Ostalgie

Von Vita Cola bis zu Neuzeller Badebier

Von Christian Geinitz, Leipzig

Einsturzgefahr für Ostprodukte

Einsturzgefahr für Ostprodukte

03. August 2005 Das überflüssigste Ostprodukt unserer Tage gab es zu DDR-Zeiten gratis. Für 3,98 Euro bietet der Internet-Versand Osthits.de Trabi-Abgase in der Dose an. Die Büchse mit dem „originalen Zweitaktmief“ (Werbung) enthält einen Wattebausch, den die Abfüller zuvor mit einer alten Grillzange vor einen Trabant-Auspuff gehalten haben. Wer die Konserve öffne, so die Eisenhüttenstädter Erfinder, dem steige der typische DDR-Geruch des Benzin-Öl-Gemischs in die Nase. Für andere Nostalgiker halten die Händler eine zylindrische „Ossibox“ unklaren Inhalts bereit. „Metallisch wie der Eiserne Vorhang und blickdicht wie Kohls Stasiakten“, so der Werbetext, verbirgt der Behälter bis zum Schluß, was er wirklich enthält - ganz wie die DDR in der Wiedervereinigung und ähnlich überteuert: Knapp 27 Euro kostet die Überraschungsröhre mit den „urtypischen Ost-Artikeln“.

Von denen gibt es immer weniger, seit nun auch der bekannteste ostdeutsche Brotaufstrich „Nudossi“ vom Markt zu verschwinden droht. Vergangene Woche mußte das Unternehmen Sächsische Spezialitäten Hartmann GbR, Radebeul, Insolvenz beantragen. Wegen eines „anhaltenden Liquiditätsengpasses“ ruhe die Produktion der Schokocreme, teilt die Gesellschaft mit. Der Insolvenzverwalter bemühe sich einerseits um eine Überbrückungsfinanzierung beim Freistaat Sachsen und den beteiligten Banken, um die Produktion wieder aufzunehmen. Andererseits führe er Gespräche mit möglichen Käufern des Süßwarenherstellers, der 80 Mitarbeiter beschäftigt. In der Branche heißt es, sowohl der Backwarenhersteller Dr. Quendt im benachbarten Dresden als auch die Halloren Schokoladenfabrik in Halle seien an einer Übernahme interessiert. Als westdeutscher Aspirant gilt der Aachener Marmeladenhersteller Zentis, der dazu jedoch ebenso schweigt wie alle anderen Kandidaten.

Nudossi und Vita Cola

In Ostdeutschland schlägt die Nudossi-Pleite große Wellen, auch weil sie so kurz nach dem Besitzerwechsel von Vita Cola bekannt wurde. Die ostdeutsche Antwort auf Coca und Pepsi aus dem thüringischen Schmalkalden kam vor wenigen Wochen zur hessischen Hassia-Gruppe. Freilich waren die Eigentümer des Kultgetränks auch zuvor schon keine Ostdeutschen mehr. Als Teil der Mineralwassersparte von Brau und Brunnen gehörte Vita Cola jahrelang zum Bielefelder Oetker-Konzern. Dieser ist auch Eigentümer der Dresdner Brauerei Radeberger, deren Markenname sich als so zugkräftig herausstellte, daß er den der Binding Brauerei verdrängte.

„Auch wenn das die wenigsten Käufer wissen: die meisten Ostprodukte werden heute von Unternehmen mit westlichem Kapital hergestellt“, sagt Volker Müller vom Institut für Marktforschung Leipzig. Zu den erfolgreichsten zählen die Zigarettenmarken F6, Karo und Juwel, die heute zur selben Gruppe wie Marlboro gehören. Der amerikanische Riese Philip Morris kaufte die Vereinigten Zigarettenfabriken Dresden gleich nach der Wende. Echte Ostfirmen mit echten Ostmarken könne man hingegen an einer Hand abzählen, sagt Müller. Eine der wichtigsten ist das Familienunternehmen Kathi Rainer Thiele GmbH aus Halle an der Saale. Nach der Reprivatisierung hat der Backwarenhersteller nicht nur seine Marktführerschaft im Osten behalten, sondern versteht sich mittlerweile als Nummer zwei im deutschen Gesamtmarkt. Unter dem geschäftsführenden Gesellschafter Rainer Thiele, einem Sohn der Unternehmensgründerin, erwirtschaften 80 Mitarbeiter 17 Millionen Euro Umsatz im Jahr.

