Von Johannes Winkelhage
06. September 2005 Dem traditionellen Telefongeschäft steht in den kommenden Jahren der größte Umbruch seiner Geschichte bevor. Die Telefonie auf der Basis des Internet-Protokolls - heute besser bekannt unter ihrem englischen Namen Voice over Internet Protocol oder dem Kürzel VoIP - ist im Begriff, den Massenmarkt zu erobern, und wird sich in wenigen Jahren als Übertragungsprotokoll für Telefongespräche durchsetzen.
Rund 30 Prozent der traditionelleren Telefonkunden werden in den nächsten Jahren in die Internettelefonie einsteigen. Zu diesem Ergebnis kommt zum Beispiel die Unternehmensberatung Deloitte in einer aktuellen Untersuchung. Und die Investmentbank Credit Suisse First Boston rechnet schon für das Jahr 2010 damit, daß mehr Sprachverkehr in den Netzen durch VoIP als durch die klassischen Telefongespräche entsteht.
Qualität scheiterte an geringen Bandbreiten
Damit wird in der zweiten Welle des Interneterfolgs wahr, wovon schon Ende der neunziger Jahre viele technikbegeisterte Computernutzer träumten. Schon damals gab es Programme, die Sprachübertragung über das Internet ermöglichten und auf diesem Wege zu einer deutlichen Reduzierung der Gesprächskosten zum Beispiel im Auslandsverkehr beitrugen. Allerdings ließ die Qualität noch sehr zu wünschen übrig, und die Kosten waren keineswegs so gering, wie sie es heute sein können.
Damals basierte die Internetanbindung der meisten Nutzer auf einer Wählleitung, die auf der einen Seite nur geringe Bandbreiten zur Verfügung stellte und auf der anderen Seite zeitabhängig abgerechnet wurde. So lohnte sich die Internettelefonie damals für die meisten Gespräche nicht. Auch mußten die Computer auf beiden Seiten der Leitung ein- und auf Empfang geschaltet sein, wenn man Gespräche führen wollte. Kurz gesagt: Internettelefonie war kompliziert und der Spareffekt für den Heimanwender eher gering.
Telefonieren zum Pauschalpreis
Dies hat sich bis heute grundlegend geändert. Viele Haushalte sind mit schnellen DSL-Verbindungen im Internet unterwegs, und abgerechnet wird häufig zum Pauschalpreis (Flatrate). Damit ist es mittlerweile egal, wie lang der Kunde im Netz ist, und die Flatrates ermöglichen zudem unbegrenztes Surfen ohne Volumenbegrenzung.
Damit entfallen heute die Hürden, an denen die Internettelefonie im ersten Anlauf gescheitert ist. Der Computer muß nicht eingeschaltet werden, um telefonieren zu können. Der DSL-Anschluß ist permanent mit dem Internet verbunden und so in der Lage, eingehende Gespräche anzunehmen. Ganz normales Telefonieren, ganz normales Telefon - nur mit Hilfe des Internets.
Für null Cent
Diese Entwicklung wird deutliche Konsequenzen für den Telekommunikationsmarkt haben. Vor allem die Unternehmen, die bisher als Netzbetreiber gutes Geld mit den Telefonminuten verdient haben, werden sich auf Umsatzeinbußen einstellen müssen. Profitieren werden vor allem Anbieter der Internetzugänge (ISP), die ihren Kunden - wie zum Beispiel AOL oder United Internet in Deutschland - die Internettelefonie als zusätzlichen Dienst neben E-Mail oder Virenschutz anbieten können.
Auch Anbieter wie Google oder Yahoo dringen mit Macht in dieses neue Geschäftsfeld vor. Sie wickeln VoIP über die bestehende Netzstruktur des Internets ab und können Gesprächsverbindungen so zu einem Bruchteil der Kosten anbieten, die auf der anderen Seite im klassischen Festnetz entstehen. Unternehmen wie beispielsweise Skype bieten Telefonate über das Internet innerhalb ihrer abgeschlossenen Benutzergruppe schon heute für 0 Cent an. Geld verdient Skype damit allerdings nicht.
