Interview

„Reich geboren zu sein ist immer schlecht“

 „Ich weiß die Ehre zu schätzen, die erste Frau zu sein - aber ich werde nicht die letzte sein“: Elinor Ostrom

„Ich weiß die Ehre zu schätzen, die erste Frau zu sein - aber ich werde nicht die letzte sein“: Elinor Ostrom

10. Mai 2007 Bisher ist der Wirtschafts-Nobelpreis eine männliche Veranstaltung. Das könnte sich aber ändern. Die Amerikanerin Elinor Ostrom, „Grande Dame“ der Institutionenökonomik, erfüllt das notwendige Kriterium für die Auszeichnung: Mit ihren Arbeiten über „Allmendegüter“ hat sie ein wichtiges ökonomisches Forschungsgebiet von politischer Relevanz erschlossen.

Allmendegüter sind knappe Ressourcen, von deren Nutzung niemand ausgeschlossen werden kann, die aber Gefahr laufen, „übernutzt“ zu werden - von der Umwelt bis hin zu Moral und Vertrauen in einer Gesellschaft. Ostrom hat gezeigt, dass die Ermöglichung von Selbstorganisation und dezentralem Management entscheidend dazu beiträgt, soziale Dilemmata zu überwinden und Nachhaltigkeit zu erreichen.

Ostrom lehrt Politikwissenschaft an der Indiana University in Bloomington. Derzeit leitet sie eine „Summer School“ des Walter Eucken Instituts und der Universität Freiburg.

Frau Ostrom, in Deutschland wächst die Ungleichheit der Einkommensverteilung in letzter Zeit spürbar. Wird das irgendwann den Zusammenhalt unserer Gesellschaft sprengen?

Eine Gefahr ist das schon. Auch in Amerika macht mir das Sorge. Ungleichheit ist gefährlich. Wenn die Reichen in allzu extremen Höhen schweben, können sie gar kein Verständnis mehr haben für die Nöte der Armen. Wenn es immer mehr Reiche gibt und damit Leute, die sich für etwas Besseres halten, dann ist das nicht gut für eine Demokratie. Außerdem sind zu große Vermögen in der Regel auch wirtschaftlich unproduktiv - zumindest in der dritten Generation von Unternehmern. Die reich geborenen Schichten sind häufig weder sonderlich lebenstüchtig noch unternehmerisch. Sie verbrauchen eher ihr ererbtes Vermögen und das damit verbundene Sozialkapital, als dass sie welches aufzubauen helfen. Reich geboren zu sein ist immer schlecht.

Was heißt das? Noch mehr steuerliche Umverteilung? Dem Unternehmergeist würde das kaum auf die Sprünge helfen.

Nein, klar, es ist erst einmal vorrangig, die Übernahme von Risiken zu erleichtern und so Unternehmertum überhaupt zu ermöglichen. Die Leute sollen schon reich werden können. Rendite ist nötig und meistens auch gerechtfertigt. Meine Sorge bezieht sich nur auf „embedded wealth“, sozial gleichsam abgeschottetes, ererbtes Vermögen. Manches ist da wirklich völlig abgehoben. Und schauen Sie sich nur manche dieser Managergehälter in Amerika an. Die sind zum Teil einfach obszön.

In Deutschland bewegen wir uns noch lange nicht in amerikanischen Dimensionen - mit den Managergehältern nicht und mit der Ungleichheit auch nicht.

Stimmt. Und die Verschärfung der Ungleichheit in Deutschland hängt auch nicht zuletzt mit der Wiedervereinigung zusammen. Das muss man sehen. Die Transformation eines Wirtschaftssystems ist immer eine ziemlich heftige Angelegenheit. Da ist es wenig verwunderlich, wenn das Gefühl des Zusammenhalts oder des Vertrauens in einem Land zumindest vorübergehend abnimmt. Dann aber kommt es darauf an, dass die politischen Parteien, die Regierung, die Wissenschaft, die Kirchen und andere Akteure wahrnehmen, dass darin in der Tat eine Bedrohung liegt. Sie müssen reagieren. Das Problem löst sich nicht von selbst.

Ist da eher die Regierung gefragt oder die Zivilgesellschaft?

Die Politik spielt schon eine Rolle. Für den Zusammenhalt der Gesellschaft ist es zum Beispiel sehr wichtig, dass der Staat nicht diskriminiert, sondern universellen Zugang zu öffentlichen Gütern und anderen staatlichen Leistungen gewährt, beispielsweise zu Gesundheitsversorgung und Alterssicherung. Das heißt aber nicht, dass jeder Bürger exakt die gleichen Nutzungsgrade hat. Nur der Zugang muss diskriminierungsfrei sein. Außerdem ist es ganz entscheidend, dass der Staat die Dinge, die er den Bürgern mit deren Steuergeldern zur Verfügung stellt, nicht auch kurzerhand gleich selbst produziert. Staatliche Einheitskrippen sind so ein Fall.

