Modellprojekt

Video-Unterricht für deutsche Schüler im Ausland

Schule stellt sich der Globalisierung

Schule stellt sich der Globalisierung

05. Dezember 2006 Deutsche Konzerne, Pädagogen und Schulbürokraten planen auf internationaler Ebene einen Vorstoß, der seinesgleichen sucht. Deutsche Schüler in den entlegenen Gebieten Ost- und Südasiens sollen über Video-Liveschaltungen täglich am Unterricht der deutschen Schulen in der Region teilnehmen. Damit würde den Kindern von deutschen Chemikern in China genauso wie denjenigen von Technikern in Indien, Brückenbauern in Vietnam oder Entsandten im indonesischen Aceh Qualitätsunterricht geboten. Zugleich können sie auf diese Weise sogar deutsche Schulabschlüsse wie das Abitur erwerben.

"Bislang bietet keine Nation ein Schulsystem, das sich in dieser Weise der Globalisierung stellt", sagt ein hoher deutscher Beamter, der das Thema vorantreibt. Die Schüler, aber auch die Unternehmen profitierten: Denn dank der neuen Schulform entfiele die Sorge vor schlechtem Schulunterricht in abgeschiedenen Entsendungsgebieten. Der Familie fiele es leichter auszureisen. Zugleich entfiele ein Hauptgrund, einen Entsendungswunsch des Unternehmens abzulehnen.

Entscheidung an diesem Mittwoch

Tägliche Standleitung nach China - noch nicht ausgereift

Tägliche Standleitung nach China - noch nicht ausgereift

An diesem Mittwoch wird der Bund-Länder-Ausschuß für schulische Arbeit im Ausland, in dem Entsandte der Kultusministerien der 16 Bundesländer, das Auswärtige Amt und die Auslandsschulbehörde sitzen, über den Plan entscheiden. Beteiligte erwarten, daß sie grünes Licht geben werden. Auf einer Tagung in Sydney im März soll dann das Vorgehen abgestimmt werden. Die Technologie für das weltweit einzigartige Modell sollen die deutschen Unternehmen finanzieren und bereitstellen. Hier aber stehen noch Hürden: Zum einen zögern viele Unternehmen, auf den Zug aufzuspringen, da sie aus Kostengründen lieber Alleinstehende entsenden.

Technik noch nicht ausgereift

Zum anderen ist die Technologie, etwa eine tägliche Standleitung nach China zu schalten, noch nicht vollends ausgereift und genehmigt. Der Plan sieht vor, daß die Kinder der Nomaden der Neuzeit über hochentwickelte Video-Konferenztechnik, wie sie in den Vorstandsetagen üblich ist, an den Unterricht einer deutschen Schule in ihrer Zeitzone angeschlossen werden. Sie werden jeden Morgen live in die Klasse geschaltet. Lehrer und Schüler tragen Mikrofone, so daß Mathe oder Geschichte auch Tausende Kilometer entfernt zeitgleich zu hören sind. Vor Ort beaufsichtigen Pädagogen oder Eltern die Kinder nur noch. Zu Beginn des Schuljahres verbringen sie ein paar Wochen an ihrer "virtuellen Schule", um ihre Mitschüler persönlich kennenzulernen. An Klassenfahrten nehmen sie teil, auch einen Paten unter den Schülern in der Metropole wird es für sie geben.

Schon die Idee zu der neuen Schulform wurde in der globalen Zusammenarbeit zwischen Wolfsburg, Köln, Singapur und Changchun geboren. Dort, in Nordchinas abgelegenem "Rost-Gürtel", betreibt VW ein Werk. Die 27 Schüler der deutschen Entsandten in Changchun besuchen derzeit eine Firmenschule, die ihnen nur einen Fernabschluß ermöglicht. VW bemüht sich um eine Anerkennung der kleinen Schule, die das Vertrauen der Eltern und damit die Entsendebereitschaft heben würde. In der Debatte über diese Anerkennung entstand bei der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen des Bundesverwaltungsamtes in Köln die Idee, mit moderner Technologie neue Wege zu beschreiten. An der Spitze des geplanten Modellversuchs mit Changchun steht die Deutsche Europäische Schule in Singapur. Auf Dauer, sagt Schulleiter Günter Boos, könnte dank der neuen Technik für alle deutschen Auslandsschulen das Fächerangebot steigen: Die Singapurer Schüler würden dann zum Lateinunterricht nach Tokio verbunden, diejenigen aus Delhi in Singapur Spanisch lernen können.

Text: che., F.A.Z., 05.12.2006, Nr. 283 / Seite 13
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