Gaspromneft

Der Turmbau zu Petersburg

Von Lena Bopp

10. Mai 2008 Gasprom versteckt sich. Kein Blick dringt hinter die Kulissen an der 4 Hektar großen Baustelle in Sankt Petersburg, wo das neue Hauptquartier der Tochtergesellschaft Gaspromneft entstehen soll. Gut 20 Meter ragen die Wände aus Wellblech in die Höhe - kein kleines Loch in der Mauer, nirgends. Dabei hatte Tatjana Jurjewa, die freundliche Pressesprecherin des Konzerns, noch versichert, Gaspromneft habe seine Öffentlichkeitsarbeit verstärkt.

Das war notwendig, denn der Plan des Unternehmens, am Rand des historischen Zentrums von Petersburg einen 396 Meter hohen Wolkenkratzer zu errichten, hatte heftigen Widerstand provoziert. Den Wettbewerb im Jahr 2006, an dem unter anderen so renommierte Architekten wie Herzog & de Meuron, Daniel Liebeskind, Jean Nouvel und Rem Koolhaas beteiligt waren, hatte das Büro RMJM aus London für sich entschieden. Sein Entwurf - ein in sich gedrehter, nach oben spitz zulaufender Bau aus Glas und Stahl - gefiel den Auftraggebern. Nicht aber den diversen Bürgerinitiativen, Künstlern und Architekten, die argwöhnten, ein so hoher Turm würde die Silhouette der historischen Altstadt Petersburgs zerstören.

„Wenn Gasprom anfängt, werden andere nachziehen“

Seit 1990 trägt Sankt Petersburg den Weltkulturerbe-Titel der Unesco. Die vielen barocken und klassizistischen Paläste sind meist einheitlich in einer Höhe gebaut und haben der Stadt den Beinamen "Venedig des Nordens" eingebracht. Aus ihnen ragen nur der vergoldete Turm der Peter-und-Paul-Festung, die Kuppel der Isaaks-Kathedrale und die Spitze der Admiralität heraus. Jedes Jahr strömen rund 4,5 Millionen Touristen in die Stadt, davon etwa 2,5 Millionen aus dem Ausland.

Die Aktivisten der Bürgerinitiative "Schiwoj Gorod" (Lebendige Stadt) fürchten daher nicht nur, dass durch den Wolkenkratzer der Weltkulturerbe-Titel verlorengehen und der Besucherstrom verebben könnte. Sie glauben, der Turm könnte zu einem Präzedenzfall werden. "Wenn Gasprom anfängt, werden andere nachziehen", sagt der 33 Jahre alte Dmitrij Worobjew. Schon heute gebe es Pläne, ein weiteres Hochhaus in der Nähe der Altstadt zu errichten. "Noch vor zwei Jahren wäre das undenkbar gewesen", sagt er. Mit einigen Gleichgesinnten hat er Proteste organisiert: Mit Gasmasken vor dem Gesicht sind sie zur Baustelle von Gaspromneft gezogen, haben sich mit historischen Kostümen verkleidet und so an Katharina die Große erinnert. Sie hatte während ihrer Regierungszeit verfügt, kein Gebäude der Stadt dürfe höher sein als die Eremitage - also 48 Meter.

Gesetz geändert

Dieses Gesetz galt bis zum vergangenen Dezember. Damals hat es die Stadtverordnetenversammlung geändert und entschieden, dass für verschiedene Bezirke unterschiedliche Maximalhöhen gelten sollen. Rund 6 Kilometer vom Zentrum entfernt - dort, wo Gaspromneft bauen will - dürfen 48 Meter nun überschritten werden.

