Von Tim Kanning
18. Juli 2008 Seit Wochen muss das junge Paar aus der Nähe von Herborn nun schon auf dem Boden schlafen. Denn das schicke Designer-Bett, das es Mitte Mai auf Ebay ersteigert hatte, ist bis heute noch nicht angekommen. Erst hatte der Verkäufer weisse-villa“ eine Lieferzeit von sechs Wochen in Aussicht gestellt, dann wurde das Paar um weitere sechs Wochen vertröstet: Schwierigkeiten mit dem Logistikzentrum wurden vorgegeben, wie die junge Frau, die das Bett ersteigert hatte, berichtet. Das Geld, 349 Euro, war längst überwiesen. Inzwischen habe ihr die Selectronica GmbH, die sich hinter dem Nutzernamen weisse-villa“ verbirgt, angeboten, vom Kauf zurückzutreten, was sie auch angenommen habe. Von dem Geld hat sie aber bislang noch nichts wiedergesehen. Und ich habe auch wenig Hoffnung, dass da noch was kommt“, sagt sie.
Denn wie der jungen Ebay-Kundin geht es offenbar hunderten von Menschen, die auf dem Internet-Marktplatz Produkte der Selectronica ersteigert haben – vom Couchtisch bis zur Edelstahl-Duscharmatur. 150 bis 200 Anzeigen sind inzwischen laut Staatsanwaltschaft beim Betrugsdezernat der Frankfurter Polizei gegen das Unternehmen eingegangen.
479.000 Euro Gewinn im Jahr 2006
Am Donnerstag durchsuchten Beamte die Büroräume der Selectronica im Jade-Haus an der Hanauer Landstraße und kopierten mehrere Festplatten. Der Verdacht lautet auf verspätete Konkursanmeldung und Betrug, wie die Staatsanwaltschaft sagte. Auch die Privaträume der Geschäftsführerin Daniela Kaufhold seien durchsucht worden, wie auch jene ihres Partners Stephan Meyer. Ebenfalls am Donnerstag ist Meyer als neuer Geschäftsführer der Selectronica GmbH im Handelsregister eingetragen worden.
Wenn sich die Insolvenz des Unternehmens bewahrheiten sollte, so wäre dies ein trauriges Ende zu einer ansonsten erfolgreichen Internet-Geschichte. Mit dem Verkauf importierter, edel aussehender Möbel und Badarmaturen gelang es Kaufhold ein ansehnliches Unternehmen mit, nach eigenen Angaben, 80 Mitarbeitern aufzubauen. Für das Geschäftsjahr 2006 meldete Kaufhold einen Jahresüberschuss von rund 479.000 Euro. Die Wirtschaftsauskunftei Creditreform beziffert den Jahresumsatz 2007 mit 30 Millionen Euro. Weder Kaufhold noch Meyer waren gestern für eine Stellungnahme zu erreichen.
Flut von Negativbewertungen
Am Jade-Haus weist inzwischen kaum noch etwas auf das Internet-Unternehmen hin, lediglich ein Schild auf dem Parkplatz und ein Briefkasten zeugen von seiner Existenz. Wer versucht, zu den Büroräumen zu gelangen, wird schon am Fahrstuhl von Sicherheitskräften abgefangen. In Internetforen wird berichtet, dass aufgebrachte Kunden sich hier ihr Geld persönlich hatten zurückholen wollen.
Ebay hat nach eigenen Angaben bereits am 13. Juni sämtliche Konten der Selectronica gesperrt, die außer unter dem Nutzernamen weisse-villa“ auch noch unter mehreren anderen handelte, wie etwa sanitare“ oder Aquaways“. Die Bewertungsforen all dieser Nutzer strotzen nur so vor Negativbewertungen. Viele Käufer klagen darüber, dass sie nach Wochen noch keine Ware erhalten hätten, oder nach einem Umtausch immer noch auf ihr Geld warten würden.
Betrugsfälle im Promillebereich
Eine Ebay-Sprecherin sagte, dass diese Flut von Negativbewertungen zusammen mit direkten Beschwerden von Kunden bei Ebay schon vor einigen Monaten dazu geführt habe, dass der Plattformbetreiber Selectronica dazu verpflichtet habe, seinen Kunden die Zahlung per Paypal“ anzubieten. Mit dieser Methode sei der Käufer besser geschützt, so die Sprecherin, da Paypal bereits geleistete Zahlungen bis zu einer Höhe von 1000 Euro zurückerstatte, wenn die ersteigerte Ware nicht oder nicht wie versprochen geliefert werden sollte. Als sich auch danach keine Besserung der Kundenbewertung eingestellt habe, habe Ebay schließlich die Konten gesperrt.
Ebay selbst will rechtlich nicht gegen Selectronica vorgehen. Natürlich komme es immer mal vor, dass auch ein Ebayhändler insolvent gehe, sagt die Unternehmenssprecherin. Sie versichert aber, die Betrugsfälle auf der Plattform lägen gemessen an der Gesamtheit der Transaktionen im Promillebereich“.
Die Kundin aus Herborn hat der Selectronica inzwischen eine Frist von sieben Tagen gestellt. Sollte sie bis dahin ihr Geld nicht zurückerhalten haben, will auch sie klagen. Ein Bett – das sie ja nach wie vor braucht – will sie nun im normalen“ Handel kaufen. Auf jeden Fall nicht im Internet.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Felix Seuffert
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