16. August 2005 Wo ist meine Kiste? Noch vor einer Dekade hat diese Frage so manchem Einkäufer eines Unternehmens ernsthafte Kopfzerbrechen bereitet. Zahlreiche Telefonate, E-Mails, Telefaxe und blanke Nerven später wußten die Einkaufsmanager häufig immer noch nicht, wo die bestellten Produkte verblieben waren. Denn in den globalisierten Zeiten, in denen Hersteller ihre Vorprodukte und Rohstoffe kurzfristig aus aller Herren Ländern an die Werke herankarren, um anschließend die produzierten Waren wiederum über den gesamten Globus zu verteilen, ist das Thema Logistik vor allem eines: extrem komplex. Ein gutes Beispiel dafür, wie das Internet den Unternehmen erstmals ermöglicht, auch in ihren Logistikabläufen mit der Globalisierung einigermaßen Schritt zu halten, bietet die Textilbranche.
Die deutschen Textilhersteller haben die Logistik lange stiefmütterlich behandelt. Die Lkws, die unsere Fertigwaren auf den Hof fahren, sind wie Wundertüten - wir wissen einfach nicht genau genug, was wirklich drin ist, bringt es ein Einkaufsleiter eines Bekleidungsherstellers auf den Punkt. Hinter der textilen Kette - beispielsweise vom Schaf bis ins Geschäft - steckt ein enormer Logistikaufwand. Die Hersteller müssen auf die immer kürzeren Amplituden der Modewellen reagieren, oft muß in wenigen Wochen eine neue Kollektion in die Geschäfte gebracht werden. Und es wird nicht einfach nur ein bißchen Stoff verwertet. Sakkos bestehen mitunter aus 40 Einzelteilen; in einer Saison verwertet ein großer Konfektionär bis zu 35000 Materialien.
Gesamte Lieferkette über das Internet abgebildet
In den von weltumspannenden Computernetzen unberührten Zeiten hätten Hersteller und Lieferanten keinen zentralen Zugriff auf Lieferdaten gehabt, berichtet Torsten Schwarz, Gründer der Wittener Setlog GmbH, die sich auf internetbasierte Logistiklösungen spezialisiert hat. Es ist heute noch bei manchen Unternehmen beliebt, freitags die jeweiligen Excel-Listen abzugleichen, um Unterschiede und Fehler auszusieben. Das ist ineffizient. Teils hätten Unternehmen in den verschiedenen Abteilungen mehr als 100 Excel-Tabellen, die abgeglichen werden müssen. Schwarz und seine Mitstreiter haben daher ein System entwickelt, mit dem die gesamte Lieferkette über das Internet abgebildet wird, in das alle Zulieferer und Agenten eingebunden sind und mit dem der Status einer Sendung jederzeit abgerufen werden kann.
Im Gegensatz zur Automobilindustrie, die schon seit Jahren ihre Warenwirtschaftssysteme mit ihren Zulieferern vernetzt haben, gab es maßgeschneiderte Lösungen, für die Textilindustrie bislang nicht. Setlog setzte dagegen auf das Internet: Statt neue Warenwirtschaftssysteme anzuschaffen, baut die Lösung mit dem Namen Etants Observer auf den bestehenden Systemen auf.
Alle Partner entlang der Lieferkette kommunizierten nun ausschließlich über das Internet miteinander, erläutert Schwarz. Jegliche Bestell-, Produktions- und Lieferdaten seien zentral in einer Datenbank gebündelt. Ein Frühwarnsystem erinnere zudem an kritische Termine. Die Waren kommen dadurch schneller ans Ziel. Früher haben die Agenturen und Fachabteilungen zur Sicherheit immer ein paar Tage Puffer eingebaut. Mit dem Setlog-System sei das nicht notwendig, weil jeder Beteiligte die Termine und Fristen stets parat habe. Schwarz schätzt, daß bei einem Import aus Asien die Zeit zwischen Bestellung und Wareneingang um bis zu 25 Tage beschleunigt werden kann. Die E-Mail-Flut werde deutlich verringert und die Lieferfristen würden häufiger eingehalten.
Digital senkt Kosten
Die Kosten könnten dank des Internets ebenfalls gesenkt werden, sagt Schwarz. Und das nicht nur, weil die Mitarbeiter nicht mehr ihre Zeit damit verschwenden, Excel-Tabellen abzugleichen oder mit Hilfe der diversen Kommunikationsmedien nach der Kiste zu stöbern - denn der Aufenthaltsort der bestellten Waren kann jederzeit über das Internet abgefragt werden. Schwarz nennt ein darüber hinausgehendes Beispiel: Ein Modehersteller bestellt Stoffe für 10000 Hemden. Ein Viertel davon hat aber eine frühere Lieferfrist. Früher hatte ein Einkäufer so etwas im Kopf. Das wäre heute undenkbar.
Daher wird heutzutage oft die komplette Lieferung mit der teuren Luftfracht transportiert. Dank des Internets könnten nun aber 2500 Hemden mit dem Flugzeug herbeigeschafft werden, der Rest werde dann beispielsweise mit dem günstigen Schiff geliefert. Statt einen halbvollen Container zu verschiffen, weist das System zudem darauf hin, wenn zwei Tage später eine weiterer Transport ansteht. Auch falsche Abrechnungen werden automatisch ausgemerzt. Wir haben Unternehmen erlebt, bei denen bis zu 40 Prozent der Luftfrachtrechnungen falsch waren.
Revolution in der Logistik
Ebenso wie in der Textilbranche hat das Internet in vielen anderen Branchen die Logistik mehr oder weniger revolutioniert. Spediteure bieten ihren Kunden die lückenlose Sendungsverfolgung an - die Kiste ist gleichsam gläsern geworden. Selbst die Kontrolle der Temperatur beim Transport hochempfindlicher pharmazeutischer Produkte ist mittlerweile über das Internet möglich. Unternehmen können zudem ihre Bestellungen online abgeben und erhalten anschließend die Rechnungen über das Web.
Und die technische Entwicklung schreitet weiter voran. Mit der sogenannten Radio Frequenz Identifikation (RFID) werden die Waren nicht mehr per Barcodes von Hand erfaßt, sondern auf den Paletten aufgepappte RFID-Chips werden automatisch und viel schneller erfaßt und können eine Fülle von Informationen speichern. Doch das ist trotz einzelner Großversuche wegen der hohen Kosten noch Zukunftsmusik. Die Technologie steht erst an der Schwelle zur breiten Anwendung, sagt Wolfgang Kersten, Logistikprofessor an der Technischen Universität Hamburg-Harburg.
Auch auf diesen Zug will Torsten Schwarz in Zukunft aufspringen. Dazu wird er wohl erst Überzeugungsarbeit bei den Modeherstellern leisten müssen. Doch damit kennt er sich aus. Als wir vor vier Jahren mit unserem Produkt den Bekleidungsmarkt angegangen sind, hat niemand verstanden, was wir überhaupt wollten. 48 Monate aufreibender Kistensuche später sind ihm schon mehr als 20 Kunden zugelaufen, darunter bekannte Unternehmen wie Betty Barclay und Klaus Steilmann.
Text: da., F.A.Z., 16.08.2005, Nr. 189 / Seite 14
Bildmaterial: F.A.Z., picture-alliance/ dpa/dpaweb
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