Afghanistan

Rosen gegen die internationale Drogenmafia

Von Friederike Böge

Rosen statt Mohn

Rosen statt Mohn

15. Juli 2006 Anfangs ist Mundiq von seinen Nachbarn belächelt worden. „Diese neuen Dinge sind nicht gut für dich“, sagten sie. Doch als sie dann seine erste Ernte sahen, wurden sie neugierig. In nur zwei Jahren sind die Pflanzen zwei Meter in die Höhe geschossen und haben unzählige Blüten getrieben. Mundiq hat sein Feld mit Rosen bestellt, obwohl der Ältestenrat seines Distrikts entschieden hatte, daß die Bauern in diesem Jahr wieder kollektiv Schlafmohn anbauen sollten. Die ostafghanische Provinz Nangarhar im Grenzgebiet zu Pakistan gehört seit Jahren zu den wichtigsten Anbaugebieten für den Mohn, aus dem Opium und Heroin hergestellt werden.

„Die Mullahs sagten uns, es sei verboten, Mohn anzubauen, doch wir hatten keine Alternative“, sagt Mundiq. Dann kam die Deutsche Welthungerhilfe und bot ihm an, anstelle von Mohn Rosen anzubauen. Insgesamt 120 ehemalige Opiumbauern in der Provinz Nangarhar haben sich auf das Experiment eingelassen. Sie bringen die geernteten Blüten zu nahe gelegenen Destillen, wo Rosenwasser und -öl aus ihnen gewonnen wird. Die duftende Flüssigkeit ist in der islamischen Welt ein beliebter Zusatz in Kosmetika, Seife, Speisen und Medizin und wird bei Beerdigungen versprüht. Es heißt, die Rose sei aus den Tränen des Propheten Mohammed entstanden.

Rosenöl bringt bis zu 4500 Euro das Kilo

Lukrativer noch ist Rosenöl, das mit bis zu 4500 Euro je Kilo auf dem Weltmarkt gehandelt wird - vorausgesetzt, es stammt aus organischem Anbau. Daraus werden Naturkosmetika hergestellt, die sich in Europa, Asien und den Vereinigten Staaten zunehmender Beliebtheit erfreuen. Projektleiter Norbert Burger warnt jedoch vor voreiligem Enthusiasmus: „Es gibt keine legale Pflanze, die mit Opium konkurrieren kann“, sagt er. Zwar können die Bauern mit dem Rosenanbau etwa dreimal soviel verdienen wie mit anderen legalen Früchten, zum Beispiel Weizen, doch Opium bringt im Durchschnitt noch immer mehr als doppelt soviel ein. „Aber Opium ist eben illegal“, betont Burger. Deshalb ist er überzeugt, daß das Projekt nur Erfolg haben wird, wenn die Regierung es ernst meint mit dem Kampf gegen die Drogen: „Wenn die Regierung die Opiumfelder nicht zerstört, dann haben wir keine Chance.“

Das freilich ist nicht so einfach in einem Staat, in dem das Gewaltmonopol der Regierung kaum über die Hauptstadt hinausreicht. Vor wenigen Wochen sollte eine Spezialeinheit der Polizei Opiumfelder in Nangarhar zerstören. 1500 Mann rückten an. Doch die Bauern organisierten sich und setzten sich mit ihren noch immer reichlich vorhandenen Waffen zur Wehr. Die Sache wurde afghanisch gelöst. Der Ältestenrat einigte sich mit den Behörden auf ein bestimmtes Feld, das zur Zerstörung freigegeben wurde. Das Fernsehen durfte drehen, Fotos wurden gemacht, die Spezialeinheit schrieb einen geschönten Report. Und der Besitzer des zerstörten Feldes wurde von allen anderen Bauern kollektiv entschädigt. In Nangarhar lacht man über solche Anekdoten. „Sie sind nicht stark genug“, sagt einer der Bauern grinsend. „Wo ist denn die Regierung?“ fragt ein anderer.

„In diesem Jahr war die Rose besser als das Opium“

Mumtaz Kutawal versucht es deshalb auch mit moralischem Druck: „Du weißt doch, daß der Koran den Drogenanbau verbietet“, schalt der Distriktkoordinator der Deutschen Welthungerhilfe den Bauern. Der Mann wirkt tatsächlich etwas kleinlaut, schiebt sich den Turban in den Nacken und wedelt sich eine Fliegen aus dem Gesicht. Seine fünf Brüder blicken wortlos zu Boden. Wenn es um den Islam geht, gibt es in Afghanistan keine Widerrede.

