05. Mai 2005 Bei der Verleihung des deutschen Musikpreises Echo bedankte sich neulich das Kind Joy, das mit seinem Lied über das Krokodil Schnappi nationale Berühmtheit erlangt hatte, dafür, daß ihr mich im Internet so heruntergeladen habt.
Daß eine Minderjährige den Umbruch in der Musikindustrie verkündet, paßt zu einer Branche, die von jugendlicher Kaufkraft lebt. Diese Kaufkraft ist im Schwinden; teils, weil die Jugend selbst schwindet, teils, weil sie andere Bedürfnisse hat als die mit Plattenspielern aufgewachsene Generation.
Der Konsument will Musik kaufen und hören können, wo immer er ist.
Trotzdem verbreiteten die Firmen, deren Gesamtumsatz in den letzten Jahren um rund ein Viertel auf ungefähr 33 Milliarden Dollar geschrumpft ist, jetzt Optimismus. In Amerika und England werden sogar wieder mehr CDs verkauft; in Deutschland wertet man einen auf zwei bis fünf Prozent gebremsten Absatzschwund schon als Aufschwung. Doch wer ist man? Nachdem die großen Konzerne ihre Sparprogramme fürs erste hinter sich gebracht haben, zeichnet sich in direkter Konsequenz ab, daß es das einzelne Firmensubjekt auch in der Musikindustrie nicht mehr gibt. Die Großen haben erkannt, daß sie besser überleben können, wenn sie mit branchenfremden Partnern wie T-Online oder Apple zusammenarbeiten, die neue Vertriebswege gewährleisten, von denen sie selbst überfordert sind. Damit tragen sie, die lange genug die veränderten Hör- und Kaufgewohnheiten ignoriert und sich in Rechtsstreitigkeiten mit Internetanbietern verzettelt haben, der nachwachsenden Kundschaft Rechnung. Inzwischen ist eine Managergeneration installiert, der es um Musik nur am Rande geht, die aber begriffen hat, was Guy Laurence, Marketingchef der Firma Vodafone, behauptet: Der Konsument will Musik kaufen und hören können, wo immer er ist.
Eine Computerfirma wie Apple, die dank ihres iTunes-Formats siebzig Prozent Marktanteil im Internetgeschäft hält und ihren Umsatz innerhalb Jahresfrist mehr als versechsfacht hat, steht als Musterunternehmen da. Dem Publikum wird über inszenierte Skandale eingetrichtert, daß kommerzielle Popstarkarrieren ohne eine enge, wirtschaftlich komplizierte Vernetzung zwischen Musikindustrie und Fernsehsendern kaum noch zustande kommen, aber auch schnell wieder zu Ende sind. Daß branchenfremde Leute den Ton angeben, mag Ausdruck einer gesamtwirtschaftlichen Entwicklung sein, wirft aber kein gutes Licht auf die Riege der Geschaßten, die es immer schon gewußt haben und jetzt alles noch besser wissen.
Musik wird allgegenwärtig und damit irrelevant
Tim Renner, ehemaliger Deutschland-Chef von Universal, hat in seinem lesenswerten Buch Kinder, der Tod ist gar nicht so schlimm! die alte Musikindustrie ganz ohne Krokodilstränen beerdigt. Er empfiehlt: Man kann hier von der Pornoindustrie lernen. Denn diese mache sich die am Häppchenprinzip orientierten Internetmechanismen zunutze und biete Bilder und Filmausschnitte auf Tauschbörsen an, von denen aus der wirklich Interessierte dann gegen Gebühr das Ganze ordern könne. Vermutlich liegt hier auch die Zukunft der Musikindustrie, zumindest für die junge Generation, der eines Tages sogar das herkömmliche downloading antiquiert vorkommen wird.
