07. August 2008 Lettische Arbeitnehmer haben in den vergangenen beiden Jahren mit Abstand die höchsten Einkommenszuwächse in der Europäischen Union erzielt. Dies geht aus einer neuen Studie der Europäischen Beobachtungsstelle für die Entwicklung der Arbeitsbeziehungen (Eiro) hervor. Demnach stiegen die Tariflöhne in Lettland 2006 real um 16,2 Prozent und 2007 sogar um 18,1 Prozent. Dagegen rangiert Slowenien, ebenfalls im Jahr 2004 der Europäischen Union beigetreten, mit realen Einbußen um 0,6 Prozent im Jahr 2006 und sogar um 3,5 Prozent am Ende der EU-Skala. Auch beim Anstieg der Mindestlöhne, die in 20 der 28 EU-Staaten bestehen, war Lettland mit Zuwächsen um 12,5 Prozent (2006) und 33,3 Prozent (2007) führend.
Die Beobachtungsstelle ist der in Dublin ansässigen Europäischen Stiftung zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen (Eurofound) angegliedert. Sie sammelt Daten und analysiert für die EU-Institutionen sowie für Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften Entwicklungen der Arbeitsbeziehungen in Europa. Neben den Tarif- und Mindestlöhnen in den EU-Ländern wird in der jetzt veröffentlichten Eiro-Studie auch die Entlohnung von Männern und Frauen beleuchtet. Demnach lagen die Einkommen von Frauen in den EU-Ländern durchschnittlich zuletzt bei 84,1 Prozent des durchschnittlichen Einkommens von Männern. Relativ am besten verdienten Frauen in Slowenien (93,1 Prozent des Einkommensniveaus der Männer) und Belgien (93 Prozent). Deutschland (78 Prozent) lag lediglich an 21. Stelle, knapp 5 Prozentpunkte vor dem EU-Schlusslicht Slowakei (73,1 Prozent).
Beschreibung ohne Analyse
In ihrer Studie begnügten sich die Beobachter entsprechend ihrer Aufgabenstellung mit einer Beschreibung der Einkommensentwicklung, ohne auf die zugrundeliegenden Ursachen und mögliche politische Konsequenzen daraus näher einzugehen. Generell bestätigt die Studie jedoch, dass sich das Gefälle der Einkommen zwischen den 15 alten und den 12 neuen - der EU seit 2004 beigetretenen - Mitgliedsländern insgesamt verkleinert. So sahen die tariflichen Abschlüsse in den alten EU-Staaten reale Zuwächse von 2,9 Prozent (2006) und 3,1 Prozent (2007) vor. In den neuen Mitgliedsländern ergab sich ein reales Plus von 9 Prozent für 2006 und sogar von 11,9 Prozent für 2007.
Neben Lettland wiesen die beiden anderen baltischen Beitrittsländer Litauen und Estland sowie Bulgarien und Rumänien - real - die höchsten Tarifabschlüsse auf. In Litauen erreichte der Zuwachs zuletzt (2007) 13 Prozent, in Rumänien 12,2 Prozent, in Estland 10,5 Prozent und in Bulgarien 6,5 Prozent. Erstes "Altmitglied" in der Rangliste war an insgesamt achter Stelle Schweden mit einem realen Zuwachs um 2,5 Prozent. Dass sich die Einkommenskluft zwischen alten und neuen Ländern beständig verkleinert, lässt sich zwar allgemein, aber nicht für alle Mitgliedstaaten belegen. So lag neben Slowenien mit Zypern, wo die Arbeitnehmer 2007 letztlich real 1,4 Prozent weniger in der Tasche hatten, ein weiterer neuer Mitgliedstaat am Ende der Skala.
Ungeachtet der im Vergleich zu den alten Mitgliedstaaten meist deutlich höheren Tarifabschlüsse ist das Wohlstandsniveau in den meisten Beitrittsländern noch deutlich niedriger. Aus Zahlen und Schätzungen des EU-Statistikamts Eurostat sowie der Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit geht zum Beispiel hervor, dass das Bruttoinlandsprodukt (BIP) je Einwohner und unter Berücksichtung der tatsächlichen Kaufkraft in Lettland von 41 Prozent des Durchschnitts der heutigen 27 Mitgliedsländer im Jahr 2002 auf 59 Prozent im Jahr 2008 angestiegen ist. Von den zwölf neuen Mitgliedern weist Slowenien den größten Wohlstand auf. Dort legte das BIP im gleichen Zeitraum von 81 auf 92 Prozent des EU-Schnitts zu.
Noch stärker klaffen zwischen alten und neuen Mitgliedsländern die garantierten Mindestlöhne auseinander. Spitzenreiter war 2007 Luxemburg mit monatlich rund 1570 Euro. Dahinter folgten die Niederlande mit 1317 Euro, Belgien mit 1284 Euro und Frankreich mit 1279 Euro. Dagegen betrug der entsprechende monatliche Mindestlohn in Bulgarien lediglich rund 92 Euro, in Rumänien 132 Euro, in Polen knapp 250 Euro sowie in Slowenien rund 540 Euro.
Text: now., F.A.Z.
Bildmaterial: Eiro
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