Aber das hält Wadan Muhammad nicht vom Mohnanbau ab. „Seit der Zeit von König Zahir Shah und Premierminister Daoud gilt bei uns die Regel, daß wir 50 Prozent unseres Landes mit Mohn bebauen“, sagt der Bauer. Knapp fünf Jahrzehnte ist das her. Auf einem kleinen Teil seines Feldes hat Wadan Muhammad vor zwei Jahren Rosensetzlinge gepflanzt, die ihm die Welthungerhilfe zur Verfügung gestellt hat. Mit dem Ergebnis ist er mehr als zufrieden. „In diesem Jahr war die Rose besser als das Opium“, sagt er. Krankheit und starker Wind hatten ihm dort eine schlechte Ernte beschert. Für die Rosen erhielt er dagegen einen vorher vereinbarten Festpreis. Zwei Jahre lang subventioniert die Welthungerhilfe die Bauern. „Erst nach drei Jahren trägt die Rose 80 Prozent ihrer vollen Blüte. Wir können also erst dann sagen, ob das Projekt erfolgreich ist“, sagt Projektleiter Burger. Die Zeichen stehen gut. Die Rosen wachsen besser als erhofft. „Die Rose fühlt sich wohl in Afghanistan“, sagt der Agrarökonom. „Ursprünglich stammt sie aus dieser Gegend, und nun ist sie zu Hause angekommen.“

Naturkosmetik-Industrie wird aufmerksam

Vor ein paar Wochen war ein Vertreter der deutschen Naturkosmetikfirma Wala zu Besuch. Er hat Interesse am afghanischen Rosenöl angemeldet. Die Firma ist Marktführer für Naturkosmetik in Deutschland, einem Segment, das jährlich zweistellige Zuwachsraten verzeichnet. Allerdings auf niedrigem Niveau: Nach Angaben der Arbeitsgruppe Naturkosmetik beim Bundesverband Deutscher Industrie- und Handelsunternehmen macht das Geschäft mit der Naturkosmetik etwa drei Prozent des deutschen Kosmetikmarktes aus.

Die afghanischen Bauern können daran allerdings nur teilhaben, wenn sie sich zertifizieren lassen, daß sie keinerlei anorganische Stoffe wie chemische Düngemittel oder Pestizide beim Anbau der Rosen verwendet haben und daß die Rosen auch bei der Lagerung nicht mit solchen Stoffen in Berührung gekommen sind. Ökobauern in Afghanistan? Der bürokratische Aufwand macht selbst deutschen Bauern Mühe. Wie sollen die afghanischen Bauern, von denen die meisten weder lesen noch schreiben oder gar rechnen können, diese Aufgabe bewältigen? Din Mohammad sieht die Sache pragmatisch. Mit der Frage, warum europäischen Kunden Wert auf organische Produkte legen, hält er sich erst gar nicht auf. „Ingenieur Mumtaz hat uns gezeigt, wie wir mit Pfeffer, Kernseife und bestimmten Blättern die Läuse fernhalten können“, sagt der Bauer. „Das ist viel billiger als die teuren Pestizide. So können wir Geld sparen.“

„Die Rose ist keine Lösung für ganz Afghanistan“

Rosen statt Opium? Schon einmal hat die Rose es geschafft, den Opiumanbau zu verdrängen: in der iranischen Provinz Kerman. Noch vor gut 30 Jahren reihten sich hier Opiumfelder an Opiumfelder. Heute ist die Region eine Hochburg des Rosenanbaus. Das Opium wanderte weiter - über die Grenze nach Afghanistan.

So begeistert Projektleiter Burger auch über seine Rosen spricht, so deutlich betont er die Grenzen seines Projekts: „Die Rose ist keine Lösung für ganz Afghanistan“, sagt er. Dafür sei der Markt zu klein und die Marktführer Iran, Türkei und Rumänien zu stark. Jährlich werden lediglich 3000 Kilo Rosenöl zu rund 13,5 Millionen Euro auf dem Weltmarkt verkauft. Hinzu kommen aber andere Rosenprodukte, die vor allem in der arabischen Welt ihre Abnehmer finden.

Kredite und Pachtland nur für Opium-Bauern

Nach UN-Angaben machte der Opiumexport mit 2,7 Milliarden Dollar 2005 rund ein Drittel des Bruttoinlandsprodukts aus. Fast 90 Prozent des Opiums auf dem Weltmarkt stammen aus Afghanistan. Allerdings fließen weniger als zehn Prozent des Verkaufswertes an afghanische Zwischenhändler. Der Rest geht an die internationale Drogenmafia. Den Bauern bleibt häufig keine Alternative zum Opiumanbau. Zugang zu Krediten und Pachtland bekommt nur, wer Mohn anbaut. Zinsen werden in Mohn erhoben und steigen astronomisch, wenn sie in Bargeld umgerechnet werden.

„Die Bauern können nur emigrieren, sich selbst verkaufen oder ihre Tochter verkaufen“, sagt Burger. Der Agrarökonom sucht derweil schon nach neuen hochwertigen Naturprodukten, die sich auf dem Weltmarkt verkaufen lassen. Gläser mit Pfefferminzöl, Kamilleextrakt und Orangenöl in seinem Büro zeugen von ersten Experimenten. Die große Lösung für Afghanistans Drogenproblem ist das sicher nicht. Doch die gibt es wohl auch nicht.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 09.07.2006, Nr. 27 / Seite 41
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa

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