Handy gegen Festnetz

Die Qual der Wahl

Von Thiemo Heeg

12. Februar 2007 Thorsten Dirks ist schuld. Jahrelang fanden die Mobilfunkunternehmen in Deutschland paradiesische Zustände vor, da zettelte der E-Plus-Chef vor eineinhalb Jahren mit der Einführung des Billiganbieters Simyo einen Preiskampf an. Seitdem befinden sich die Handytarife auf Talfahrt, und ein Ende ist nicht abzusehen.

E-Plus' jüngster Coup: Ein Zehn-Cent-Tarif namens „Zehnsation“. Der werde „eine Revolution auslösen“, tönt Dirks - und in diesem Marketinggeschwätz steckt ein Körnchen Wahrheit.

Die T-Com im Visier

Die Revolution besteht darin, dass der drittgrößte deutsche Mobilfunkanbieter nicht nur seine direkten Konkurrenten T-Mobile, Vodafone und O2 attackiert. Vielmehr hat Dirks T-Com im Visier - die Festnetzsparte der Deutschen Telekom. Die verlangt von ihren rund 35 Millionen Kundenhaushalten in Deutschland Monat für Monat mindestens 15 Euro Grundgebühr, egal, ob einer nun telefoniert oder nicht. Das könne man sich sparen, lockt Dirks, der mit seinem neuen Tarif das Ziel verfolgt, Festnetzkunden zu Mobilfunkkunden zu machen.

In den vergangenen Monaten haben Mobilfunker wie auch unabhängige Experten immer wieder den Tod des klassischen Festnetzes propagiert. Tatsächlich sieht der Trend für das kabelgebundene Telefonieren nicht gut aus. 54,8 Millionen Telefonanschlüsse wies Quasi-Monopolist Deutsche Telekom für Ende 2005 aus. Drei Jahre zuvor waren es noch mehr als 58 Millionen gewesen.

Viele telefonieren nur noch per Handy

Das hat damit zu tun, dass die Kunden zu billigeren Konkurrenten wie Arcor wechseln - oder gleich nur noch per Handy telefonieren. Dem Riesenkonzern ist das alles andere als gleichgültig: Der monatliche Schwund von durchschnittlich 100.000 Festnetzkunden war mit ein Grund dafür, dass Telekom-Chef Kai-Uwe Ricke im vergangenen Herbst gehen musste. Das Handy hat seit der Einführung der massentauglichen D-Netze vor 15 Jahren ein beispielloses Tempo vorgelegt. Inzwischen gibt es zwischen Rügen und Schwarzwald mehr Funktelefone als Deutsche. Um das Jahr 2000 herum kamen bis zu sieben Millionen neue Mobil-Kunden dazu - nicht per annum, sondern pro Quartal.

Und doch zeigen die Fernsprecher derzeit noch eine klare Vorliebe fürs Telefonkabel. Deutlich mehr als 80 Prozent der Telefongespräche laufen über das Festnetz. Die Funkgeräte haben das Tastentelefon zu Hause noch längst nicht in Rente geschickt. Im Ausland sieht es ein wenig anders aus. Italien, Großbritannien und Frankreich weisen Mobil-Quoten von mehr als 30 Prozent auf, Finnland gar von 60 Prozent. „In Deutschland gibt es noch erhebliches Potential für den Mobilfunk“, resümiert Thomas Goette vom Beratungsunternehmen Mercer.

Wer verdrängt wen?

Trotzdem ist es heute unklar, wer jetzt wen verdrängt. Noch vor einem halben Jahr überschrieb Vodafone-Deutschland-Chef Friedrich Joussen einen Aufsatz zum Thema „Ist das Festnetz heute noch nötig?“ selbstbewusst mit der Überschrift: „Mobil gewinnt“.

Dagegen postuliert Peer Knauer, Präsident des Bundesverbandes Breitbandkommunikation: „Das Festnetz ist dank DSL lebendiger denn je. UMTS ist out.“ Er könnte recht behalten. DSL ist das schnelle Internet, das einen Telefon-Festnetzanschluss voraussetzt und über das sich wiederum selbst telefonieren lässt - Stichwort: VoIP. Die Technik weist Wachstumsraten auf wie früher das Handy. Inzwischen sind in Deutschland mehr als 15 Millionen Haushalte angeschlossen. UMTS dagegen, der schnelle Mobilfunk der nächsten Generation, wächst langsamer als erwartet - viel zu langsam mit Blick auf die mehr als 50 Milliarden Euro, die die Unternehmen im Jahr 2000 an Lizenzgebühr bezahlten.

„Die Verschmelzung setzt sich fort“

Und UMTS hat durch die sich ausbreitende WLAN-Technik - das sind lokale Funk-Zugänge ins Internet - einen unangenehmen Festnetz-Konkurrenten erhalten. In dieser Gemengelage dürfte es am Ende vor allem einen Sieger geben: den Kunden. Die Telefontarife, egal ob Festnetz oder Mobilfunk, sinken weiter. Und die Anbieter? „Die Verschmelzung von Mobilfunk und Festnetz setzt sich fort“, prognostiziert Roman Friedrich, Geschäftsführer der Technologieberatung Booz Allen Hamilton.

Diese Tendenz ist schon jetzt organisatorisch erkennbar. Vodafone integriert seine Tochter Arcor in den Konzern, die Telekom hebt die Trennung zwischen T-Mobile und T-Com mehr und mehr auf. Ob mobil oder fest, das soll künftig keine Rolle mehr spielen. Hauptsache, die Umsätze bleiben im Konzern.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 11.02.2007, Nr. 6 / Seite 43
Bildmaterial: Dieter Rüchel

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