26. März 2008 Das klotzige Bombay House ist eingerüstet, es wird renoviert. Durch das Portal mit seinen Marmorstufen, vorbei an einem Sikh-Wächter, eilen Angestellte und Boten. Ein Mann schleppt Kanister mit Trinkwasser herein. Im Hintergrund steht die weiße Büste von Firmengründer Jamsetji Tata. Ein Ochsenkarren, beladen mit Zuckerrohr, zieht am Haus vorbei. Schlag elf Uhr halten zwei S-Klasse-Mercedes vor dem Eingang, Banker mit Armeehaarschnitt und schwarzen Anzügen springen aus dem Fonds. Im Trubel vor dem Unternehmenssitz der Tata-Gruppe sind Vielfalt und Wandel der indischen Industrie so gut zu besichtigen wie sonst nirgends.
Hier in der Homi-Modi-Straße schlägt ihr Herz. Hier ist Tata-Land, mitten im Geschäftsviertel der Wirtschaftsmetropole Bombay, die nach dem Abschütteln der Kolonialfesseln heute Mumbai heißt. Die Büros von Tata Tea, die vor sieben Jahren die britische Tetley übernahm, liegen um die Ecke. Das prestigeträchtige erste Haus am Platze, das Taj-Hotel, das ebenfalls zum Tata-Imperium zählt, erhebt sich ein paar Straßen weiter über das Arabische Meer. HSBC, Standard Chartered und die Bank of India, allesamt an der Finanzierung der Übernahme von Jaguar und Land-Rover beteiligt, liegen in Rufweite. An der Kreuzung wienern Schuhputzer ihren Kunden den Straßenstaub von den Schuhen. Indische Anwälte und Banker zahlen 8 Rupien, Ausländer 10 (16 Eurocent).
Indiens Konzerne gehen auf globale Einkaufstour
Die Übernahme der britischen Autoikonen Jaguar und Land-Rover besitzt enorme Symbolkraft für die Inder, kauft hier doch ein Entwicklungsland die Industrieschmuckstücke seiner ehemaligen Kolonialherren. Der führende Konzern eines Armenhauses übernimmt zwei Luxusmarken, deren Käufer Großbürger der Alten Welt sind. Er wagt sich damit vor in das Kerngeschäft eines jedes Industrielandes, den Automobilbau.
Der Jubel darüber ist in Indien so groß wie sonst nur nach einem gewonnenen Kricket-Match gegen den Erzrivalen Pakistan. Denn Tatas Kauf ist jenseits aller betriebswirtschaftlichen Zweifel ein weiteres Zeichen für die Stärke der India Inc. Als hätte es eines solchen noch bedurft. Hat nicht Tata selbst schon Corus Steel für fast 9 Milliarden Euro gekauft? Gehen nicht Konzerne wie Reliance, der Pharmahersteller Ranbaxy, die Software-Riesen und die Automobilzulieferer schon längst auf globale Einkaufstour?
Ratan Tata geht es nicht um Glanz, sondern um Gewinn
Doch Tata ist anders. Denn hier kocht der Chef noch selbst. Ratan Tata, Neffe des in Indien fast heiliggesprochenen Gutmenschen, Abenteurers und Firmenlenkers J.R.D. Tata, steuert aus dem vierten Stock des Bombay House gerne und oft gerade in das Automobilgeschäft hinein. So wird auch die Entwicklung des Kleinstautos Tata Nano seinem Anstoß zugeschrieben. Dabei ist der alte Mann zwar gerne schnell unterwegs und besteigt schon mal einen Düsenjet oder fliegt im eigenen Hubschrauber zu seinen Fabriken nach Pune, großspurig indes ist er überhaupt nicht. Und das unterscheidet ihn von den selbstverliebten Erben-Milliardären, den Ambani-Brüdern oder Vijay Mallya, dessen roter SL an diesem Mittwochmorgen vor dem Bombay House parkt. Ratan Tata geht es nicht um Glanz, sondern um Gewinn. Und der fließt nicht in seine eigene Tasche, sondern in die Stiftungen, die die Tata-Gruppe hält. Als gläubiger Parse vertritt Tata noch die alte Zunft des Bombayer Geschäftsadels, der das Feuer anbetet und den Armen zurückgibt.
An seiner Seite weiß er mit Alan Rosling einen welterfahrenen Briten, der vor seinem Engagement als Direktor der Muttergesellschaft Tata Sons schon als Entsandter der Hongkonger Jardine-Matheson-Gruppe in den Aufsichtsräten von Tata Automotive Components und Tata Industries saß. Rosling arbeitet aus dem Erdgeschoss des Bombay House mit ruhiger Hand an der Strategie Tatas. Meine Aufgabe ist es, den Horizont der Gruppengesellschaften zu erweitern, indem sie den Willen Ratan Tatas zur Globalisierung umsetzen, sagt Rosling von sich.
Auch Tatas Nutzfahrzeuggeschäft brummt
Ganz anders wirkt der Chef von Tata Motors, Ravi Kant. Der ehemalige Leiter der Sparte Verbrauchergeräte von Philips India hat den Globalisierungskurs von Tata Motors umgesetzt. Er steuerte die Gründung der Gemeinschaftsunternehmen mit dem brasilianischen Bushersteller Marco Polo und dem spanischen Karosseriebauer Hispano Carrocera. Kant führte Tata Motors bei der Übernahme des koreanischen Nutzfahrzeugherstellers Daewoo Commercial Vehicles. Er fädelte die weitreichende Zusammenarbeit mit Fiat ein. Rückschläge wie die gescheiterte Vertriebskooperation mit der ehemals britischen, heute chinesischen Rover-Gruppe bremsen ihn nicht. Aus dem verschlafenen Lastwagenbauer Tata, dessen Stolz darin lag, in den buntesten Lettern Please Horn auf die Rückseiten seiner Lkw zu pinseln, soll ein weltumspannender Automobilkonzern aus Indien werden.
Die jüngsten Schlagzeilen auf diesem Weg machte dabei ein Miniauto: Der Tata Nano, einer staunenden Automobilwelt im Januar auf der Messe in Neu-Delhi vorgestellt, rundet die Palette nach ganz unten ab. Er soll jedem Inder der rasch wachsenden Mittelschicht Mobilität auf vier Rädern bieten. Tatas Nutzfahrzeuggeschäft brummt dank eines Wachstums der indischen Volkswirtschaft um gut 8 Prozent jährlich, und nun folgen noch die Edelmarken im Ausland. Mit ihnen gewinnt Tata, was der Konzern am dringendsten braucht: Kompetenz in der Entwicklung, im Marketing und in der Führung westlicher Unternehmen.
Für Tata selber ist die Übernahme ein gelungener Streich, für Indien ein Grund für noch mehr Selbstbewusstsein. Doch geht das Geschäft im Bombay House weiter. Fast zeitgleich erklärte die Gruppengesellschaft Tata Chemicals, sie nehme 850 Millionen Dollar auf. Der Grund: die Finanzierung von Unternehmenskäufen in Amerika und Afrika. Die S-Klassen der Banker werden noch oft vor dem Bombay House parken.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, picture-alliance/ dpa, REUTERS, Tata
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