Von Winand von Petersdorff
22. Februar 2004 Berlin blüht doch. In einer Getreidefabrik an der Spree. Das ist schön zu sehen auch für den Rest der Republik, der zuletzt etwas müde geworden war von Dürre-Meldungen aus der Hauptstadt. Marc, Oliver und Alexander Samwer heißen drei Kölner Brüder, die gerade im Stadtteil Kreuzberg ein Wirtschaftswunder hochziehen. Ihr zweites. Und zwar so schnell, wie hier sonst nur Finanzlöcher wachsen.
Jamba AG heißt das Baby der Juristen-Söhne, die Ende der neunziger Jahre mit dem Internetauktionshaus Alando für Furore sorgten. Der Brüder Ruf in der Internet-Szene war so: Sie machen alles gemeinsam, sie sind smart. Und was sie anfassen, wird gelegentlich Gold. Alando hatten sie und drei Mitgründer von Ebay abgekupfert, auf deutsche Verhältnisse adaptiert und an Ebay verkauft - etwa 100 Tage nach der Gründung. Die Jungen waren reich geworden, jeder 8,6 Millionen Euro schwer (vor Steuern). Und hungrig geblieben. Sie verließen das Unternehmen einige Monate nach dem Verkauf und gründeten im August 2000 Jamba, laut Eigenwerbung das "Unternehmen für das mobile Internet".
Generalangriff aufs Taschengeld
Für Menschen, die nicht zum Kernpublikum von MTV gehören, muß jetzt ausgeholt werden, um Jambas Geschäftsmodell deutlich zu machen: Für Handys kann man Klingeltöne kaufen. Knapp zwei Euro kostet einer. Das Handy läßt dann statt digitaler Signale Elvis Presleys "Love Me Tender" erklingen oder Gene Kellys "Singin' in the rain", aber viel häufiger Yvonne Catterfelds "Du hast mein Herz gebrochen". Der interessante Aspekt dabei ist, daß die Handynutzer immer wieder neue Klingeltöne von Songs ihrer Stars kaufen, dazu Logos (so eine Art Bildschirmschonerchen fürs Handy-Display) und verstärkt Spiele fürs Handy.
Die Zielgruppe sind 14 bis 29 Jahre alte Handynutzer, sagt Marc Samwer. Doch genau betrachtet, ist Jamba ein Generalangriff aufs Taschengeld der Bravo-Generation. Kernpublikum sind Schüler, die in den Pausen mit ihren Handys poussieren, mit neuen Logos, schrägen Klingeltönen und Spielen protzen. Und dieses Pausenhof-Geschäft ist ein Milliarden-Markt, wenn die Marktforscher von Frost & Sullivan richtig rechnen. Sie erwarten, daß sich der Umsatz mit Handy-Spielen in Europa von Ende 2003 bis Ende 2006 verfünffacht auf sechs Milliarden Euro.
Jamba-Pakete zum Handy
Europas Marktführer Jamba hat 2003 rund zehn Millionen Klingeltöne verkauft, 300 Prozent mehr als im Vorjahr. Dazu 4,3 Millionen Spiele (plus 500 Prozent). Während sich das das Geschäft mit den Klingeltönen verlangsamen dürfte, erwartet Jamba für die Spiele noch einen Zuwachs von 350 Prozent.
Die Samwer-Brüder geben keine Umsatzzahlen preis, so daß man auf Schätzungen angewiesen ist: Ende 2004 wird Jamba rund 70 Millionen Euro erlöst haben. Auch dank der Handelspartner Debitel, Media Markt/Saturn und Electronic-Partner, die Anteilseigner sind und beim Handyverkauf Jamba-Pakete gleich mitverkaufen. Ein Börsengang in den nächsten zwei Jahren ist wahrscheinlich, sagen Oliver und Marc. Und Alexander hätte es auch gesagt, steckte er nicht gerade in Boston, um an der Havard Business School seinen MBA zu machen. Danach soll er das Amerika-Geschäft forcieren, das Jamba gerade beginnt.
"Uns interessiert das Ergebnis"
Alles ist wie damals in den Roaring Nineties. Die coolen Samwers sitzen leicht frierend in T-Shirts mit Jamba-Logo im Konferenzraum, der nur durch Glaswände von der Klingelton-, Spiele- und Logoproduktion entfernt ist. Dort, im weißgetünchten Fabrikraumloft, sind aufgereiht nebeneinander die blassen Programmierer, Sparkassenangestellten, die abgebrochenen Studenten, die Supermarkthilfen und die Handvoll Absolventen der Wirtschaftselitehochschule WHU in Koblenz, und sie starren auf Bildschirme, bearbeiten Tastaturen, bewegen Mäuse.
250 arbeiten inzwischen für Jamba, Durchschnittsalter 26, Krawattendichte: keine auf einhundert. Es wird geduzt. Die Bildschirme sind gut, die Stühle sind sehr gut, und die Tische bestehen jeweils aus zwei Böcken, auf denen eine Platte liegt. "Von Ikea", schwärmt Oliver Samwer. Das Modell für Studenten nach der Bafög-Kürzung. Der Umgang ist leger, die Arbeit konzentriert. "Uns interessiert das Ergebnis", sagt Oliver Samwer.
Industrie arbeitet für Jamba
Jamba hat die Gewinnschwelle nicht überschritten. Auch das paßt ins Bild. Und die Visionen sowieso: Die Handys werden besser, und damit können darauf immer komplexere Spiele und Klingelsignale geladen werden. Bald werden es Musik-Video-Clips sein, die dem Nutzer einen Anruf signalisieren. Die Industrie arbeitet für Jamba. Alle zwei Jahre bekommen die Nutzer ein neues Handy, das komplexere Daddeleien und Klingelsignale in Walkman-Qualität zuläßt. Die Telekoms haben gleichzeitig ein großes Interesse, die Geräte zu subventionieren, weil sie selbst mehr Telekomdienste verkaufen wollen.
Die Ambitionen sind riesig: "Wir wollen ein großes Unternehmen bauen mit ein paar tausend Mitarbeitern", sagt Oliver Samwer. "Und wir wollen uns niemals mehr so beeindrucken lassen wie damals durch Pierre Omidyar." Der Ebay-Gründer, der Alando an sich gebracht hatte. Da klingt ganz sanft der Schmerz an, der mit dem Verkauf von Alando zurückblieb. "Wir wollen auch einmal ein Unternehmen kaufen", sagt Oliver Samwer. Das klingt spielerisch. Und ist ganz ernst gemeint.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 22.02.2004, Nr. 8 / Seite 34
Bildmaterial: Christian Thiel
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