Trotz der Anzüglichkeit von Renners Vergleich, Nostalgie ist fehl am Platze: Das Interesse an Musik in ihrer herkömmlichen Form läßt nach, Musik wird allgegenwärtig und damit irrelevant. Die Mehrheit weiß mit dem Werkcharakter einer Platte nichts mehr anzufangen, wie sie es auch nicht mehr gewohnt ist, von einem festen Ort aus zu telefonieren. Den Zwanzigjährigen muß eine Originalplatte der Beatles, die doch erst dreieinhalb Jahrzehnte alt ist, so vorkommen wie heutigen Lesern eine Erstausgabe von Goethe. Selbst klassische Bands sind nicht mehr an die herkömmlichen Formate gebunden, wie sich gerade bei der Britpop-Band Coldplay zeigt, deren neue Single hundertausendfach über Apple/i-Tunes vertrieben wird und trotzdem nicht in die Hitparade gelangt. Die Bedeutungslosigkeit von Chartsplazierungen, an die höchstens noch Grand-Prix-Zuschauer glauben, ergibt sich aus der immensen Verfügbarkeit der Titel. Die pophistorisch wichtige Dialektik aus Volkstümlichkeit und Geschmacksdistinktion wird ausgehebelt; der einst genau definierte Ort, an dem Musik gehört und gedeutet wurde - am Plattenspieler und beim Konzert -, ließ jenes Elitebewußtsein zu, das Abgrenzung ermöglichte und jetzt getilgt wird, weil Musikhören etwas in jeder Hinsicht Unbesonderes geworden ist.
Es ist ein strukturelles Problem
Hinzu kommt, daß das kostengünstigere Wirtschaften der Plattenfirmen deren künstlerische Profile schleift. Der Druck, den ein Plattenvertrag ausübt, wird sich weiter erhöhen und dafür sorgen, daß sich die Firmen von erfolglosen Musikern noch schneller trennen. Das Produkt wird in aufdringlichen Marketingkampagnen zerrieben. Kaum eine Firma verzichtet darauf, ihre Medienpartner mit Interviews des Künstlers flächendeckend zu versorgen, mit dem Ergebnis, daß dann überall das gleiche steht. In dieser Omnipräsenz bereits der Vorberichterstattung verflüchtigt sich das Produkt, und wenn es dann endlich in den Läden steht, spricht man schon gar nicht mehr davon, wie sich etwa unlängst am pompös vorgestellten Album von Marius Müller-Westernhagen gezeigt hat.
Dies alles ist keine Qualitätsfrage - gute Popmusik wird nach wie vor produziert. Es ist ein strukturelles Problem, dem in den neunziger Jahren Vorschub geleistet wurde, als sich das Sampeln und Remixen durchsetzte und die Hörgewohnheiten des Massenpublikums ruinierte. Seither wird kein verkaufsträchtiges Lied mehr so belassen, wie es einmal war; der herrschende Geschmack könnte etwas anderes auch gar nicht mehr ertragen. Die Musik selbst ist oft bloß noch eine Dreingabe zu etwas anderem: im Fernsehen, im Internet, auf DVDs und auf dem Handy.
Die Musik verliert ihren exklusiven Charakter
Insbesondere mit den beiden letzteren macht man jetzt das Geschäft. Der Umsatz der DVDs stieg im vergangenen Jahr um mehr als ein Viertel. Universal verkaufte das Schnappi-Lied mehr als zweihunderttausendmal als Klingelton für Mobiltelefone - eine Zahl, die in geradezu groteskem Gegensatz steht zum CD-Verkauf von Singles, die in Tausenderauflage schon einen Hitparadenplatz bekommen. Was im Falle von Schnappi nach einer auch anderswo zu beobachtenden Masseninfantilisierung aussieht, kündigt einen weiteren, ganz erheblichen Strukturwandel an: Das Handygeschäft umfaßte vergangenes Jahr fast drei Milliarden Dollar Umsatz, Universal bestreitet damit schon annähernd siebzig Prozent seines Umsatzes. Selbst Musikmanager glauben inzwischen, daß das Handy den Walkman ablösen und nur nebenbei noch als Telefon und Filmkamera funktionieren wird. Das Handy wird über die beliebig aus dem Netz zu beziehenden Töne den bloßen Songfetzen zum beherrschenden Musikformat machen und den Werkcharakter von Musik endgültig kaputtmachen. Die individuell zusammengestellte, absurd große Musiksammlung im Visitenkartenformat ist auch nur eine Option. Mit Macht arbeiten Telekommunikationsfirmen daran, daß Musik ihren exklusiven Charakter verlieren wird.
