Von Michael Roth
03. September 2004 "Die Fahrradbranche ist gar nicht so abhängig vom Wetter, wie viele Insider immer behaupten", behauptet Manfred Neun, Vorsitzender des Zweirad Groß- und Außenhandelsverbandes und Geschäftsführer der Epple Zweirad in Memmingen. Mindestens genauso wichtig für die Branche ist die aktuelle Konjunkturlage und dabei vor allem der private Konsum. Mit diesem ist es derzeit hierzulande nicht zum besten bestellt. Dem wetterbedingten Umsatzplus (6 Prozent) von 2003 sei eine spürbare Kaufzurückhaltung im ersten Halbjahr 2004 gefolgt. "Doch mittel- und langfristig ist der Wachstumstrend beim Fahrrad ungebrochen", sagte Neun auf der Fachmesse Eurobike in Friedrichshafen dieser Zeitung.
Als Beleg führt er die Studien an, die etwa dem Radwandern und dem Radtourismus ("Urlaub im Sattel") hohe Zuwächse voraussagen. Außerdem: "Je mehr Urlaub in Deutschland gemacht wird, um so mehr wird geradelt." Und derzeit werden die Ferien oft heimatnah verbracht. Das Freizeitbudget der Deutschen sei auch trotz immer mehr 40-Stunden-Wochen noch recht hoch, rechnet Neun vor. In der Fahrradnutzung sei Deutschland übrigens Nummer eins in Europa noch vor den Holländern. "Der Holländer ist ein Alltagsradler, der Deutsche ein Freizeitradler", unterscheidet Neun. "Die Holländer denken gar nicht daran, sich in der Freizeit aufs Rad zu setzen, weil sie es im Alltag oft genug tun."
Prognosen rechnen in den nächsten Jahren mit stetem Wachstum
Für die nächsten Jahre gingen Prognosen für den deutschen Markt von einem Wachstum der Fahrradbranche von durchschnittlich 3 Prozent aus, 2004 werde es zwar ein kleines Tal geben, doch 2005 wird das Geschäft nach Neuns Ansicht wieder anziehen. Wenn die Messebeteiligung ein Indikator für die künftige Entwicklung ist, dann stehen der Branche gute Zeiten bevor. Mit 763 Ausstellern und 15 Prozent mehr verkaufter Ausstellungsfläche als im Vorjahr ist die Eurobike so groß wie nie. Neun weist noch auf den Nachholbedarf hin. Die Kunden kaufen etwa alle zehn Jahre ein neues Rad, früher seien es 12 Jahre gewesen. Unter anderem führten technische Neuerungen zum früheren Kauf. Neun nennt beispielsweise neue Nabenschaltungen mit acht oder 14 Gängen.
Das größte Marktsegment sind City- und sportliche Trekkingräder, erstgenannte für die Stadt, die anderen für Feld- oder Waldweg. Dabei hat die Branche auch die ältere Generation im Visier, wobei hier der Komfort (unter anderem Federung, Sattel, Pedal) eine große Rolle spielt. Die Ertragslage der Branche ist nach Angaben von Neun uneinheitlich. Bei den Herstellern konzentriere sich der Markt, sein Unternehmen hat Neun gerade verkauft. Im Handel sei die Ertragslage dort besser, wo zum Verkauf noch Service geboten werde. Im Durchschnitt wird für ein Fahrrad, vom Kinderrad bis zum Rennrad, 400 Euro ausgegeben. Dabei wird jedes zweite Fahrrad von Billiganbietern wie Baumärkten oder Warenhäusern verkauft.
Fertigungstiefe in Deutschland gering
Von den 2,1 Millionen in Deutschland zwischen Januar und Mai verkauften Fahrrädern werden 1,6 Millionen noch hierzulande produziert. Der Rest ist Import. Allerdings ist die Fertigungstiefe oft recht gering. Rahmen und andere Teile werden vielfach importiert. In Deutschland werden die Räder oft nur montiert. Die meisten Räder werden aus den Ländern Polen, Taiwan, Vietnam und Litauen eingeführt.
Wie in vielen anderen Branchen auch, teilt sich der Markt. Die unteren und die oberen Marktsegmente wüchsen, sagt Reto Aeschbacher, Marketing-Europachef des Radherstellers Scott. Scott sortiert sich in der Premiumklasse der Räder ein. Und dort hält sich das Unternehmen mit Innovationen, wie etwa wählbaren Einstellungen des Federsystems, im Markt gut. "Die Hochpreisräder waren als erstes ausverkauft", sagt Aeschbacher auf der Eurobike.
Weder vergoldet, noch mit Diamanten besetzt, aber aus Carbon oder Titan
Das teuerste Rad auf der Messe in Friedrichshafen ist ein "alltagstaugliches Mountainbike für die ganz normale Ausfahrt" (Produktwerbung) und kostet 15.871 Euro. Es ist weder vergoldet noch mit Diamanten besetzt. Viele Teile sind aus Carbon oder Titan, aus letztgenanntem beispielsweise die Kette oder der Halter für die Trinkflasche. Keramikkugellager halten 100 Jahre. Die individuelle Anpassung des Sattels an das Hinterteil des Fahrers erfolgt mit einer Druckmeßfolie und Sitzdruckoptimierungprogramm. In die Pedale muß man allerdings noch selbst treten.
"Bei Fahrrädern zu alltäglichen Preisen geht die Entwicklung hin zu Rädern mit elektronischem oder automatischem Gangwechsel", sagt Hans van Vliet, Europamanager bei Shimano. Außerdem werden vom Wetter unabhängige Bremsen sowie mit Sensoren ausgestattete Beleuchtung in den Vordergrund rücken. Eine Parallele zum teuersten Messefahrrad fand van Vliet dann doch. Immer mehr Fahrräder werden "einen Sattel haben, auf dem man sitzen kann".
Und Fahrräder werden immer leichter. Wurde der Werkstoff Carbon früher nur bei Mountainbikes und Rennrädern verwendet, sorgt er immer öfter bei Alltagsrädern für ein geringeres Gewicht. Auf der Eurobike sind Räder mit kompletter Ausstattung, inklusive Gepäckträger und auch der Schutzbleche, mit einem Gesamtgewicht von acht bis neun Kilogramm zu sehen.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.09.2004, Nr. 205 / Seite 20
Bildmaterial: dpa/dpaweb
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