Wirtschaftskriminalität

Die Kartenbetrüger werden immer raffinierter

Die Zahl der Schäden durch gefälschte EC-Karten soll sich in diesem Jahr verdoppeln

Die Zahl der Schäden durch gefälschte EC-Karten soll sich in diesem Jahr verdoppeln

14. Juli 2006 Urlaubszeit, Reisezeit. Wie zahlt man am liebsten gerade im Ausland? Mit Karte, sagen sich viele. Tatsächlich ist vor allem die EC-Karte sicherer als Bargeld. Aber die Kriminellen werden immer raffinierter.

Für dieses Jahr befürchten Fachleute doppelt so hohe Kartenfälschungsdelikte wie im Vorjahr. Der beste Schutz? "70 Prozent aller Schäden sind auf falsches Verhalten der Karteninhaber - zum Beispiel verspätete Karten-Sperre nach Verlust - zurückzuführen", sagt Margit Schneider, Leiterin Sicherheitsmanagement Zahlungskarten bei dem Unternehmen Euro-Kartensysteme in Frankfurt.

Die größten Schäden entstehen ihrer Erfahrung nach dann, wenn eine Karte aus der offenen Einkaufstasche gestohlen oder die Karte im geparkten Auto zurückgelassen wird. Allein dies gilt vor Gericht schon oft als Fahrlässigkeit. Wenn dann noch die PIN-Nummer am gleichen Ort aufbewahrt wurde und dem „neuen Kartenbesitzer" in die Hände fällt, muß der Kartenbesitzer für mögliche Schäden selbst aufkommen.

Erst spähen, dann klauen

Denn das ist sozusagen der Glücksfall für Kriminelle. Sonst müssen sie sich zwei Dinge beschaffen: Die PIN, also die persönliche Geheimzahl, und die Daten der Karte. "Wegen der Unachtsamkeit vieler Karten-Besitzer lassen sich viele PINs "erspähen", beklagt Schneider. Kriminelle, die eine PIN erspäht haben, suchen oft die zugehörige Karte anschließend durch Diebstahl zu erlangen. "Wem eine Karte gestohlen wird, der sollte sie so schnell wie möglich sperren lassen. Denn nur dann ist er, was mögliche mißbräuchliche Risiken angeht, gefeit.

Daher sollte jeder gerade vor einer Reise den SOS-Infopaß aus dem Internet auf www.kartensicherheit.de ausdrucken und im Gepäck - möglichst getrennt vom Portemonnaie - griffbereit haben", rät Ingo Limburg, Projektleiter Kartensicherheit.de, einem Internet-Portal der Eurokartensysteme GmbH. "Im Infopaß finden sich auch die Telefonnummern, über die man seine Karte sperren lassen kann."

Vorsicht Kamera

Seit rund zwei Jahren beobachten Schneider und ihre Kollegen von der Eurokartensysteme GmbH in Frankfurt, daß sich immer hochgerüstetere Täter auch an deutschen Geldautomaten zu schaffen machen. Kameras, meist in einer Leiste versteckt oben am Automaten angebracht, dienen zum Ablesen der PIN. Vor der Kameraaufnahme können sich Karten-Nutzer am ehesten durch Hand-Auflegen bei der PIN-Eingabe schützen.

Gisela Meckel, für das Sicherheitsmanagement Karten zuständig, berichtet von Magnetstreifenlesegeräten mit Funksensor oder Speicher, die Kriminelle an Automaten anbringen. Diese dem Karteneinzugsschlitz nachempfundenen Spione lesen Daten von der Karte ab. "Dann werden die Daten per E-Mail ins Ausland geschickt, die Daten auf einer Doublette aufgebracht und die gefälschte Karte im Ausland zum Bargeldbezug eingesetzt", erklärt Meckel das gängige Schema. Für die Karteninhaber halten sich die Folgen gleichwohl in Grenzen. Schäden aus solchen Delikten trägt grundsätzlich ein Gemeinschaftspool aller deutschen Kreditinstitute - jährlich ein mittlerer einstelliger Millionen-Betrag.

Kartendoubletten werden im Ausland nur schwer entdeckt

Der erfolgreiche Einsatz von Kartendoubletten ist an deutschen Automaten nach Ansicht der Experten indes kaum möglich. Deutsche Karten schützt seit 1979 das sogenannte MM-Merkmal im Kartenkörper. Im Ausland hat sich die Überprüfung mit diesem Echtheitsmerkmal ("moduliertes Merkmal") jedoch weder auf Karten noch für Geldautomaten durchgesetzt. "Das MM-Merkmal war zu teuer", schaut Schneider zurück.

Seit 1996 ist aber europaweit der EMV-Chip auf Zahlungskarten im Gespräch. Der EMV-Chip ermöglicht, die gespeicherten Daten gegen Verfälschung und auch gegen Kopieren zu schützen. Doch der Fortschritt kommt langsam. Erst im Jahr 2010 soll der 3 bis 4 Euro je Karte teure EMV-Chip im Rahmen des einheitlichen europäischen Zahlungsverkehrsraums (Sepa) flächendeckend europaweit verbindlich sein.