Die Zuverlässigkeit und der Preis sind entscheidend
Die große Nutzergemeinde aber verschafft dem Unternehmen auf dem Markt einen Milliardenwert und macht es zum Ziel für Übernahmen. Auch an solchen Angeboten zeigt sich der eigentliche Charakter der Internettelefonie: Sie markiert einen rasanten Produktivitätsfortschritt bei der Herstellung von nationalen und internationalen Sprachverbindungen. Dem Kunden ist es letztendlich egal, ob seine Gespräche im klassischen Telefonnetz oder auf der Datenautobahn transportiert werden. Für ihn zählen Zuverlässigkeit und vor allem der Preis. Daher gewinnt mittelfristig der Anbieter, der am kostengünstigsten produzieren kann, und dies funktioniert heute ausschließlich mit Hilfe von VoIP.
Technisch besteht der Unterschied darin, daß im herkömmlichen Verfahren für jedes Telefongespräch eine eigene Leitung geschaltet wurde. Damit war dieser Teil des Netzes belegt - egal, welches Volumen darüber transportiert wurde. Bei der Internettelefonie hingegen schwimmen die Sprachdaten im großen Datenstrom des Internetverkehrs mit und beanspruchen nur einen geringen Platz. Die Netze sind erheblich besser ausgelastet, und der Preis für die einzelne Übertragung sinkt deutlich.
Konkurrenz fürs Festnetz
Dies hat Konsequenzen für den Umsatz der klassischen Festnetzanbieter. Dieser steht aber nicht nur durch die Internettelefonie unter Druck. Das britische Marktforschungsunternehmen Analysys rechnet generell mit einem Umsatzrückgang von bis zu 29 Milliarden Euro für die europäischen Festnetzbetreiber bis zum Jahr 2009. Dies entspräche einem Umsatzverlust zwischen 6 und 10 Prozent pro Jahr. Analysys weist allerdings darauf hin, daß nicht nur VoIP, sondern vor allem die Mobilfunkanbieter am Umsatz der Festnetzbetreiber knabbern, indem sie mit gezielten Angeboten versuchen, den Festnetzbetreibern Kunden abzujagen.
Um dem etwas entgegenzusetzen, sei VoIP für viele klassische Telefongesellschaften sogar eine Chance, ihre Kosten zu drücken, um dem Wettbewerb aus dem Mobilfunk besser entgegentreten zu können. So rechnet Analysys vor, daß die laufenden Netzbetriebskosten des britischen Anbieters BT - der sein Netz gerade vollständig auf VoIP umstellt - um bis zu 43 Prozent niedriger ausfallen, wenn dieser Übergang vollzogen ist. Entsprechend geringer können dann auch die Preise für die Sprachübermittlung ausfallen.
Telefonanschluß und Leitungsnutzung
Einig sind sich die Branchenbeobachter allerdings darüber, daß auch die Sprachtelefonie weiterhin ihren Preis haben wird. Allerdings sind die Abrechnungsmodalitäten dabei, sich zu verändern: Nicht mehr Minuten und Entfernung werden eine Rolle spielen, sondern nur noch das Datenvolumen - für das im besten Fall ein Pauschalpreis in Rechnung gestellt wird. Gezahlt werden muß aber auch für die Leitungsnutzung und hier vor allem für die DSL-Geschwindigkeit auf der letzten Meile bis zum Kundenhaushalt. Dieser Preis setzt sich in Deutschland bisher noch aus dem Entgelt für den Telefonanschluß und einem Aufschlag für DSL zusammen. Allein aus diesen Grundpreisen - ergänzt durch einige Bündelangebote - erlöst zum Beispiel die Deutsche Telekom derzeit rund 60 Prozent ihres gesamten Festnetzumsatzes von 27,8 Milliarden Euro im Jahr 2004, und der Anteil dieser - gegen den Wettbewerb weitgehend gesicherten - Erlöse am Gesamtumsatz steigt Jahr für Jahr.
Dennoch müssen auch Unternehmen wie die Deutsche Telekom schnell auf die Herausforderung durch VoIP reagieren und ihre Kostenstrukturen im Netzbetrieb deutlich verbessern. Wenn dies gelingt - auch darüber sind sich die Experten einig -, werden auch die klassischen Festnetzbetreiber von der Welle der Internettelefonie profitieren, da sie ihre Kundenbeziehungen halten können. Den Unternehmen aber, die diesen Schritt nicht schnell genug gehen können, droht der Entzug der Grundlage des Geschäftsmodells. Ein Phänomen, das durch das Internet schon in vielen Branchen ausgelöst worden ist. Nicht nur in der Telekommunikation.
Text: F.A.Z., 06.09.2005, Nr. 207 / Seite 18
Bildmaterial: F.A.Z., picture-alliance / dpa/dpaweb
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