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Klimaschutz

Die Utopie eines klimafreundlichen Deutschlands

Die Treibhausgase der Industrieländer könnten in den nächsten 40 Jahren um 95 Prozent gesenkt werden. Das sagen die Umweltminister der EU. Das glaubt auch die Umweltorganisation WWF. Ökonomen sind skeptischer.

Von Lisa Becker

Klimafreundlich. Zumindest, wenn er Atomstrom tankt: der Smart “electric drive“Klimafreundlich. Zumindest, wenn er Atomstrom tankt: der Smart "electric drive"

23. Oktober 2009 

Ein Vorschlag gibt Rätsel auf. Die Umweltminister der Europäischen Union bieten an, die Treibhausgase in den Industrieländern bis 2050 gegenüber 1990 um 95 Prozent zu senken. Wie kann ein so ehrgeiziges Ziel erreicht werden? Wie lebt man in einem Land, in dem so gut wie kein Kohlendioxid mehr ausgestoßen wird? Diese Fragen wollte auch die Umweltorganisation WWF beantwortet haben und hat Wissenschaftler des Freiburger Öko-Instituts und der Baseler Prognos AG beauftragt, ein Deutschland 2050 fast ohne Treibhausgasausstoß zu beschreiben.

Dass ein so hohes Reduktionsziel unvermeidlich ist, um die Klimakatastrophe zu verhindern, ist für den WWF eine Tatsache. Es sei auch zu verwirklichen, wenn man nur wolle, sagt Regine Günther, Klimaexpertin der Organisation. An unserem Leben würde sich nicht viel ändern, meint sie. Die Studie zeigt konkret auf, wie Menschen in einem klimaunschädlichen Deutschland zu leben hätten. „Alle unsere Häuser werden sehr gut gedämmt sein und wir werden nur Lampen mit Leuchtdioden haben“, sagt Günther. Die Menschen müssten für kurze Strecken Elektrofahrzeuge benutzen, die sich aus erneuerbaren Energien speisten, und für längere Strecken öffentliche Verkehrsmittel.

Lastwagen dürfen noch Biosprit tanken

Klimasünderin: die Kuh. Der Rindfleischverzehr müsste laut WWF um zwei Drittel sinkenKlimasünderin: die Kuh. Der Rindfleischverzehr müsste laut WWF um zwei Drittel sinken

Für den Güterverkehr hält sie einen Umstieg auf Elektromobilität hingegen für unrealistisch. Die Lastwagen müssten deshalb Biosprit tanken. Um das 95-Prozent-Ziel zu erreichen, müssten schon jetzt viele Weichen gestellt werden. So würden für 60 Prozent der Emissionen im Jahr 2050 die Entscheidungen jetzt getroffen, haben die Umweltwissenschaftler für den WWF herausgefunden. „Man müsste schon heute festlegen, wie Häuser gebaut und gedämmt werden und welche Kraftwerke man baut“, sagt Günther. Dabei sollte man auf erneuerbare Energien setzen. Diesen Energieträgern trauen die Studienautoren zu, 2050 einen Anteil von 50 Prozent am Endenergieverbrauch zu erreichen. Um die Produktionsschwankungen auszugleichen, die diesen Energieträgern eigen sind, müsste in den Ausbau von Zwischenspeichern investiert werden.

Der Anteil der erneuerbaren Energien könne allerdings nur dann stark steigen, wenn der Energieverbrauch deutlich sinke. Privatpersonen können nach dem WWF-Szenario ihren Energieverbrauch bis 2050 um 76 Prozent senken, vor allem wegen besser gedämmter Häuser. Der Industrie wird wegen des technischen Fortschritts eine Verbrauchsreduktion von gut 50 Prozent zugetraut. Wegen physikalischer Grenzen könne ein Teil der Kohlendioxid-Emissionen allerdings nicht verhindert werden, räumt der WWF ein. Diese müssten deshalb mit der CCS-Technik (Carbon Dioxide Capture and Storage) abgeschieden und in die Erde eingelagert werden.

