12. November 2007 Die weltweit zunehmende Energienachfrage wird in den kommenden 15 Jahren alle Anstrengungen zur Bekämpfung des Klimawandels überkompensieren. Zu dem Schluss kommt der Weltenergierat (WEC), ein Zusammenschluss von Energieunternehmen aus der ganzen Welt, in neuen Studien, die am Montag in Rom vorgestellt wurden. Demnach wird die Energienachfrage bis zum Jahr 2030 um bis zu 40 Prozent steigen, bis 2050 könnte sie sich sogar gegenüber heute verdoppeln. Ähnliche Ergebnisse hatte unlängst die Internationale Energieagentur (IEA) prognostiziert.
Die Nachfrage nach Strom wird laut WEC sogar um das Vierfache des heutigen Wertes zunehmen. Treibende Kräfte sind die Schwellenländer, die zu einem großen wirtschaftlichen Aufholprozess angesetzt haben. Schattenseite der Nachfrageexplosion sind weitere Preiserhöhungen für Energie und ein wachsender Ausstoß von Kohlendioxid. Bis 2035 werde die Emission des klimaschädlichen Gases – wenn auch gebremst – wachsen, um dann bis 2050 auf hohem Niveau stabil zu bleiben. Erst danach sei mit einer merklichen Reduzierung des Ausstoßes von Kohlendioxid zu rechnen. Nach Auffassung von Klimaexperten könnte dies aber zu spät sein, um die weltweite Erwärmung aufzuhalten.
Die Energiepreise werden und müssen steigen
Der Vorsitzende der weltumspannenden Organisation, André Caillé, wies darauf hin, dass mehr als eineinhalb Milliarden Menschen ohne jeden Zugang zu Elektrizität seien. Er appellierte an die Unternehmen, ihre Investitionen in neue und technisch effizientere Anlagen auszuweiten. Die Investitionen müssten deshalb bis zum Jahre 2050 verdrei- oder vervierfacht werden.
Die Energiepreise werden und müssen steigen“, sagte der Autor der Untersuchung, Brian Andrew Statham. Voraussagen über deren Höhe seien aber nicht möglich, weil gerade der Ölpreis stark von politischen Faktoren beeinflusst werde. Höhere Preise für Energieressourcen würden einerseits helfen, die notwendigen Investitionen in neue Technologien zu finanzieren. Andererseits sorgten höhere Preise dafür, dass Energie effizienter eingesetzt werde. Beides sei notwendig, sagte Statham, in dessen Untersuchung auch Positionen von Handelsgruppen und Nichtregierungsorganisationen eingeflossen sind.
Der WEC rief Politik und Unternehmen dazu auf, besser zusammenzuarbeiten. Um für eine sichere und ausreichende Energieversorgung in der ganzen Welt zu sorgen und zugleich mehr für den Klimaschutz zu tun, sei eine Kooperation auf einem nicht erreichten Niveau“ notwendig.
Neue Technologien erforschen
Der Präsident der Europäischen Kommission, Manuel Barroso, griff dies in seiner Forderung für ein weltweites Klimaschutzabkommen auf. Die Klimakonferenz in Bali im Dezember sei dafür sehr wichtig. Barroso gab sich überzeugt, dass es gelingen werde, bis Ende kommenden Jahres einen das Kyoto-Protokoll ergänzenden Vertrag aufzusetzen, der bis 2012 von allen Staaten ratifiziert werde. 2012 läuft das Protokoll aus, in dem sich die Teilnehmer verpflichten, ihren Kohlendioxidausstoß gegenüber 1990 zu verringern. Für Deutschland beträgt die Marke 21 Prozent. Wichtige Emittenten wie Amerika, China oder Indien haben das Protokoll aber nicht unterschrieben und zieren sich noch, einem neuen Abkommen unter Führung der Vereinten Nationen beizutreten.
Der Europa-Chef des WEC, Eon-Vorstand Johannes Teyssen, verlangte ein entschiedenes Regierungshandeln und eine stärker internationale Zusammenarbeit“. Allerdings dürfe der Staat nur Ziele vorgeben und solle es den Marktmechanismen überlassen, wie die Vorgaben erreicht würden. Er wies darauf hin, dass 85 Prozent der Weltstromerzeugung auf fossilen und stark kohlendioxidhaltigen Trägern basierten. Ein Verzicht darauf sei unrealistisch. Deshalb müsse mehr in die Erforschung von Technologien investiert werden, um Kohlendioxid abzuspalten und zu lagern. Neben einem steilen Zuwachs erneuerbarer Energien“ sei auch der weltweite Ausbau der Kernenergie notwendig. Ähnlich ließ sich Barroso vernehmen. Der Klimawandel und die Debatte um die Sicherheit der Energieversorgung würden die Diskussion um die Kernenergie weiter beleben. Nach Schätzungen der Europäischen Kommission wird die Union 2030 bis zu 70 Prozent ihres Energiebedarfs einführen, heute sind es 55 Prozent. 30 Prozent der europäischen Stromproduktion stammen aus Kernkraftwerken.
Der Weltklimarat liefert nun die Synthese
Mit drei dramatischen Berichten, die im Abstand weniger Wochen erschienen, hat der Weltklimarat (IPCC) die Öffentlichkeit in der ersten Hälfte dieses Jahres in Atem gehalten. Nun sind Forscher und Politiker wieder zusammengekommen, dieses Mal in Valencia (Spanien), um Ende der Woche einen vierten Report zu erstellen. Er soll eine Synthese dessen liefern, was die Hunderte von Wissenschaftlern in den ersten drei Berichten zusammengetragen haben. Der jetzige Termin wurde mit Bedacht gewählt: In drei Wochen beginnt in Bali die UN-Klimakonferenz. Hier sollen die Grundlagen für ein zweites Kyoto-Protokoll gelegt werden, damit vom Jahre 2012 an die Treibhausgas-Emissionen viel stärker als bisher reduziert und damit die Erwärmung der Erde verlangsamt werden können.
Die Berichte des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC), der vor fast zwanzig Jahren gegründet wurde, folgen einem Muster. Im ersten Report wird jeweils untersucht, ob es einen vom Menschen verstärkten Klimawandel gibt. Das Gremium hält dies nun für sehr wahrscheinlich, rechnet bis 2100 mit einem Anstieg der Temperatur um 2 bis 4 Grad und plädiert für eine Verringerung der Emissionen. Im zweiten Report (April 2007) wurden die Folgen des Wandels beschrieben, also die Zunahme von Dürregebieten und von extremen Wetterlagen. Im dritten Bericht (Mai 2007) wurde eine Schätzung der Schäden und der Vermeidungskosten vorgenommen. Danach würde es weniger als ein Prozent Wirtschaftswachstum kosten, die Erwärmung auf 2 Grad zu begrenzen.
(km.)
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, F.A.Z.
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