"Seit Januar 2005 gibt es immerhin eine Haftungsumkehr", berichtet Schneider. "Wenn heute Schäden im Ausland entstehen an nicht EMV-tauglichen Automaten mit mit EMV-Chip ausgestatteten Karten, dann müssen sie vom ausländischen Automatenbetreiber getragen werden." Dies erhöhe die Bereitschaft, die Karten und die Geräte schneller EMV-tauglich zu machen, meint Schneider. In Deutschland sind bisher 5 Prozent der 52000 Geldautomaten mit dem neuen Sicherheitsstandard ausgerüstet und 60 Prozent aller 90 Millionen Karten.

Ziel der Eurokartensysteme GmbH ist, die hohe Sicherheit der Geldkarten trotz immer raffinierterer Krimineller aufrechtzuerhalten. Die jährlichen Schäden mit EC-Karten belaufen sich nach Angaben von Schneider auf wenige Promille des Gesamtumsatzes. Die Schäden mit Kreditkarten liegen immerhin im Bereich vob 0,1 Prozent vom Gesamtumsatz. Allein die Umsätze genau zu quantifizieren ist schwierig. Denn die meisten Abhebungen nehmen die Kunden über Automaten ihrer Hausbank vor. Auf diese hat Eurokartensysteme aber keinen Zugriff.

In Kontakt mit dem BKA

Die Eurokartensysteme GmbH ist als Gemeinschaftsunternehmen der deutschen Kreditwirtschaft die Zentrale Schadensbekämpfungsstelle für Debitkarten. Das Bundeskriminalamt warnt das Zentralunternehmen vor regionalen Schwerpunkten der Kriminalität und vor neuen Maschen der Täter. Die nicht ihren Gewinn maximierend arbeitende Gesellschaft, die an jeder ausgegebenen Geldkarte ein paar Cent verdient, gibt Informationen der Polizei an die Einzelinstitute weiter. Die Ortsbanken wiederum informieren die Zentralstelle über Schadensfälle ihrer Kunden.

Eurokartensysteme hat gerade 800.000 Euro investiert, die auf 2300 Banken und Sparkassen mit 90 Millionen ausgegebenen Karten umgelegt werden. EKS-net, wie das gemeinsam mit den Kartentransaktionsabwicklern GZS (Gesellschaft für Zahlungssysteme, im wesentlichen Abwickler für Sparkassen und private Banken) und Card Process (Genossenschaftsbanken) sowie dem Bank-Verlag entwickelte System heißt, soll zu einem online gestützten schnelleren Informationsaustausch zwischen zentraler Schadenbekämpfungsstelle und den einzelnen Banken führen.

"Die Kosten werden sich schon nach zwei Jahren amortisieren. Denn wir spüren Schwerpunkte von Schäden schneller auf und können so auch schneller Maßnahmen einleiten und die Schäden begrenzen", erwartet Schneider. Angesichts des jedoch kaum zu brechenden Trends der Schadenszunahmen durch Kartenfälschungen erhofft die Eurokartensysteme GmbH auch, daß die Banken schneller Karten sperren und die Kartendaten dann nicht mehr mißbräuchlich im Ausland eingesetzt werden können.

Regionale Auffälligkeiten werden analysiert

Darüber hinaus ist es Aufgabe der Eurokartensysteme, Schadensfälle zu analysieren und Trends zu erkennen. Eurokartensysteme als zentrale Schadensstelle liefert Daten an die Abwickler, mit denen diese ihre Mißbrauchsfrüherkennungssysteme "füttern". Tritt ein Betrugsfall mit deutschen Karten verstärkt zum Beispiel in Lyon auf? Umgekehrt schlägt das System des Transaktionsabwicklers GZS Alarm, falls binnen kurzer Zeit in Thailand und in Frankreich mit einer Karte Geld abgebucht wird. Das System der GZS meldet den Verdacht an die Eurokartensysteme, die wiederum informiert die Ortsbank. "Nur die Ortsbank sucht den Kunden und sperrt gegebenenfalls die Karte. Die Eurokartensysteme sammelt nur transaktionsbezogene Daten", betont Schneider.

Gleichwohl sei es zuweilen nicht ganz einfach, Auffälligkeiten festzustellen, erzählt Schneider. So habe es einmal mit einer Karte auf Mallorca binnen 14 Tagen 247 Versuche gegeben, Geld abzuheben. Am Ende habe sich herausgestellt, daß es sich um keine Betrugsversuche handelte, sondern die Karte nach wie vor im Besitz des Inhabers war: Ein Rentner, der das Eintreffen von Geld auf seinem Konto überprüfen wollte.

Text: F.A.Z., 14.07.2006, Nr. 161 / Seite 21, ham.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb

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