Von Michael Spehr und Raymond Wiseman
23. Januar 2007 Wir haben Vista seit einigen Monaten gründlich inspiziert. Eine schnelle Antwort vorab: Das neue Betriebssystem ist gewiss keine Revolution. Windows bleibt Windows, mitsamt seinen Möglichkeiten, aber auch mit vielen Fallstricken und Widrigkeiten. Klar: Das Neue ist schicker geworden, die Leute aus Redmond haben viel von Apple übernommen, das Design wirkt frisch. Unter der Oberfläche hat sich etliches getan, vor allem gibt es ein Plus an Sicherheit. Doch zunächst zu den Voraussetzungen: Vom ersten DOS bis zu Windows XP war jedes Betriebssystem von Microsoft stets anspruchsvoller als der Vorgänger.
Raymond Wiseman: Ich wechsle zu Vista
Michael Spehr: Ich bleibe bei XP
So wundert es nicht, dass auch Vista höhere Anforderungen stellt, vor allem, wenn es mit allen optischen Feinheiten wie der Mac-ähnlichen Aero-Oberfläche betrieben werden soll. Die Spezifikationen, die Microsoft angibt - Prozessorgeschwindigkeit von mindestens einem Gigahertz, ein Gigabyte-Arbeitsspeicher und eine 40-Gigabyte-Festplatte -, sind tatsächlich Minimalanforderungen. Dazu gehören auch eine Grafikkarte mit 128-Megabyte-Video-Arbeitsspeicher für Auflösungen von 1280 x 1024 Pixel oder höher und ein Grafikchip, der DirectX 9 unterstützt. Sonst bleibt das schicke Aero abgeschaltet.
Besser noch warten
Ob gediegene XP- Rechner für Vista taugen, probierten wir mit einem halben Dutzend vorhandener Maschinen, ein bis drei Jahre alt. Aktuelle PCs halten den Anforderungen von Vista durchaus stand, sie ächzen keineswegs unter dem neuen Betriebssystem. Und eine komplette Neuinstallation auf diesen Geräten war bei uns durchweg nach 30 Minuten abgeschlossen. Wer allerdings seine alten Programme und Einstellungen behalten möchte und das neue Windows übers alte installiert, kann schon mal mit der zehnfachen Einrichtungszeit rechnen und auch damit, dass ein Gutteil seiner Software anschließend nicht läuft.
Da hat Vista nämlich ganz eigene Ansprüche, vor allem, wenn systemnahe Programme zum Einsatz kommen: Das können Treiber von Druckern, Scannern, TV-Karten oder W-Lan-Adaptern sein, aber auch Medienanwendungen - besonders für Musik und Videobearbeitung -, Brennprogramme und Sicherheitssoftware. Sicherlich werden alle namhaften Hersteller über kurz oder lang Updates bereitstellen, die in der Regel kostenfrei übers Internet bezogen werden können. Wer schon jetzt umsteigt, muss mit Problemen rechnen. Klüger ist es also, noch ein paar Wochen zu warten. Oder einen fertig konfektionierten Vista-PC zu kaufen.
Patzer bei der Spracherkennung
Was erwartet einen mit Vista im Alltag? Die Aero-Oberfläche wirkt übersichtlich und transparent, nicht zuletzt wegen der Fenster, die den Hintergrund durchscheinen lassen. Das hilft ebenso bei der Orientierung wie der sogenannte Flip-Wechsel, wobei die verschiedenen Fenster gestaffelt übereinander liegen und via Maus-Scrollrad ihre Inhalte zeigen. Überhaupt gibt es mehr Animationen, Ressourcenfresser könnte man sagen. All diese optischen Zugaben kann man auch abschalten, wenn man sie nicht mag. Eine Premiere ist hingegen die Spracherkennung im deutschen Vista, im amerikanischen XP gab es das schon. Die Technik arbeitet mittlerweile gut und fehlerfrei. In Zukunft wird man mehr mit seinem Rechner sprechen und komplizierte Anweisungen diktieren. Im Prinzip kann man nach der Einrichtung des Mikrofons sofort loslegen. Ein Training ist nicht erforderlich, aber empfehlenswert. Die Spracherkennung arbeitet mit jedem Programm des Betriebssystems zusammen, sie lässt sich zur Rechnersteuerung verwenden (auch zur Mauspositionierung mit Hilfe von Gitterlinien), und wenn man einige Zeit damit gearbeitet hat, ist die Erkennungsrate sehr hoch, auch bei nichtalltäglichen Phrasen.
Nur bei der Korrektur falsch erkannter Worte - wichtig, damit der Spracherkenner für künftige Diktate lernt -, patzt Microsoft. Es fehlt die Option, flink mit der Tastatur etwa einen Eigennamen einzugeben. Hier ist der Vista-Nutzer auf einen Buchstabiermodus angewiesen, und das ist eine ziemlich lästige Angelegenheit, vor allem bei Namen oder Begriffen mit Umlauten. Wenn man mit der Tastatur korrigiert, lernt das System leider nicht dazu. Ein Blick auf die Optionen und Möglichkeiten zeigt, dass Microsoft mit seiner Spracherkennung Appetit machen will auf mehr. Das gesamte Drumherum eines professionellen Systems sucht man vergeblich. Gut vorstellbar ist, dass schon bald eine Plus-Version als ernsthafte Konkurrenz für das Referenzprodukt Dragon Naturally Speaking (vom Hersteller Nuance) kommt.