Gaspromneft ist die Ölförderungssparte von Gasprom und nach eigenen Angaben der fünftgrößte Mineralölkonzern Russlands. Im Wesentlichen handelt es sich dabei um das frühere Sibneft, dessen Mehrheitsaktionär Roman Abramowitch seinen Anteil 2005 für 13,1 Milliarden Dollar an Gasprom verkaufte. Gaspromneft wies für das Jahr 2006 einen Umsatz von 20,2 Milliarden Dollar aus und zählte 48 000 Mitarbeiter. Bisher hatte es seinen Sitz in der sibirischen Stadt Omsk. Tatjana Jurjewa sagt, der geplante Umzug nach Petersburg sei eine "politische Entscheidung" gewesen. Man fühle sich von den Vertretern der Stadt eingeladen, allen voran von der Gouverneurin Valentina Matwijenko, die der Kreml-Partei "Einiges Russland" angehört und als Vertraute des ehemaligen Präsidenten Putin gilt. Petersburg hat sich tatsächlich intensiv um den Konzern bemüht. Das erste vereinbarte Finanzierungskonzept sah vor, dass die Stadt die Kosten für den Bau in Höhe von rund 60 Milliarden Rubel (umgerechnet etwa 1,7 Milliarden Euro) allein übernehmen sollte. Verteilt auf zehn Jahre, wollte sie das Geld aus den Steuern aufbringen, die Gaspromneft der Stadt zahlen würde. Nach Protesten und Klagen aus der Bevölkerung haben sich Stadt und Unternehmen im vergangenen Jahr allerdings auf eine andere Kostenverteilung geeinigt: Mit 30,6 Milliarden Rubel beteiligt sich Gaspromneft an den Baukosten, 29,4 Milliarden Rubel übernimmt Petersburg. Der Turm soll von einer Aktiengesellschaft betrieben werden, deren Anteile zu 49 Prozent bei der Stadt und zu 51 Prozent beim Unternehmen liegen.

Prominente Fürsprecher werben für den Turm

Auch in anderen Punkt ist man den Kritikern entgegengekommen. Der Name des geplanten Gebäudes wurde geändert - von "Gasprom-City" in das weniger provokative "Ochta-Center". Ochta heißt der kleine Fluss, der neben der Baustelle in die Newa mündet. Zudem hat das Unternehmen prominente Fürsprecher an Land gezogen, die nun im Fernsehen für den Turm werben. Einer von ihnen ist der Schauspieler Michail Bojarskij, der in den siebziger Jahren durch die russische Verfilmung der "Drei Musketiere" von Alexandre Dumas berühmt geworden ist.

"Er war unser D'Artagnan", schwärmt Natalja Kudrjawzewa. Die resolute Dame leitet die "Sankt Petersburg International Business Association" - eine unabhängige Organisation, die internationale Unternehmen berät, die in der Region um Petersburg investieren möchten. Von den knapp 100 Mitgliedern - darunter Ernst & Young, Heineken und Pepsi Cola - hätten sich nahezu alle uneingeschränkt für den Bau des Turms ausgesprochen, sagt sie. "In anderen Gegenden der Welt konkurrieren die Städte um ein solches Projekt. Es bringt Steuereinnahmen und Arbeitsplätze. Außerdem wird das ganze Viertel von einer verbesserten Infrastruktur profitieren." Sie räumt ein, der Ort möge vielleicht etwas unglücklich gewählt sein. Das Projekt selbst aber stelle niemand in Frage. Schließlich könne der Turm zu einem weiteren Anziehungspunkt für Touristen werden.

Allmählich entfaltet die Charmeoffensive von Gasprom auch in der Bevölkerung Wirkung. Bei einer Umfrage im Dezember 2006 hatten noch lediglich 33 Prozent für den Turm gestimmt, 35 Prozent waren dagegen. Knapp eineinhalb Jahre später scheint die Stimmung umzuschlagen: Im vergangenen März sprachen sich 46 Prozent der Befragten für den Bau des Turms aus, nur noch 29 Prozent waren dagegen. Deswegen ist Gaspromneft heute zuversichtlich. Zurzeit warte man noch auf die Zustimmung einiger städtischer Gremien, sagt Tatjana Jurjewa. Aber es sei zu hoffen, dass man diese "bald" bekommen werde. Die Zeit drängt: Im Jahr 2011 soll der Turm fertig sein.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Gasprom

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