Lebensmittel-Kennzeichnung

Fett und Zucker auf der Spur

Von Petra Kirchhoff

In Großbritannien längst eingeführt: “Ampel“-Kennzeichnung zu Kalorien, Zusätzen oder Fett in Lebensmitteln

In Großbritannien längst eingeführt: "Ampel"-Kennzeichnung zu Kalorien, Zusätzen oder Fett in Lebensmitteln

02. August 2008 Rot, Gelb, Grün - das sind die Signalfarben, die 2004 in Großbritannien als freiwilliges Kennzeichnungsmodell für Lebensmittel eingeführt wurden, damit Verbraucher Zuckerbomben und Fettfallen schnell entlarven können. Die Farbe Grün dokumentiert die geringe Menge eines Nährwertes (Fett, gesättigte Fettsäuren, Zucker, Salz) und signalisiert: Verzehr unbedenklich. Gelb steht für einen akzeptablen Wert, das heißt: Genuss in Maßen. Bei Rot dagegen ist Zurückhaltung geboten.

Die Lebensmittelindustrie, besorgt um Image und Umsatz, lehnt das System bisher als zu oberflächlich und irreführend ab. Auch Verbraucherschutzminister Horst Seehofer (CSU) war zunächst dagegen, Nährwertinformationen mit einer Ampel zu unterlegen, schwenkte jedoch um, nachdem eine Studie, die sein Ministerium in Auftrag gegeben hatte, ergab, dass die Mehrzahl der deutschen Verbraucher gern mit Ampel einkaufen würden. Jetzt setzt er sich für ein einheitliches Modell auf EU-Ebene ein und hat damit den Schwarzen Peter nach Brüssel geschoben, wie Verbraucherschützer monieren.

„Irreführende Angaben“ zur empfohlenen Kalorien-Tageszufuhr

Ratschlag inklusive Anweisung: “Mach den Ampeltest“-Karte der Verbraucherzentrale Hessen

Ratschlag inklusive Anweisung: "Mach den Ampeltest"-Karte der Verbraucherzentrale Hessen

„Im zähen Ringen um die Nährwertkennzeichnung“ wollen die Verbraucherzentralen jetzt „Fakten schaffen“. Sie haben nach dem Vorbild der britischen Ampel einen Einkaufsbegleiter in Scheckkarten-Format herausgegeben, mit dem Kunden im Supermarkt Nährwerte überschlagen und so entscheiden können, welche Pizza und welches Müsli sie besser in der Tiefkühltruhe liegen- und im Regal stehenlassen, um nach fettärmeren und weniger süßen Alternativen zu suchen. Der Ampel-Check funktioniert deshalb, weil viele Lebensmittelhersteller inzwischen freiwillig die enthaltenen Nährwerte in Tabellenform auf die Verpackungen schreiben - ein System, das aus Sicht von Hartmut König, Ernährungsreferent der Verbraucherzentrale Hessen, jedoch viele Tücken hat.

So müssten sich Kunden im Supermarkt durch kleinteilige Angaben kämpfen, die nichts darüber aussagten, wie hoch die einzelnen Mengen zu bewerten seien. Irreführend sind König zufolge auch Prozentangaben zur empfohlenen Tageszufuhr, da dabei der Kalorienbedarf einer erwachsenen Frau (2000 Kalorien) zugrunde gelegt wird. „Für Kinder und ältere Menschen gibt dies jedoch ein falsches Bild“, sagt König. Was den Ernährungsexperten besonders ärgert: Bei Portionsgrößen wird häufig getrickst, indem Anbieter unrealistisch kleine Portionen festlegten, etwa eine halbe Pizza oder ein einziger Keks. Dadurch würden Nährstoffgehalte schöngerechnet. Außerdem verhinderten unterschiedliche Portionsgrößen den Vergleich.

Müslis bei Zuckergehalt im roten Bereich

Das stimmt allerdings nur manchmal, da neben der Portionsgröße in der Regel auch die 100-Gramm-Angabe steht. Wer einmal die Ampel-Kontrolle beim Einkaufen macht, findet die Kritik der Verbraucherzentrale durchaus bestätigt. Zum Beispiel: Die Firma Brüggen legt auf der Verpackung seines Früchtemüslis „Knusperone“ für die Berechnung der Nährwerte eine Portion von 50 Gramm Müsli mit 100 Milliliter fettarmer Milch zugrunde. Beim Nestlé-Schokomüsli „Lion Cereals“ dagegen werden für die Statistik 30 Gramm in 125 Milliliter fettarmer Milch angerührt. In diesem Fall ist die Portionsangabe farblich herausgehoben, so dass die 100-Gramm-Angabe kaum ins Auge fällt.

Der Ampel-Check zeigt: Der Zuckergehalt von 25,2 Gramm pro 100 Gramm liegt bei „Knusperone“ deutlich im roten Bereich, da alles über 12,5 Gramm Zucker als hoch zu bewerten ist. Ein Erwachsener hätte mit 25,2 Gramm bereits knapp die Hälfte seines Tagesbedarfs abgedeckt, denn die Deutsche Gesellschaft für Ernährung und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfehlen bei einem Erwachsenen 50 bis maximal 60 Gramm Zucker pro Tag. Bei „Lion“ wäre der Zucker-Punkt (35 Gramm) sogar tiefrot, und die Angabe „12% der Tageszufuhr“ bezieht sich offensichtlich nicht auf die von der WHO empfohlene Menge.

Rewe-Pizza oben auf der Fettfallen-Hitliste

Auch bei vielen Pizzen stehen die Signale auf Rot, wie eine Produktliste der Verbraucherzentrale im Internet zeigt. Aktuell führt die Rewe-Pizza „Classics Mozzarella“ die Top-10-Liste der Nährwertfallen an. Dreimal Rot gibt es für Fett, ungesättigte Fettsäuren und Salz.

Dass sich an den Ernährungsgewohnheiten etwas ändern sollte, legt eine Studie des Bundesforschungsinstituts für Ernährung von Anfang des Jahres nahe. Danach sind zwei Drittel aller Männer und über die Hälfte aller Frauen in Deutschland übergewichtig. Jeder Fünfte ist fettleibig und hat ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes.

Kritiker der Ampel bezweifeln, dass diese das Einkaufsverhalten ändern wird. Verbraucher wüssten auch so, dass Obst gesünder sei als Chips. Das will König von der Verbraucherzentrale Hessen nicht bestreiten. „Man muss aber bedenken, dass es immer mehr verarbeitete Lebensmittel auf dem Markt gibt, und da bleibt einiges im Verborgenen.“ In Großbritannien seien die Erfahrungen positiv.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa, Tobias Schmitt

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