Die Lebensweise mit Verboten lenken

Ein Deutschland fast ohne Treibhausgase ist allerdings auch nach den Vorstellungen des WWF nicht umsonst zu haben. Nach seinen Berechnungen fallen die Kosten mit jährlich 0,3 bis 0,6 Prozent des Bruttoinlandsproduktes aber vergleichsweise gering aus. Andere Studien legen höhere Kosten nahe. Der Weg dorthin würde allerdings auch Kosten nichtmonetärer Art mit sich bringen. Eine fast vollständige Vermeidung der Treibhausgase in gut 40 Jahren ist kaum zu erreichen, wenn man die Lebensweise nicht lenkt. Das verdeutlicht der in der WWF-Studie präsentierte lange Maßnahmenkatalog. Darin sind nicht nur vergleichsweise marktnahe Instrumente wie Emissionszertifikate enthalten, sondern auch Verbote sowie strenge Standards und Grenzwerte. So wird zum Beispiel vorgeschlagen, den Viehbestand ordnungsrechtlich zu beschränken. Das WWF-Szenario sieht nämlich vor, dass der Verzehr von tierischen Produkten, vor allem von Rindfleisch, bis 2050 um zwei Drittel sinken müsste.

Liberal gesinnte Umweltökonomen lehnen solche ordnungsrechtlichen Maßnahmen und Verbote als zu teuer ab. Den Kostenbegriff fassen sie weit; er enthält auch Kosten wie den Verzicht auf eine geschätzte Lebensweise. Wolle man viel für den Klimaschutz erreichen, dürfe man die Menschen nicht überstrapazieren, sagen sie. Deshalb fordern sie, dass die internationale Staatengemeinschaft nur einen Rahmen festlegen sollte, zum Beispiel eine bestimmte Menge an Verschmutzungsrechten. Haushalte und die Unternehmen sollten dann selbst entscheiden, wo und wie sie den Ausstoß von Treibhausgasen vermeiden.

Ökonom: Fragwürdige Pläne

Manuel Frondel vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung in Essen hält konkrete Reduktionsziele sogar grundsätzlich für fragwürdig. Das Wissen über den Klimawandel reiche dazu nicht aus. Die von der EU und dem WWF vorgeschlagenen 95 Prozent hält er zudem für äußerst unrealistisch. Das liege vor allem daran, dass die Investitionen, die gerade und in den nächsten Jahren in Kraftwerke getätigt würden, die Emissionen für einen langen Zeitraum festlegten. Denn konventionelle Kraftwerke liefen 50 bis 60 Jahre. Auch sei nicht zu erwarten, dass es große Sprünge in den Wirkungsgraden der Kraftwerke gebe. Außerdem nutze auch ein sehr hoher Anteil erneuerbarer Energien wenig. Weil mit ihnen nur unregelmäßig Strom produziert werden könne, müssten mit zunehmenden Anteilen wesentlich mehr Gaskraftwerke gebaut werden. Nur ein Durchbruch in der Kernfusion könne die Emissionen auf null bringen. Diesen bewertete Frondel aber als unrealistisch.

Ein Solarkraftwerk in Borna bei Leipzig produziert ZukunftsstromEin Solarkraftwerk in Borna bei Leipzig produziert Zukunftsstrom

Ein starker Rückgang des Kohlendioxidausstoßes sei vorstellbar, wenn das gesamte Kohlendioxid abgeschieden und versenkt würde. Obwohl das seiner Meinung nach technisch funktioniert und ungefährlich ist, sieht der Umweltökonom Grenzen. Zum einen gebe es nicht genügend Lagerstätten, zum anderen sei nicht zu erwarten, dass sich Stromversorger, Bund und Länder darüber einigen könnten, wer die Infrastruktur bereitstellt.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, ddp, dpa

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