Noch ist das Zukunftsmusik, noch sind die physischen Tonträger in der Überzahl. Aber schon in drei Jahren wird nach seriöser Schätzung der Anteil der nichtphysischen Tonträger fünfundzwanzig Prozent betragen, ein Jahr später jedes zweite Handy den geschilderten Bedürfnissen technisch gewachsen sein und entsprechend eingesetzt werden. Wer soll dann noch Tonträger kaufen, die ohnehin zu teuer sind?
Die demographische Entwicklung setzt die Akzente
Dabei haben sich die Verkaufszahlen gerade erst erholt. Nach Angaben der Gesellschaft für Konsum-, Markt- und Absatzforschung (GfK) hat im vergangenen Jahr in Deutschland fast jeder zweite Kunde Tonträger gekauft; dabei sind die Anteile der sogenannten Intensivkäufer (mit mehr als neun Musikmedien jährlich) wie auch der Durchschnittskäufer (vier bis neun) nur leicht gesunken, auf 38,2 beziehungsweise 30,3 Prozent. Obwohl die Zahl der Wenigkäufer um zwei Prozent auf 31,6 Prozent gestiegen ist, kaufen also mehr als zwei Drittel regelmäßig Tonträger. Aber der Internetmarkt hat sich mittlerweile etabliert, auch wenn die Zahl verkaufter CDs bei Spitzentiteln noch vier- bis zehnmal so hoch ist wie die der legalen downloads - die vielen illegalen werden nicht abgerechnet.
Der gegenwärtige Aufschwung wird - und das ist das Entscheidende - eingeholt werden von der demographischen Entwicklung. Unter den fünf Altersgruppen, welche die GfK-Statistik führt, ist die der unter Neunzehnjährigen, die früher den eigentlichen Popmarkt ausmachte, die einzige mit einem deutlichen Kaufrückgang: von mehr als fünfzig Prozent Käuferanteil im Jahre 1995 auf dreißig Prozent 2005. Die Jugendlichen werden ja immer weniger und kaufen natürlich auch weniger. Die für Rock und Pop heute entscheidenden Dreißig- bis Neununddreißigjährigen werden als kaufstärkste Gruppe schon bald von den Vierzig- bis Neunundvierzigjährigen verdrängt werden; und diese dann wiederum von der Gruppe der über Fünfzigjährigen, die sich noch in eine große Klassik- und eine große Schlager/Volksmusik-Fraktion teilt und die Rock- und Popfraktion aufnehmen wird.
Der Verlust der identitätsstiftenden Macht
Dies ist die Rechnung, der weitere Zahlen hinzuzufügen sind: 1995 kauften unter den bis Neunzehnjährigen 70,8 Prozent Tonträger, heute sind es 45,8 Prozent; bei den Zwanzig- bis Neunundzwanzigjährigen sank die Zahl von 74,4 auf 56,5 Prozent, bei den Dreißig- bis Neununddreißigjährigen von 68 auf 58,7 Prozent, also in den beiden für Rock- und Popmusik wichtigen Gruppen erheblich weniger, während die Kaufbereitschaft bei den über Vierzig- und Fünfzigjährigen, von denen jeder zweite beziehungsweise jeder vierte Tonträger kauft, über zehn Jahre hinweg annähernd gleichgeblieben ist.
Es geht dabei nicht um einzelne Musikstile, erst recht nicht um den als Branchenrettung gefeierten Deutschpop oder eine Radioquote. Es geht um das Ende eines riesigen Marktes, den wir seit Jahrzehnten kennen wie unser altes Sozialsystem. Neue Vertriebswege und neue Hörgewohnheiten werden etwas anderes, viel Abstrakteres aus ihm machen, das die haptische Kultur oder die an den Besitz eines Albums gebundene Exklusivität und Individualität aussehen lassen wird wie vorindustrielle Errungenschaften. Die Popmusik wird deshalb nicht verschwinden. Doch ihre identitätsstiftende Macht wird sie vermutlich einbüßen. Indifferenz ist der Preis für eine Allgegenwart, die auch Musikbesessenen einmal erstrebenswert schien: das Vordringen in die hintersten Winkel, die tiefsten Ritzen des jedermann zugänglichen öffentlichen Raumes. Welchen Reiz könnte ein Lied nämlich noch haben, wenn man es jedesmal hört, sobald das Telefon läutet?
Text: F.A.Z., 06.05.2005, Nr. 104 / Seite 33
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Finanzkrise: Deutsche Konjunktur läuft hinterher
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