19. Oktober 2007 Nervös? Nein, warum?“ Wenigstens etwas Lampenfieber? Überhaupt nicht.“ Wolfgang Gutberlet ist schon so lange im Geschäft, da kann ihn selbst eine Ehrung wie der Entrepreneur des Jahres“ nicht aus der Ruhe bringen. Zumal er schon reichlich Lorbeer trägt: 2005 wurde der Chef des Fuldaer Einzelhandels-Unternehmens Tegut zum Ökomanager des Jahres“ gekürt und im Jahr darauf zum Ausbilder des Jahres“, den Goldenen Zuckerhut 2006“ nicht zu vergessen. Und nun also der Entrepreneur des Jahres“ in der Kategorie Handel, den der Familienunternehmer für die Rolle von Tegut als Wegbereiter des nachhaltigen Großproduktion und des Handels mit gesunden Lebensmitteln“ erhalten hat.
Der Mittelständler Gutberlet äußert sich bescheiden, ja fast nüchtern über den gestern Abend verliehenen Preis. Dergleichen lenke doch nur die Aufmerksamkeit auf etwas, das schon passiert sei. Das ist schön, das feiern wir auch.“ Vor allem aber will der Osthesse erklärtermaßen daraus neue Kraft für die Gestaltung“ des 1947 von seinem Vater gegründeten Unternehmens, der Tegut – Gutberlet Stiftung & Co., ziehen.
Bio seit 1982 schon in den Regalen
Mit Gutberlet ist ein Mann für unternehmerische Spitzenleistungen geehrt worden, der schon auf Nachhaltigkeit und ökologisch erzeugte Lebensmittel gesetzt hatte, bevor diese in Mode kamen. So erweiterte Tegut bereits 1982 sein Sortiment um Bio-Artikel – fünf Jahre bevor Alnatura-Gründer Götz Rehn den ersten Bio-Supermarkt eröffnete. Wir brauchen bessere Qualitäten, und damals wie heute hat mir nur die Bio-Bewegung ernsthafte Antworten gegeben“, erläutert Gutberlet. Mit Blick auf das anhaltende Wachstum von Tegut sowohl bei der Zahl der Filialen als auch beim Umsatz meint er: Wir müssen den Kunden etwas geben, das wertig ist.“ Und er lässt eine wertkonservative Orientierung und Wertschätzung bäuerlicher Tradition durchscheinen, wenn er fragt, ob der Vergangenheit bei der konventionellen Produktion von Lebensmitteln nicht viel falsch gemacht worden sei. Wir müssen das Alte aufnehmen und etwas Neues daraus machen.“
Vor diesem Hintergrund hat Gutberlet seit der Übernahme der Verantwortung für Tegut von seinem Vater Theo Gutberlet im Jahr 1973 nicht nur die Zahl der Geschäfte von 53 auf 303 hochgeschraubt. Er hat die Belegschaft von 1000 auf 6236 Mitarbeiter aufgestockt. Darunter sind 913 Auszubildende, die bei Tegut Lernende heißen. Bei der Expansion ließ Gutberlet die hessischen Landesgrenzen hinter sich und eröffnete Läden in Thüringen, Franken und Südniedersachsen.
Fleischerei und Bäckerei gegründet
Nicht zuletzt hat Tegut auch Zulieferer in der eigenen Familie geschaffen. Schon 1969 gründete Gutberlet mit seinem Vater die Kurhessische Fleischwaren Fulda GmbH, die zuerst konventionelle Waren herstellte, mit 454 Mitarbeitern längst aber auch Bio-Wurst produziert und den Demeter-Verbund als Partner hat. 1992 rief er die Herzberger Bäckerei ins Leben, die Tegut mit Bio-Backwaren beliefert und 238 Beschäftigte zählt. Wenn man merkt, dass sich außerhalb des Unternehmens in dieser Sache nichts tut, dann muss man selbst tätig werden“, sagt eine Sprecherin des Lebensmittelhändlers.
Schließlich gesellte sich 2001 die Tochtergesellschaft Tegut Bankett hinzu, ein elf Mitarbeiter zählender Catering-Betrieb, der Partys, Familienfeiern und festliche Geschäftsessen mit Bio-Waren beliefert, einschließlich ökologischem Bier und Champagner. Dass der Caterer außer Zitronengras aus Asien und Curry aus Indien auch Brot von Herzberger und Wurst von der Kurhessischen Fleischwaren GmbH verarbeitet, versteht sich von selbst.
Expansion geht weiter
Wie der Unternehmenslenker sagt, setzt Tegut die Expansion fort. Jedes Jahr peilt das Unternehmen gut ein Dutzend neue Filialen an, zehn werden mindestens innerhalb von zwölf Monaten eröffnet. Daran wird sich laut Gutberlet auch im nächsten Jahr nichts ändern. Der Schwerpunkt soll auf dem Rhein-Main-Gebiet liegen.
Mit der wachsenden Ladenzahl wird auch der Umsatz steigen, der zuletzt selbst um neue Flächen bereinigt wuchs und Ende 2006 bei annähernd 1,1 Milliarden Euro lag. Zum Vergleich: Ende 1973 hatte Tegut lediglich 105 Millionen Euro erlöst. Wo die Grenzen der Expansion liegen, lässt der Chef offen. Gutberlet sagt allerdings: Wir könnten auch 400 Filialen bewältigen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa, Wonge Bergmann
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