Von Axel Schnorbus
03. Dezember 2004 Als Glückskind galt er lange Zeit, der fünfunddreißigjährige Alexander Falk, Internet-Unternehmer und Erbe des renommierten Falk-Verlags. Jetzt sitzt er seit achtzehn Monaten in Untersuchungshaft am Holstenglacis in Hamburg, unweit des Strafjustizgebäudes. Seit Freitag wird ihm dort der Prozeß gemacht (Verteidigung im Falk-Prozeß stellt Befangenheitsanträge).
Handelt es sich um eines der größten Betrugsmanöver am Neuen Markt? Die Staatsanwaltschaft wirft ihm Kursmanipulation in zwei Fällen vor, Steuerhinterziehung und Betrug in einem besonders schweren Fall in Tateinheit mit Beihilfe zur unrichtigen Darstellung der Verhältnisse einer Kapitalgesellschaft. Gegen fünf weitere Personen wird ebenfalls das Hauptverfahren eröffnet.
Der Aufwand ist enorm: Die Grundlage der Anklage ist in 700 Stehordnern zusammengefaßt, die Anklageschrift umfaßt 288 Seiten und führt 76 Zeugen auf. Die Große Strafkammer 20 des Landgerichts Hamburg rechnet daher - sollte es nicht doch überraschend zu einem Deal zwischen Staatsanwaltschaft und Verteidigung kommen - mit einer langen Verhandlungsdauer. Bis Ende Juni 2005 wurden die Verhandlungstage bereits festgelegt. Für die Staatsanwaltschaft wie den Angeklagten geht es um viel. Falk könnte für schweren Betrug bis zu zehn Jahren Haft erhalten. Sollte er allerdings obsiegen, wäre die Staatsanwaltschaft blamiert, und für die Hamburger Staatskasse dürfte es richtig teuer werden. Schon wegen der sichergestellten Vermögenswerte drohten dann Schadensersatzforderungen in Millionenhöhe.
Im Tonfall nicht gerade zimperlich
Der Prozeß ist in vieler Hinsicht ungewöhnlich: Ungewöhnlich kompliziert sind die Tatvorgänge. Ungewöhnlich sind Mißtrauen und Mißgunst der angeblich an diesem Komplott Beteiligten, und ungewöhnlich ist ihr Leichtsinn, mit der sie dabei - zur Freude der Ermittler - Spuren in E-Mails und Briefen hinterlassen haben. Ungewöhnlich ist schließlich die lange Untersuchungshaft, deren Dauer in der Regel eigentlich sechs Monate nicht übersteigen sollte. Falk selbst hatte sich vor kurzem in einem umfangreichen Schriftsatz an den Vorsitzenden Richter Nikolaus Berger gewandt und über die Verletzungen seiner Grundrechte, über die Unfairness und die skandalös dilettantische Staatsanwaltschaft geklagt. Sein Brief bildet gleichsam den Abschluß einer seit Monaten dauernden Fehde zwischen beiden Seiten. Im Tonfall ist die Verteidigung nicht gerade zimperlich. Da bezeichnet ein von Falk beauftragter PR-Berater, ein ehemaliger Bild-Chefredakteur, die Arbeit der Staatsanwaltschaft als Müll. Der Sprecher der Anklagebehörde, Rüdiger Bagger, kontert mit dem Hinweis, daß dieser Müll den Gerichten immerhin ausgereicht habe, die Anklage zur Hauptverhandlung zuzulassen.
Einen Erfolg konnte die Verteidigung allerdings schon verbuchen. Im Juni hatte das Bundesverfassungsgericht den nach Meinung des Anwalts "aberwitzig" hohen Arrest über 532 Millionen Euro auf 31,6 Millionen Euro reduziert. Am Tatbestand der Untersuchungshaft hat sie sich bisher jedoch die Zähne ausgebissen. Alle Beschwerden wurden abgewiesen, und selbst als das Landgericht Falk Ende September für eine Kaution von 2,5 Millionen Euro freilassen wollte, kassierte das Oberlandesgericht auf Beschwerde der Staatsanwaltschaft hin den Beschluß wieder, weil der Angeklagte alle Vorwürfe bestreite, weil ihm eine hohe Freiheitsstrafe drohe und weil er schon einmal erwogen habe, sich mit Frau und Kind nach Südafrika abzusetzen.
Liegestützen in der Zelle
Die Karriere des Unternehmers Alexander Falk war steil, dafür aber sehr kurz. Sie begann mit dem Verkauf des väterlichen Erbes. 1946 hatte der Berliner Kartograph Gerhard Falk in Hamburg einen Verlag gegründet und mit seiner Erfindung, faltbare Stadtpläne auf den Markt zu bringen, durchschlagenden Erfolg erzielt. 1978 war er verstorben. 1995 hatten seine drei Kinder den Verlag an Bertelsmann für 25 Millionen Euro verkauft. Mit seinem Anteil investierte der gerade frischgebackene Diplomkaufmann in die Schweizer Holding Distefora AG, in den Internet-Dienstleister Ision AG und später in die Frankfurter Bank Hornblower Fischer. In der Folgezeit wuchs der Wert seiner Beteiligungen. Dem Mann gelingt einfach alles, titelte damals ein Klatschblatt. Doch Falk wollte mehr, wollte einer der Großen am Neuen Markt werden. Hat er dabei zu unlauteren Mitteln gegriffen?
Schenkt man der Staatsanwaltschaft Glauben, hatten er und seine Mitangeklagten zwischen September 2000 und Ende Januar 2001 einen raffiniert ausgeklügelten Tatplan in Gang gesetzt. Danach sollen befreundete Firmen Aufträge an die Ision Internet AG vergeben und deren Rechnungen bezahlt haben. Über die von Falk kontrollierte Distefora Holding oder verbundene Unternehmen sei das Geld dann wieder an die Auftraggeber zurückgeflossen - ein Kreislauf, der Ision nach Meinung der Anklage 11 Millionen Euro Scheinumsätze bescherte, was genügt habe, um es als expandierendes Unternehmen auszuweisen. Wurde damit die britische Energis geködert, Ision zu kaufen? Jedenfalls kam es noch Ende des Jahres zu einem Aktientausch- und Kaufvertrag über 762 Millionen Euro. Im Januar hatten die Briten dann gezahlt. Die juristisch entscheidende Frage ist nun, ob sie nur getäuscht worden waren oder tatsächlich einen Schaden erlitten hatten. Nach Meinung der Anklage soll dieser Schaden mindestens 46,7 Millionen Euro betragen. Die Verteidigung bezweifelt dies und glaubt, gute Gründe zu haben, die Vorwürfe widerlegen zu können. Auch Falk bereitet sich in der neun Quadratmeter großen Zelle vor und hält sich zudem mit Klimmzügen und Liegestützen körperlich fit.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.12.2004, Nr. 281 / Seite 22
Bildmaterial: AP
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