Professor Michael Hartmann

Der Elitenforscher

Von Rainer Hank

Professor Michael Hartmann: “Ich habe mich nie verkleidet“

Professor Michael Hartmann: "Ich habe mich nie verkleidet"

31. Mai 2008 Nehmen wir René Obermann. Der Telekom-Chef kommt von ganz unten. Studienabbrecher, „aus sehr bescheidenen Verhältnissen“ (Obermann) und jetzt, gerade einmal 45 Jahre alt, steht er ganz oben, wo die Luft dünn und der Wind - wie man dieser Tage sieht - eisig ist. Obermann ist einer der ganz wenigen unter den Top-Managern in Deutschland, die es aus der Unterschicht in die Wirtschaftselite geschafft haben.

Aufstieg ist die Ausnahme. Und das nach all den Jahren des Kampfes für Chancengleichheit. Wer wissen will, warum die Bildungsrevolution gescheitert ist, kommt um Michael Hartmann nicht herum. Denn Hartmann ist Elitenforscher. Und Hartmann sagt: „Die deutsche Elite ist ein geschlossener Kreis, der seinen Nachwuchs vor allem im Bürger- und Großbürgertum sucht.“

Manieren machen mächtige Männer

Wer diesen Satz versteht - und das ist nicht schwer -, hat die ganze Theorie Hartmanns verstanden. Mehr kommt nicht. Hartmann, ein Soziologieprofessor aus Darmstadt, der aussieht, wie man sich einen Soziologieprofessor vorstellt („Ich habe mich nie verkleidet“), hat den Beruf des Elitenforschers erfunden und zum Monopol gemacht - ganz und gar aus eigener Leistung. Braucht das Fernsehen einen Professor zur Deutung des Armuts- und Reichtumsberichtes, ist Hartmann zur Stelle: „Von mir gibt es klar verständliche Sätze in zwanzig Sekunden“, sagt er und vergisst nicht zu erwähnen, dass am vergangenen Wochenende abermals drei Fernsehteams bei ihm vorbeigeschaut haben.

Der Elitenforscher profitiert davon, dass die Soziologen die Klassen abgeschafft und durch Milieus ersetzt haben und sich, wenn überhaupt noch, lieber mit Unterschicht und Prekariat als mit den Reichen beschäftigen. Hartmann erkundet die oberen Stockwerke der Gesellschaft: Bienenfleißig und faktenwild registriert er Herkunft, Berufsverläufe und Kohortenähnlichkeiten der Nachkriegsaufsteiger. „Der Mythos von den Leistungseliten“ heißt das Buch, mit dem Hartmann vor ein paar Jahren groß rauskam. Illusionär sei der Glaube, dass die Erfolgreichen auch die Besten seien.

Der meritokratische Traum einer Gesellschaft, in der Leistung sich lohnt, zerfällt. Herkunft, Erbe und gutes Auftreten sind viel wichtiger als gute Noten und vorzeigbare Intelligenzquotienten, will Hartmann herausgefunden haben. Oder simpler: Manieren machen mächtige Männer. „Der gekonnte Umgang mit der Weinkarte gehört ebenso dazu wie die freundliche, zugleich aber gesellschaftliche Distanz ausdrückende Behandlung untergeordneten Personals.“ Alphatiere erkennen einander eben am Geruch. Hauptsache, die Chemie stimmt, wer fragt da noch nach Noten.

Die Kollegen lassen ihm den Glauben

Dass auch die Mainstream-Soziologie nie geleugnet hat, dass Status, Habitus und Bildungsmilieus wichtige Motoren des sozialen Aufstiegs sind, nimmt Hartmann ungern zur Kenntnis. Hat wirklich jemand bestritten, dass soziale Intelligenz und ein gutes Gefühl für drohende Intrigen eine wichtige Karrierevoraussetzung zum Weg an die Macht sind? Mag sein, dass einige im Top-Management sich vorlügen, ihr Aufstieg verdanke sich ausschließlich eigener Leistung. So lebt es sich leichter. Doch außer ihnen hat das niemand behauptet. Dass Habitus und Manieren bei Bildungsbürgern früher und selbstverständlicher eingeübt werden, ist ein Gemeinplatz. Aber Hartmann tut so, als sei er der Erste, der das herausgefunden hat.

Die akademischen Kollegen lassen Hartmann seinen Glauben. Sie beschäftigen sich einfach nicht mit ihm. Hartmann spürt das, schlägt daraus für sich Kapital und befriedigt Journalisten und Öffentlichkeit. Für Julia Friedrichs, jene 29-jährige Autorin, die gerade mit ihren Reportagen aus der McKinsey-Welt („Gestatten: Elite“) einen Bestseller gelandet hat, liefert der Elitenforscher die Theorie zur journalistischen Recherche. Deshalb ist Hartmann ein Segen für die niemals sich abnutzende Gerechtigkeitsdebatte. So wie er sie beschreibt, haben viele sich die da oben immer schon vorgestellt: Sie schustern sich dicke Gehälter und Tantiemen zu, obwohl sie das gar nicht verdient haben: Wo die Mutter beim Abwasch in der Küche Goethe-Gedichte rezitiert, ist der halbe Weg in den Siemens-Vorstand schon zurückgelegt.