Wieso?

Wenn es dazu kommt, dann bleibt der Gesellschaft nicht mehr genügend Raum dafür, innovative Lösungen auszuprobieren und Neues zu erlernen. Das gilt übrigens ganz generell: Alles, was die Vielfalt fördert, schafft Sozialkapital und dient so der Gesellschaft. Zentrale Regelsysteme und Einheitslösungen sind nie hilfreich. Das ist mir wirklich wichtig: Die Vielfalt der gesellschaftlichen Optionen ist von überragender Bedeutung. Nur da gibt es ein Benchmarking, nur da gibt es Konkurrenz. Wenn ein Ansatz schiefgeht, dann haben wir bei Vielfalt die Wahl, dann können wir voneinander lernen, unsere Kreativität einsetzen und uns Neuem zuwenden. Darin liegt ja auch der Charme des Föderalismus.

Was ist eigentlich Sozialkapital? Wie genau definieren Sie das?

Wie jedes andere Kapital - physisches oder Humankapital - ist auch Sozialkapital das Ergebnis des Ressourceneinsatzes und der Anstrengung von Menschen, die darauf zielen, in Zukunft einen positiven Einkommensstrom zu erreichen. Nur handelt es sich hier nicht um individuell zurechenbares, sondern gemeinschaftliches, das heißt gemeinschaftlich aufgebautes und gemeinschaftlich genutztes Kapital. Dazu gehören auch die rechtlichen, ökonomischen und politischen Regeln und Institutionen eines Landes. Aber Vorsicht: der Begriff „Sozialkapital“ an sich ist erst einmal völlig wertfrei. Wie jedes andere Kapital kann auch Sozialkapital für gute oder schlechte Verwendungen genutzt werden. Die Mafia beispielsweise investiert viel in ihr Sozialkapital in Form von Netzwerken. Die Rüstungsindustrie verfügt über physisches Kapital. Und Computerhacker haben erhebliches Humankapital. Doch alle diese Verwendungsrichtungen sind von zweifelhaftem moralischem, ökonomischem und gesellschaftlichem Nutzen.

Hier geht es uns natürlich um positiv genutztes Sozialkapital. Müssen die Regeln, Konventionen und Institutionen, die das so verstandene Sozialkapital einer Gesellschaft ausmachen, eigentlich immer schriftlich festgehalten sein? Es gibt doch auch „ungeschriebene Gesetze“.

Klar. Praktisch jedoch stellt das ein großes Problem dar, zum Beispiel in der Entwicklungspolitik. Wenn die Dinge nicht schriftlich festgehalten sind, dann haben Entwicklunghilfeorganisationen und auch die nationalen Regierungen in vielen Fällen gar keine Chance zu wissen, dass es in bestimmten Gemeinschaften bereits eingeübte Strukturen regelgeleiteter Interaktion gibt. Und dann kommen die daher und drücken diesen Gemeinschaften importierte neue Regelsysteme auf, welche die bestehenden Strukturen und das bestehende Sozialkapital ignorieren. Das geht immer schief.

Und wie entsteht Sozialkapital? Von oben oder von unten? Vor allem durch den Staat oder durch die Bürger? Welche Rolle haben Unternehmen?

Auf diese Fragen gibt es keine einfache Antwort. Es gibt viele Entstehungswege für Sozialkapital, in vielen Fällen ist die Regierung gefragt, in anderen nicht. Wichtig ist nur, dass diese vielen Wege offengehalten werden und dass Vielfalt entsteht. Präzise organisieren lässt sich das sowieso nicht; das wäre Anmaßung. In den Vereinigten Staaten zum Beispiel ist es nicht die Regierung, sondern die Wirtschaft, die sich jetzt des Umweltschutzes annimmt und über geringere Kohlendioxidemissionen nachdenkt. Die Wirtschaft bemüht sich somit, ein Sozialkapital aufzubauen, das die bereits geschehenen Schäden kompensiert oder wenigstens in der Zukunft verhindert. Und umgekehrt sollte man bloß nicht denken, dass Nichtregierungsorganisationen zwangsläufig mehr das Gemeinwohl im Sinn haben als Privatunternehmen. Viele Nichtregierungsorganisationen sind wie Bienen auf der Suche nach Honig.

Aber soll sich die Wirtschaft in die gesellschaftliche Regelsetzung aktiv einschalten, zum Beispiel durch konkrete Verhaltenskodizes? Hat sie dazu das Recht?

Auch da muss man sich den Einzelfall ansehen. Aber natürlich hat jeder wirtschaftliche Akteur eine moralische Pflicht, die über die Bedienung der eigenen Kundschaft hinausgeht. Das gilt nicht nur für Individuen, sondern auch für Gemeinschaften und Organisationen - wie zum Beispiel Unternehmen.

Das Gespräch führte Karen Horn.



Text: F.A.Z., 09.05.2007, Nr. 107 / Seite 17
Bildmaterial: Indiana University

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