Markentreue überdurchschnittlich groß

Im Lebensmittelmarkt, weiß Marktforscher Müller, ist die Markentreue überdurchschnittlich groß, weshalb hier besonders viele ostdeutsche Produkte unter ihren ursprünglichen Namen überlebt haben. Seien es Halberstädter Würstchen, Riesa Nudeln, Spreewälder Gurken, Altenburger Senf, Geha Knödelmehl, Werner Kartoffelpuffer, Rondo Kaffee, Bodeta Bonbons oder Zetti Knusperflocken. Die bekannteste ostdeutsche Naschmarke ist zugleich die erfolgreichste. Mit 130 Mitarbeitern macht die Halloren Schokoladenfabrik GmbH in Halle fast 30 Millionen Euro Umsatz und ist profitabel. Doch auch diese Marke, die in Ostdeutschland so bekannt ist wie Kinderschokolade in den alten Ländern, gehört einem Westdeutschen, einem Wirtschaftsprüfer aus Hannover.

Schon daß sich Halloren als „älteste Schokoladenfabrik Deutschlands“ bezeichnet, unterstreicht ihren Anspruch im Gesamtmarkt. Tatsächlich setzen die Zuckerbäcker immerhin 20 Prozent ihrer Waren - die bekanntesten sind die Halloren Kugeln - in Westdeutschland ab, weitere 4 Prozent im Ausland. Auch haben die Hallenser das gewagt, was westdeutsche Unternehmer ihren Ostkollegen lange Zeit nicht einmal im Traum zugetraut hätten: sie haben Unternehmen in den alten Ländern gekauft. Im Falle von Halloren waren das die Confiserien Weibler in Cremlingen und Dreher in Piding, letzterer ein bekannter Hersteller von Mozartkugeln. Den Ritterschlag erhielt Halloren, als ihm der bayerische Feinkost-Hersteller Käfer die Lizenz übertrug, in seinem Namen Trüffel und andere Edel-Pralinen herzustellen und zu vermarkten.

Körperpflege „made in East-Germany“

Eine ähnliche Erfolgsgeschichte weist die Sektkellerei Rotkäppchen in Fryburg an der Unstrut auf. Sie gehört mehrheitlich der Familie Eckes-Chantre, ist also auch keine reine ostdeutsche Firma mehr, wird aber zumindest von einem Ostdeutschen geführt, dem Minderheitsgesellschafter Gunter Heise. Er hat den Betrieb zur größten Sektgruppe Deutschlands aufgebaut, mit 340 Millionen Euro Umsatz und 320 Mitarbeitern. Auch Heise kaufte im Westen kräftig zu, so daß zur Rotkäppchen-Mumm Sektkellereien GmbH heute die Marken MM, Jules Mumm, Mumm und als Premiumprodukt die Kellerei Geldermann aus Breisach gehören.

Auch in der Körperpflege gibt es noch viele gefragte Produkte „Made in East-Germany“. Das Badusan Schaumbad zählt dazu, die Herbacin-Wuta Hautpflege, das Neuzeller Badebier, die Kappus Pflanzenölseife oder der Koivo Rasierschaum. Unangefochtener Marktführer in Ostdeutschland ist der Pflegespezialist Florena aus dem sächsischen Waldheim. Die Florena Cosmetic GmbH beschäftigt 350 Personen, setzt etwa 63 Millionen Euro um und investiert jedes Jahr 3 Millionen Euro, das meiste davon im Heimatmarkt. Die „Nivea des Ostens“, die in diesem Jahr das 50-jährige Bestehen ihrer berühmten Handcreme feiert, gehört seit 2002 tatsächlich zu Nivea. Damals kaufte der Hamburger Konzern Beiersdorf die Erfolgsmarke und gliederte sie in seinen Gruppenverbund ein.

Die eigentlichen Erfolgsprodukte des Ostens

Davon haben die Sachsen stark profitiert; sie machen heute 25 Prozent ihres Umsatzes mit anderen Beiersdorf-Produkten. So produziert Florena in der modernsten Anlage dieser Art die Gratispröbchen (Sachets) für die ganze Gruppe, etwa 150 Millionen Tütchen im Jahr. Beiersdorf füllt außerdem arbeitsintensive Kleinserien in Waldheim ab, weil hier die Löhne, die Reinigungs- und Umrüstkosten niedriger sind. Denn Florena ist das einzige Tochterunternehmen, in dem nicht der Flächen-, sondern ein Haustarifvertrag gilt. Derlei betriebliche Vereinbarungen über Entgelte und Arbeitszeiten werden von vielen westdeutschen Unternehmen als die eigentlichen Erfolgsprodukte des Ostens angesehen.

Text: F.A.Z., 03.08.2005, Nr. 178 / Seite 16
Bildmaterial: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa/dpaweb

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