Interview

Ökonom empfiehlt: Länger arbeiten

19. September 2003 

Herr Professor Donges, droht den Deutschen mit der alternden Gesellschaft ein Wohlstandsverlust?

Auf jeden Fall muß man sich darauf einstellen, daß das Arbeitsangebot, die Anzahl der Arbeitskräfte, zurückgehen wird. Die Kapitalbildung erlahmt, weil ältere Menschen im Rentenalter entsparen. Möglicherweise ist eine alternde Gesellschaft dem technischen Fortschritt gegenüber weniger aufgeschlossen. Alles in allem kann es sein, daß wir in eine längere Phase der Wachstumsverlangsamung kommen. Es sei denn, daß wir gegensteuern, und zwar heute.

Löst der Rückgang des Arbeitsangebots die Probleme am Arbeitsmarkt?

Etwa ab 2010 werden weniger Jüngere auf den Arbeitsmarkt drängen. Aber das ist keine nachhaltige Lösung des Problems, zumal niemand weiß, ob die Erwerbsquote der älteren Arbeitnehmer nicht doch steigen wird. Geboten ist, den Faktor Arbeit weniger mit Steuern und Abgaben zu belasten und so von der Kostenseite her wettbewerbsfähig zu machen. Der Mengeneffekt für sich bringt nicht mehr als eine vorübergehende Entlastung.

Was muß geschehen, um die Produktivität der Arbeit zu steigern?

Die demographische Entwicklung unterstreicht, daß wir kräftig in Qualifikation investieren müssen. Wenn wir künftig relativ weniger junge Menschen haben, dann müssen wir wenigstens dafür sorgen, daß diese bei künftigen Pisa-Untersuchungen mit ihren Fähigkeiten und Qualifikationen ganz oben rangieren. Man kann sich auch helfen durch das Anwerben ausländischer Fachkräfte. Die Erfahrung mit der Green-Card lehrt aber, daß es nicht selbstverständlich ist, daß ausländische Fachleute nach Deutschland kommen wollen.

Kann fehlende Arbeitskraft durch mehr Kapital ersetzt werden?

In manchen Bereichen kann man da sicher etwas machen. Man muß aber auch sehen, daß unser Kapitalstock für eine geringere Bevölkerungszahl überdimensioniert ist. Da muß einiges angepaßt und verschrottet werden. Ob und inwieweit andere Investitionen stattfinden werden, um Arbeitskraft zu substituieren, ist schwer vorherzusagen. In bestimmten Bereichen wird es Neuinvestitionen geben, weil sich mit der alternden Gesellschaft auch die Nachfragestruktur ändern wird. Sie braucht mehr Seniorenheime und weniger Kinderkrippen.

Was bringt eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit?

Wenn ältere Menschen länger arbeiten, haben wir nicht nur ein größeres Arbeitsvolumen, sondern wir steigern womöglich auch die Produktivität. Was ältere Menschen an Erfahrungswissen einbringen können, ist keine quantité negligeable. Solange wir in der Sozialversicherung bei der Umlagefinanzierung bleiben, entlastet eine längere Lebensarbeitszeit auch die Rentenkassen und die Krankenversicherung. Das trägt dazu bei, daß die Lohnzusatzkosten weniger steigen, und senkt die Grenzbelastung von Arbeitsentgelten.

Wird die Alterung für die Deutschen eher zur Last oder zur Lust?

Die Möglichkeiten der Wirtschaftspolitik, Wachstum und Beschäftigung zu beeinflussen, sind auf kurze Sicht sehr begrenzt. Aber auf die lange Frist, und darum geht es hier, kann die Wirtschaftspolitik Positives bewirken. Indem sie das Bildungs- und Hochschulsystem effizienter macht und die Sozialversicherungen nachhaltig reformiert. Und die öffentlichen Finanzen müssen endlich auf eine solide Basis gestellt werden, denn Bund, Länder und Gemeinden werden ja weniger Steuereinnahmen haben. Der demographische Wandel ist abzusehen und bekannt. Wenn wir heute die Weichen richtig stellen, wird die Alterung der Bevölkerung für die Deutschen kein großes Problem sein.

Die Fragen stellte Patrick Welter

Juergen B. Donges ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität zu Köln



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.09.2003, Nr. 218 / Seite 14

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Postbank Finance Award 2009: „Lehren aus der Finanzkrise“. Die Beiträge des Hochschulwettbewerbs geben Impulse und fundierte Antworten.

Dax
Tec
Dow
Nas
13.11.2009 | 17:45
Dax 5.686,83
+0,40 %
 
        Vortag
13.11.2009 | 23:59
Name Kurs in %
DAX 5.686,83 +0,40%
TecDAX 761,43 −0,15%
MDAX 7.311,23 +0,19%
SDAX 3.503,06 +0,39%
REX 373,92 +0,06%
Eurostoxx 50 2.883,04 +0,21%
Dow Jones 10.270,50 +0,72%
Nasdaq 100 1.788,61 +0,44%
S&P500 1.093,48 +0,57%
Nikkei225 9.770,31 −0,35%
EUR/USD 1,4902 +0,37%
Rohöl Brent Crude 76,46 $ −0,40%
Gold 1.107,50 $ −0,65%
Bund Future 121,42 € −0,04%
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche