Von Von Thiemo Heeg und Winand von Petersdorff
25. Juli 2006 An seinem Job hatte Helmut Panke riesige Freude. Ich bin gerne Kapitän, versicherte der BMW-Chef in diesem Jahr gleich mehrmals. Das Geschäft des Münchener Autokonzerns brummt unter seiner Leitung wie nie. 2005 war schon ein Rekordjahr, 2006 könnte noch besser werden. Aktionäre jubeln ihm zu: Machen Sie weiter so. Magazine küren ihn zum Unternehmer des Jahres und zum Chef des Jahres. Der Freistaat verleiht ihm den Bayerischen Verdienstorden.
Es hilft nichts - der Kapitän räumt am 31. August die Brücke. Aus Altersgründen. Am 1. September übernimmt der bisherige Technikvorstand Norbert Reithofer das Ruder.
Diese Personalie verkündete der Autobauer am vergangenen Donnerstag nach einer Sitzung des Aufsichtsrats und bestätigte damit, was schon Tage vorher als Gerücht die Runde machte. Bei BMW ist man nach dem 60. Geburtstag zu alt zum Führen. Panke wird am 31. August 60 Jahre alt.
Die 60-Jahre-Regel ist Blödsinn
Es steckt eine Tragik in dem Vorfall. Vielleicht sogar eine Art von Altersdiskriminierung? Die 60-Jahre-Regel ist Blödsinn, ruft der 70 Jahre alte Unternehmer Otmar Zwiebelhofer, Inhaber und Chef der Firma Metall-König mit rund 500 Mitarbeitern und knapp 100 Millionen Euro Umsatz. Man trifft ausgebrannte 53jährige auf dem Tennisplatz, mit denen lohnt es sich noch nicht einmal ein Bier zu trinken. Und dafür trifft man 75jährige, die sich die Neugier bewahrt haben. Zwiebelhofer selbst denkt noch lange nicht ans aufhören. Meine Spannkraft ist noch sehr gut. Diplomatischer kritisiert der 75 Jahre alte Berthold Leibinger, Inhaber des Maschinenbauers Trumpf, die starre Altersregel. Der eine ist mit 60 schon alt, der andere ist mit 70 noch jung.
Gegen eine Exit-Regel für 60jährige sprechen auch wissenschaftliche Erkenntnisse: Vorläufige Studienergebnisse legen nahe, daß die jungen Alten, also die 60- bis 70jährigen, vitaler sind als früher, sagt Ursula Staudinger, Professorin für Lebenslanges Lernen an der International University Bremen. Das heißt: 60 Jahre alte Top-Manager des Jahres 2006 sind jünger als die von 1966. Alt ist heute fünf Jahre weniger alt als vor 40 Jahren.
In der deutschen Wirtschaft steht BMW mit der 60er Regel isoliert da. Wer die BMW-Regel als gutes Vorbild preist, müßte sich von einer ganzen Riege aktueller Führungskräfte der deutschen Wirtschaft verabschieden: Hans-Joachim Körber (Metro), Ulrich Lehner (Henkel), Hartmut Mehdorn (Deutsche Bahn), Klaus-Peter Müller (Commerzbank), Werner Müller (RAG), Gunter Thielen (Bertelsmann) und Klaus Zumwinkel (Deutsche Post). Sie alle haben das 60. Lebensjahr bereits mit Bravour absolviert. Und Thyssen-Krupp-Chef Ekkehard Schulz steuert rasant auf die 65 zu: am morgigen Montag feiert er Geburtstag.
Mohns konsequenter Rücktritt mit 60
Allein Bertelsmann praktizierte ebenfalls die gleiche rigorose Altersgrenze. Unternehmensgründer Reinhard Mohn trat konsequent mit 60 vom Vorstandsvorsitz zurück und legte darin auch seine Nachfolger fest. Erst mit der Bestellung des jetzigen Vorstandschefs Gunter Thielen wurde die Regel suspendiert. Eigentümergattin Liz Mohn wollte Thielen unbedingt haben, da fielen die Argumente für die Altersgrenze nicht mehr so ins Gewicht.
Tatsächlich ist es ein Risiko, die gar nicht so alten Hasen mit 60 in die Rente zu schicken. Das können wir uns gar nicht leisten, so viele gute Leute gibt es doch gar nicht, sagt ein Unternehmer.
Bei BMW trifft die Altersregel das gesamte Topmanagement. Nicht nur der Vorstand, rund 300 Führungskräfte in dem Unternehmen müssen sich ihr unterwerfen. Die Ausnahmen lassen sich an einem Finger abzählen. Der legendäre BMW-Chef Eberhard von Kuenheim, von 1970 bis 1993 an der Spitze des Konzerns, war fast 65, als er in den Aufsichtsrat wechselte.
Er blieb ein Sonderfall: Selbst die Großanteilseigner machen mit. Im Aufsichtsrat liegt die Grenze bei 70 - Johanna Quandt, der zusammen mit ihren Kindern 46,6 Prozent an BMW gehören, verließ das Gremium, kurz nachdem sie den runden Geburtstag gefeiert hatte.
Üblicherweise werden bei Spitzenmanagern mit 65 die Arbeitsverträge nicht mehr verlängert. Wie bei jedem normalen Arbeitnehmer. In einer Studie der Unternehmensberatungsfirma Kienbaum gaben 42 Prozent der befragten Firmen sogar an, bei ihnen gebe es gar kein Alterlsimit.
Große Potentiale einfach selbst abgeschnitten?
Daß für Vorstände und Geschäftsführer überhaupt Altersgrenzen existieren, hat historische Gründe. Diese Regelungen kamen in den siebziger Jahren in Mode, weil jung in die Ämter gekommene Nachkriegsvorstände sozusagen einen Deckel für die nachfolgende Generation bildeten, erinnert sich Trumpf-Aufsichtsratschef Leibinger, inzwischen selbst 75 Jahre alt. Mit anderen Worten: Die Leute wollten nicht gehen.
In Deutschland sind es vor allem Mittelständler, die nicht gehen können wollen oder wollen können. Hans Riegel etwa wurde am 10. März 1923 in Bonn geboren und formte aus Namen und Geburtsort die Marke Haribo. Trotz seiner 83 Jahre sitzt der passionierte Jäger und Hubschrauberpilot (im vergangenen Jahr flog er eine Augusta A 109 Power, wissen seine Biographen) weiter im Chefsessel des Süßigkeiten-Marktführers. Seinen lange als Nachfolger gehandelten Neffen Hans-Jürgen soll der Patriarch vergrätzt haben.
Auch wer für feste Altersgrenzen plädiert - mit dem guten Argument einer geordneten Nachfolge - sollte diese Limits ständig überprüfen. Sonst könnte es sein, daß sich Unternehmen große Potentiale einfach selbst abschneiden, sagt Entwicklungspsychologin Staudinger. Wie alt man wirklich ist, darüber entscheide letztlich auch die Lebensweise.
Das kann Otmar Zwiebelhofer nur bestätigen. Der 70jährige ist seit 1959 Alleininhaber des mittelbadischen Automobilzulieferers König-Metall. Gerade baut er eine Fabrik in Polen auf. Fit hält er sich mit Tennis und Tischtennis. Jeden Tag spielt er eine Stunde Cello, im September gibt er ein Konzert in der Aula der Heidelberger Universität. Und Chef will er auch noch eine Weile bleiben: Ich steuere erst einmal die 80 Jahre an. Dann sehen wir weiter.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 23.07.2006, Nr. 29 / Seite 29
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