pilotprojekt zur vertikalen Integration des Qualitätsmanagements soll starten, um nach Lösungen zu suchen, damit die Branche endlich ihrer schwarzen Schafe Herr wird.
Die Handelskette Edeka, die nicht im Discount-Segment operiert, kann sich nach eigenen Angaben Kontrollen leisten, die das Strukturproblem der Branche ausschalten. Und sie meidet den internationalen Fleischhandel. Für Fleisch hat sie nur regionale Zulieferer. Die werden von uns jeden Monat unangekündigt kontrolliert, sagt der Lebensmittelingenieur und Qualitätsmanager Michael Hermle. Dazu kommen noch die TÜV-Prüfungen.
Zurück in den Hamburger Hafen. Dort ergab die DNA-Tierartenbestimmung, daß es sich bei dem Containerfleisch um Wasserbüffel und indisches Hausrind handelte. In Indien aber grassiert die Maul- und Klauenseuche; viele Länder haben für indisches Fleisch ein Einfuhrverbot verhängt. Die Zielländer verweigerten die Annahme der Ware. Sie blieb in Deutschland und wurde schließlich verbrannt - der Maul- und Klauenseuche wegen. Die Strukturen, Lebensmittel immer billiger zu produzieren, sagt Staatssekretär Müller, sind an Grenzen angelangt.
Text: F.A.Z., 23.10.2005, Nr. 42 / Seite 37
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa
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