Irgendwie aus der Oberschicht

Hartmann, geboren 1952, ist mit Goethe aufgewachsen. Und mit Latein und Griechisch. Vom humanistischen Gymnasium in Paderborn erzählt er heute noch mit Begeisterung. Er sei ein sehr guter Schüler gewesen. Der Vater („Er war mein großes Vorbild“) war Finanzvorstand im Erzbistum Paderborn. Jedenfalls hat der Sohn sich das damals so vorgestellt, weil der Vater immer im Auto des Kardinals mit Fahrer abgeholt wurde und an Weihnachten ein Präsent der Sparkasse kam, bei der das Geld des Bischofs angelegt wurde. Vielleicht, meint er heute, sei in Wirklichkeit ein Priester der Finanzvorstand gewesen. Aber der Vater war der Experte.

Hartmann hält sein Herkunftsmilieu irgendwie für Oberschicht. Jedenfalls soll die Erzählung von früher Glaubwürdigkeit bringen: Da ist einer, der weiß, wovon er redet. Der Vater und der Katholizismus sind ihm besonders wichtig. Darüber ist er ziemlich links und ein Außenseiter geworden. Marxisten nannten sich damals viele. Aber bei Hartmann ist es anders gelaufen als üblich: K-Gruppen, sagt er, habe er immer gemieden, nur kurze Zeit war er bei den Falken (die junge SPD). Aus der Universitätsstadt Marburg, damals Hochburg der Revolution, ist er nach ein paar Schnuppermonaten geflohen, weil ihn die Debatten nervten.

Aber bis heute versteht er sich als Marxist. Weil er Werte wichtig findet. Weil er findet, dass es in unserer Welt nicht gerecht zugeht. Und weil er träumt von einer Welt, in der das anders sein wird. Es ist immer noch ein bisschen der moralische Marxismus des katholischen Milieus.

Was hilft? „Nur praktischer Widerstand“

Aus diesem Gerechtigkeitsprogramm macht er in seinen vielen Büchern kein Hehl. Sie sind nicht nur analysierend, sondern skandalisierend geschrieben. Weil die Mächtigen ohne Leistung die Elite stellen, muss dafür gesorgt werden, dass sich das ändert. Und weil die Mächtigen freiwillig auf ihre Macht nicht verzichten wollen, helfe kein Appell an die Vernunft, „sondern nur praktischer Widerstand“, schreibt Hartmann: „Nur wenn die Verlierer sich wehren, beginnt vielleicht auch bei Teilen der Eliten ein Umdenken.“

Das klingt bedrohlich und wirkt aus dem Munde des sanften Mannes im Darmstädter Schloss überraschend. Zur Revolution ruft der Prediger gottlob doch nicht auf. Doch ein paar freundliche Worte über die DDR verliert er gerne. Denn als im Osten noch nicht die fünf neuen Bundesländer waren, gab es dort tatsächlich Programme der Chancengleichheit, die Hartmann heute noch gefallen. Intellektuelle in die Produktion und Arbeiterkinder an die Universität. „Ohne eine deutliche Quotierung geht es nicht“, sagt Hartmann.

Bei den Frauen in Norwegen, die 40 Prozent der Plätze in den Aufsichtsräten besetzen, funktioniere das schließlich auch nur mit Zwang. Dass die DDR letztlich kein Erfolg war, ficht Hartmann nicht an: Das Problem sei gewesen, dass die neue kommunistische Elite sich als herrschende Klasse installiert habe und den Nachfolgern den Bildungsaufstieg verwehrt habe. So etwas müsse beim nächsten Versuch verhindert werden.

Einer der Übriggebliebenen

Warum Leute wie Hartmann gerne links sind, ist unschwer zu erkennen. Die Haltung ist Ausfluss einer Kränkung. Der Intellektuelle, sagt der amerikanische Philosoph Robert Nozick, war in seiner eigenen Schulklasse der Primus. Er hatte gute Noten, weswegen er sich zu schließen berechtigt fühlte, die schulische Hierarchie bilde die Ordnung des „wirklichen Lebens“ ab. Die Schule, so Nozick, begründet Statuserwartungen: Intellektuelle erwarten aufgrund ihrer schulischen Erfahrungen, später einmal gesellschaftlich bestens angesehen zu sein, ausgestattet mit dem größten Prestige, der größten Macht - und einem adäquaten Einkommen.

Doch dann machen sie die Erfahrung, dass der Kapitalismus seine Intellektuellen zumindest nicht materiell in angemessener Form belohnt. Aufgrund ihrer geistigen Leistung müsste ihnen doch das höchste Einkommen zustehen. Stattdessen werden sie überholt von jenen Altersgenossen, die im Ranking der Schule tief unter ihnen standen. Was liegt näher, als den wirtschaftlich Erfolgreichen ihren Erfolg moralisch streitig zu machen. Dass der Wettbewerb die (vermeintlich) Dümmeren belohnt, ist die Kränkung der Intellektuellen, aus der sich das Ressentiment gegen den Kapitalismus speist.

Das alles wäre der Erwähnung nicht wert, wäre Hartmann nur einer der vielen Linken, die seit achtundsechzig an deutschen Universitäten übrig geblieben sind. Aber Hartmann ist der Elitenforscher der Republik. Er ist bekannt aus Film, Funk und Fernsehen. Er liefert nicht nur Daten und Deutungen, sondern auch Rezepte der Weltveränderung: „Auch wenn es heutzutage als unausgesprochen unmodern und überholt gilt, so bleiben die Einschränkung und Kontrolle wirtschaftlicher Macht sowie die Begrenzung von Einkommens- und Vermögensdifferenzen doch entscheidend.“

So zu reden ist nicht unmodern, sondern populär. Es befriedigt die Sehnsüchte all jener, die die herrschende Ungleichheit unglücklich macht. Es ist die Sehnsucht nach Gleichheit, die sie Gerechtigkeit nennen.

Text: F.A.S.
Bildmaterial: F.A.Z. / Helmut Fricke

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