Von Christian Siedenbiedel, Goa
13. Februar 2007 Am Rande einer Straße in Goa im Südwesten Indiens, bekannt als Urlaubsort und Auswanderungsziel europäischen Hippies, steht ein ungewöhnliches Verkehrsschild. Direkt unter dem amtlichen Hinweis auf eine Geschwindigkeitsbeschränkung sieht man den Schriftzug Coca Cola“: ein Sponsoring-Projekt, wie ein Ortskundiger erklärt. Das sei hier keine Seltenheit, auch der Grünstreifen in der Mitte zwischen den Fahrbahnen sei von einer privaten Firma bepflanzt worden und werde von ihr gepflegt. Und für eine geplante Autobahn suche die Regierung schon jetzt Unterstützer aus der Wirtschaft.
Public Private Partnership“ ist einer der am meisten gebrauchten Ausdrücke im neuen Indien“. Anders bekommen wir die gewaltigen Investitionen in die Infrastruktur, die noch ausstehen, nicht hin“, meint Anand Mahindra, einer der Chefs von Mahindra & Mahindra“. Diese Unternehmensgruppe, eine der größten des Landes, stellt unter anderem Stahl und Autos her. Der Havard-Absolvent und mehrfache Manager des Jahres“, der gerade in Europa zwei Stahlfirmen gekauft hat, ist fest davon überzeugt, dass auf Dauer der Absatz von Automobilen in Indien auch von der Qualität der Straßen abhängen wird – dass ein Engagement der Privaten also auch in deren ureigenstem Interesse notwendig sei.
Allianz mit Europa
Diese Frage spielte in den vergangenen Tagen beim ersten Euro India Forum“ eine wichtige Rolle, zu dem rund 200 hochrangige Vertreter Europas und Indiens in Goa zusammengekommen sind: Wie kann es gelingen, das gewaltige, von der Informationstechnologie-Branche angeschobene Wachstum der indischen Wirtschaft (im vorigen Jahr um zehn Prozent nach mehreren Jahren hoher einstelliger Wachstumsraten) auch für die Verbesserung der allgemeinen Lebensbedingungen und für die kommunalen Belange nutzbar zu machen? Denn trotz des neuen Wohlstands der Unternehmen vor allem in bestimmten Regionen wie Bangalore leben viele Menschen nach wie vor in Armut. Wasserversorgung, Müllbeseitigung, Verkehr und ein Wohnraumversorgung gerade in den Großstädten sind weiterhin gewaltige Probleme des Landes, die sich mit der zunehmenden Urbanisierung eher noch verschärfen dürften.
Für die Lösung wollen die neuen Megastädte des asiatischen Subkontinents Erfahrung aus anderen Regionen nutzen – und eine Allianz mit Europa aufbauen. Dazu hatten die Gastgeber des Euro India Forums“ neben Stadtmanagern aus indischen Großstädten wie Mumbai (Bombay) und Kalkutta und hochrangigen Wirtschaftsvertretern auch Repräsentanten mehrerer europäischer Großstädte eingeladen, aus Lissabon, Zürich, Lyon, La Rochelle – und Frankfurt. Deutschland war nach dem Krieg stark zerstört und hat es geschafft, seine Städte neu zu organisieren. Vielleicht kann Indien davon für Städte wie Mumbai lernen“, meinte Forum-Organisator Michel Sabatier, ein mit einer indischen Frau verheirateter französischer Business-School-Absolvent, der das Euroindia-Centre leitet. Die Institution setzt sich für eine Reaktivierung“ der Beziehungen zwischen Indien und Europa auf politischem, wirtschaftlichem und kulturellem Gebiet ein, wie er sagt.
Die Frankfurter Delegation, zu der neben der Geschäftsführerin der Wirtschaftsförderung, Urda Martens-Jeebe, unter anderem Kämmerer Horst Hemzal (CDU) und der Wirtschafts- und Planungsdezernent Edwin Schwarz (CDU) gehörten, stellte zwei Aspekte in den Mittelpunkt: Die Finanzierung von Infrastruktur und den Bau von Sozialwohnungen im weitesten Sinne, wie er in der Mainmetropole in den zwanziger Jahren begonnen und in den fünfziger Jahren verstärkt fortgesetzt wurde. Die Inder sind sehr gut über Privatfinanzierung informiert“, stellte Hemzal, der zum ersten Mal in dem Land war, nach den Gesprächen mit indischen Kollegen fest.