Multimedia und Rechteminderung
Insgesamt tritt Windows Vista mit viel Zubehör auf den Plan. Es gibt verschiedene Versionen mit diversen Extras, von der Home Basic ohne Aero für 260 Euro (Update: 140 Euro) bis hin zur Ultimate-Ausstattung, die stolze 550 Euro kostet (Update: 280 Euro). Eine Enterprise-Version für Unternehmen gibt es nicht im freien Handel. Indes erreichen die Extras für E-Mail, Terminkalender und Faxversand nicht das Niveau von eigenständigen Vollprogrammen. Man kann also getrost bei den günstigeren Vista-Varianten bleiben und sich die deutlich besseren Softwarespezialisten von anderen Herstellern dazukaufen.
Neu ist der Movie Maker für den Filmschnitt, und neben dem Media Player ist bei Home Premium und Ultimate noch das Media Center verfügbar, das zusätzlich zur Wiedergabe von Musik, Fotos und Filmen den PC auch zum Fernsehgerät und Videorekorder macht, die entsprechende TV-Hardware vorausgesetzt. DRM, die digitale Rechteminderung, hat bei Vista Anlass zu wildesten Spekulationen gegeben. Dass man bei Multimedialem aller Art nun gar nichts mehr darf, ist falsch. Herkömmliche Formate werden nach wie vor klaglos unterstützt, aber bei hochauflösendem Material gelten wie beim hochauflösenden Fernsehen (HDTV) die Restriktionen der Film-, Fernseh- und Musikindustrie. HD-Inhalte wird man also nicht kopieren oder bearbeiten können, geschweige denn brennen.
Widgets à la Windows
Zu den gelungenen neuen Bordmitteln von Vista zählt die integrierte Suche. Sie hatte in der Desktop Search für Windows XP bereits einen Vorläufer. Nun ist sie fest im Betriebssystem verankert und tut hier auffällig gut und rasch ihren Dienst. Direkt am Fuß des Windows-Menüs findet sich das Suchfeld, von dem aus sich nicht nur die installierten Programme, sondern auch zuvor besuchte Internet-Seiten ebenso wie Dokumente oder Medien ohne Umweg öffnen lassen. Auch E-Mails kann man hierbei flink durchforsten. Ursache für die hohe Geschwindigkeit ist die im Hintergrund laufende Indizierung der Dateien - alles in allem ein gelungenes Detail.
Ein neues Bildschirmelement ist die Sidebar: permanent eingeblende Mini-Anwendungen am Rand der Anzeige. So trudeln hier Nachrichten ein, tickt die Uhr, läuft die persönliche Diashow, oder es fallen die Kurse direkt über unserem Schreibtisch. Neben den bereits installierten Mini-Anwendungen gibt es weitere im Internet. Auch auf Seiten der Hardware gibt sich Windows innovativ: die Sideshow-Funktion zeigt Wichtiges, etwa das Eintreffen neuer E-Mail, in einem Mini-Display auf der Außenseite des Notebooks.
Virenschutz noch immer nicht inklusive
Backup-Programm und Datensicherung gehören zum Schutz von Vista ebenso wie die Systemwiederherstellung. Verschlüsseln lassen sich einzelne Dateien und Ordner mit EFS (Encrypted File System) oder die gesamte Festplatte mit Bitlocker. Voraussetzung für diese Technik ist jedoch ein bislang nur selten eingebauter TPM-Chip. Für den reibungslosen und sicheren Rechnerbetrieb sorgt die neue Benutzerkonten-Verwaltung. So sind systemkritische Aktionen, beispielsweise die Installation neuer Software, nur für Nutzer mit Administrator-Rechten möglich, wobei noch einmal explizit die Erlaubnis bestätigt werden muss. Diese Abfrage soll einerseits verhindern, dass Programme selbsttätig Abläufe initiieren und andererseits, dass der Anwender unbedacht Systemeinstellungen ändert.
Über die Jugendschutzeinstellungen von Vista können Eltern Nutzerkonten für ihre Kinder einrichten und vorgeben, welche Seiten die Sprösslinge im Internet besuchen und welche Spiele und Programme sie starten dürfen. Darüber hinaus lassen sich Zeiten für die Benutzung des Rechners festlegen. Auch der Internet Explorer 7 soll mit etlichen Mechanismen mehr Sicherheit gegen Viren und Schädlinge bieten. Den ein- und ausgehenden Datenverkehr kontrolliert die Windows-Firewall. Sie fällt wesentlich komplexer und leistungsfähiger aus als in den Vorgängerversionen. Der Defender soll die Installation und das Ausführen gefährlicher Software verhindern. Eines hat Vista übrigens noch immer nicht im Lieferumfang: ein Anti-Virus-Programm. Symantec, Kaspersky und andere wird es freuen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Michael Spehr
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