14. August 2008 Der Versicherungskonzern Swiss Life will unter seinem Dach den größten deutschen Finanzvertrieb entstehen lassen. Nach dem Kauf des zweitgrößten Finanzvertriebs AWD Holding AG aus Hannover vor acht Monaten greift der Schweizer Lebensversicherer nun nach dem drittgrößten Finanzvertrieb MLP AG in Wiesloch bei Mannheim. Am Donnerstag gab das Unternehmen den Erwerb einer Sperrminorität von 26,75 Prozent an MLP bekannt. Nach den Worten des designierten Swiss-Life-Verwaltungsratsvorsitzenden Rolf Dörig werde derzeit kein Ausbau der Beteiligung ohne das Einvernehmen mit MLP angestrebt, sondern der Dialog gesucht. "Der Einsatz der Sperrminorität zum Beispiel auf Hauptversammlungen ist kein Thema", betonte er.
Der weitere Ablauf hängt nun von der Bereitschaft des umworbenen Unternehmens zu Gesprächen ab. Dörig setzte keinen Zeitrahmen, in dem die Mehrheit an MLP spätestens erworben sein muss. "Wir haben Zeit", sagte er auf einer Pressekonferenz in Frankfurt. Sollte es in absehbarer Zeit zu keiner Einigung kommen, wäre eine langfristige strategische Beteiligung auch eine Variante. Möglich wurde der Erwerb der Sperrminorität vor allem durch den Kauf des Anteils von rund 16 Prozent, der von der Hamburger Berenberg Bank gehalten und nach Angaben von AWD und Swiss Life erst in der Nacht vom Mittwoch auf Donnerstag angeboten wurde. Knapp 5 Prozent kamen über Aktienoptionen. Knapp 3 Prozent hielt der AWD-Unternehmensgründer Carsten Maschmeyer, der auch die treibende Kraft hinter der angestrebten MLP-Übernahme durch Swiss Life ist. Weitere 3 Prozent seien von einer nicht näher benannten privaten Investorengruppe übernommen worden, die ebenfalls erst in der Nacht zuvor Maschmeyer kontaktiert hätte.
Vergleiche mit dem Vorgehen der Schaeffler-Gruppe und ihrem Anteilserwerb am Autozulieferer Continental wies Maschmeyer zurück. "Ich habe alle Pflichten und Gesetze bei dieser Transaktion gewahrt", sagte er. Rückendeckung erhielt er von der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht. "Derzeit besteht für uns kein Anlass, wegen einer möglichen verspäteten Stimmrechtsmitteilung tätig zu werden", sagte eine Sprecherin. Erste Gerüchte über die Transaktion machten schon am Dienstag die Runde.
Ungeachtet des Erwerbs der Sperrminorität für mehr als 300 Millionen Euro und des Widerstands des MLP-Managements verneinte Dörig jegliche "unfreundliche" Absicht. Ganz im Gegenteil schütze Swiss Life mit dem Beteiligungserwerb das erfolgreiche Geschäftsmodell von MLP. Eine Fusion der Marken MLP und AWD würde den Wert beider Geschäftsmodelle zerstören.
"Aufgrund dieser Transaktionen und um sich bezüglich der strategischen Weiterentwicklung alle Optionen offenzuhalten", beschränkt Swiss Life das Aktienrückkaufprogramm auf die eine Milliarde Franken, die für das laufende Jahr geplant sind. Damit behält der Konzern die für 2009 vorgesehenen 1,5 Milliarden Franken in der Hinterhand. Gleichzeitig teilte Swiss Life mit, es habe seine Beteiligung an AWD durch den Zukauf von 10,46 Prozent auf 96,71 Prozent aufgestockt, und kündigte für das kommende Jahr den Zwangsausschluss (Squeeze-out) der verbliebenen Aktionäre an. Verkäufer des Aktienpakets ist AWD-Gründer Maschmeyer. Er erhält je Aktie 30 Euro oder noch einmal rund 120 Millionen Euro. Dies entspricht dem Angebotspreis beim öffentlichen Übernahmeangebot für den Finanzvertrieb im Januar dieses Jahres. Im Gegenzug verpflichtet er sich, bis zum Ende des ersten Halbjahres 2009 für mindestens 300 Millionen Franken (188 Millionen Euro) Swiss-Life-Aktien zu kaufen, die Hälfte davon bis zum Ende des ersten Quartals. Damit kommt er auf eine Beteiligung von rund 3 Prozent und wird größter privater Aktionär des Unternehmens.
Die Reaktion von MLP-Großaktionär Manfred Lautenschläger auf den Einstieg der Swiss Life fiel zurückhaltend aus. "Ich sehe keinen Anlass zu einem Dialog mit der Swiss Life über eine Intensivierung der Zusammenarbeit", ließ er per Mitteilung verlauten. Eine Zusammenarbeit, die über die bisherige Produktkooperation hinausgehe, würde die Unabhängigkeit und das Geschäftsmodell von MLP nachhaltig gefährden. An seiner Entscheidung, die Beteiligung von 32 Prozent an MLP nicht zu verkaufen, habe sich nichts geändert und werde sich auch langfristig nichts ändern, machte Lautenschläger klar. Die unabhängige Beratung sei einer der Erfolgsgaranten von MLP und habe hervorragende Zukunftsperspektiven.
Lautenschläger teilte mit, dass AWD-Chef Maschmeyer in den vergangenen Jahren mehrfach um Gespräche gebeten habe. Der MLP-Vorstand habe unterschiedliche Kooperationsmöglichkeiten prüfen lassen. Daraufhin seien Vorstand und Aufsichtsrat gemeinsam zu dem Schluss gekommen, dass Kooperationen mit AWD keinen Mehrwert für MLP und seine Aktionäre lieferten. "Diese Einschätzung besteht unverändert", heißt es in der Mitteilung. Der Einstieg von Swiss Life sei ohne Absprache oder Zustimmung erfolgt. Ein Bedarf für strategische Gespräche wird nicht gesehen.
Der Aktienkurs von Swiss Life und MLP gab nach der Bekanntgabe der Transaktion kräftig nach. Swiss-Life-Titel verloren bis zum Handelsschluss 8 Prozent an Wert, MLP-Titel 5 Prozent. Die künftige Entwicklung der MLP-Aktie hängt nach Ansicht der Analysten von Unicredit vom Großaktionär Lautenschläger ab. Wenn der seine Beteiligung nicht an Swiss Life verkauft, entsteht eine Patt-Situation mit zwei sich blockierenden Minderheitsaktionären.
Neben dem Aktienerwerb verstärkt Swiss Life den Griff auf AWD auch im operativen Bereich. An die Spitze des Unternehmens rückt neben Maschmeyer, der sich Anfang des Jahres zu einer fünfjährigen Amtszeit verpflichtet hatte, zum 1. September Swiss-Life-Deutschland-Chef Manfred Behrens. Er ist auch Mitglied der Konzernleitung in Zürich. Der bisherige Vorstandsvorsitzende wird sich künftig auf die Strategie und die Erschließung neuer Märkte beschränken. Zugleich wird der AWD-Vorstand von drei auf acht Mitglieder aufgestockt, und der bisherige stellvertretende Vorstandschef Nils Frowein wird "Chief Operating Officer". Aufsichtsratsvorsitzender von AWD ist der Swiss-Life-Vorstandschef Bruno Pfister.
Text: du./mir./sfu. - F.A.Z.
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