Großstädte drohen zu platzen
Doch Indien ist gewaltig groß – Verbesserungen der Infrastruktur wirken oft wie ein Tropfen auf den heißen Stein. Sind Indiens Megastädte mit vielen Millionen Einwohnern in diesem Sinne überhaupt mit einer 600.000-Einwohner-Stadt wie Frankfurt vergleichbar? Nach Meinung von Pratapsingh Raoji Rane, Premierminister von Goa, schon: Gerade unsere großen Städte aus der Kolonialzeit sind im Kern oft nach europäischem Muster aufgebaut.“ Da viele Großstädte in Indien zu platzen“ drohten, sei ein stärkerer Erfahrungsaustausch mit Vertretern von europäischen Kommunen sinnvoll – in Zukunft auch auf der Sachebene: Das machen die Europäer untereinander doch auch.“
Mumbai, am frühen Montagabend. Der Verkehr ist atemraubend, wer überholen will, hupt, immer wieder halten Kühe alles auf. Die Inder arbeiten an neuen Verkehrsmitteln, in mehreren Großstädten wird politisch um den Bau von U-Bahn-Linien gerungen. Doch wenn das Geld knapp ist, wer mag dann entscheiden, dass man in Tunnel unter der Stadt investieren soll statt etwa in neue Wasserleitungen? Eine Gesellschaft, die von der Regierung gegründet wurde, soll vernetzten Verkehr“ in den Megastädten organisieren. Als Vorbild nennen die Inder Zürich, wo selbst die hochrangigen Banker den öffentlichen Nahverkehr benutzten, weil er gut organisiert sei. In der indischen Hauptstadt sollen hunderte von privaten Fahrdienstanbietern zu gemeinsamen Tarifen, Tickets und Haltestellen bewegt werden – kein einfaches Unterfangen, wie ein Sprecher der Gesellschaft berichtet.
Ganz andere Sorgen hat man in der Provinz, etwa in Kleinstädten in Goa. Hier leben viele Menschen vom Tourismus, stellen etwa in Handarbeit Andenken her, die sie in kleinen Läden, oft im einzigen Raum ihres Hauses, verkaufen. Das Geschäft laufe mal gut, mal schlecht, je nachdem, wie der einzelne Anbieter den Geschmack der Touristen treffe und wie sein Standort sei, meint Nikhil Desai von der Goa Handicrafts Rural & Small Scale Industries Development Corporation“. Diese Gesellschaft hat sich zum Ziel gesetzt, den Andenken-Herstellern mehr Sicherheit zu geben. In einem zentralen Geschäft in der Mittelstadt Panaji verkauft die Gesellschaft deshalb Produkte der verschiedenen Ein-Mann-Firmen, unterstützt sie beim Design und bei der Werbung. Gerade planen wir, mit ,Handicrafts made in Goa‘ auch auf den europäischen Markt zu gehen“, sagt Desai. Noch schaue man, für welche besonders attraktiven Handarbeitsprodukte sich das lohne – und suche nach Partnern in Europa. Insgesamt aber sei man zuversichtlich.
Situation der Armen
Auf das Unternehmertum, das schließlich auch in Europa bei der Entwicklung eine wichtige Rolle gespielt habe, setzt Vijaya Lakshmi. Die Frau arbeitet in New Delhi bei der indischen Entwicklungsgesellschaft Development Alternatives“. Diese unterstützt Firmengründer in armen Regionen und versucht beispielsweise, in Slums kleine Unternehmen zu etablieren, die Wasser verkaufen. Sie organisiert Kleinkredite, die es trotz aller Bemühungen in Indien noch nicht flächendeckend gebe, damit solche Wasser-Unternehmer etwa in Auffangbecken investieren könnten.
Außerdem hilft sie bei der Erstellung von Business-Plänen für Kleinst-Gründer. Leicht sei das alles nicht: Als schwierig erweist sich die Tatsache, dass die öffentliche Hand solche Güter wie Wasser unentgeltlich anzubieten pflegte. Das habe dazu geführt, dass nicht ausreichend in entsprechende Anlagen investiert worden sei, die Qualität leide, und nach wie vor gebe in vielen armen Vierteln keinen Anschluss an das öffentliche Wassernetz. Politisch und bei den Menschen aber durchzusetzen, dass man für Wasser zahlen müssen, und sei es nur ein niedriger Preis – das sei gar nicht so einfach.
Ob sich die Situation für die Armen mit dem zunehmenden Wirtschaftswachstum automatisch bessern werde, darüber waren sich beim Euro India Forum“ die Teilnehmer nicht einig. Sie profitierten auch jetzt schon davon, dass mehr Geld im Land sei und viele Projekte begonnen würden, sagten die einen. So berichtet der Vertreter einer auf die Wohnungsbau-Beratung spezialisierten Gesellschaft von einem Projekt, bei dem öffentliches Land und Slum-Grundstücke in eine private Gesellschaft eingebracht würden mit dem Ziel, einen Teil der Grundstücke zu entwickeln und am Markt anzubieten und aus den Erlöse Einfachsthäuser zu errichten, die dann wiederum ehemaligen Slumbewohnern zu recht niedrigen Preisen überlassen werden könnten. Andere Forums-Teilnehmer meinten, in dieser Form werde sich das Problem nie lösen lassen – man müsse den Mut haben, irgendwann die Steuern anzuheben und damit die soziale Infrastruktur in den Großstädten zu verbessern.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, dpa, Reuters
Kinder im Hort, Mütter am ![]()
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