22. Oktober 2003 Die Allianz macht beim Verkauf ihres Beiersdorf-Pakets (rund 44 Prozent) Druck. Aus steuerlichen Gründen soll die Transaktion offenbar bis Ende des Jahres durchgezogen werden. Eine prinzipielle Einigung wird sogar noch diese Woche angestrebt. Als Kaufpreis sind 125 Euro je Aktie im Gespräch. Verhandlungspartner der Allianz ist das Hamburger Konsortium unter Federführung der Tchibo Holding AG (Beiersdorf-Anteile: 30,1 Prozent), wobei sich der Münchener Versicherungskonzern mit Procter & Gamble eine Option offenhält, falls das Konsortium überzogene Forderungen stellen sollte.
Nach wie vor steht die Familie Claussen (10 Prozent) hinter dem Konsortium. Mit Tchibo ist es in den letzten Tagen allerdings über Bewertung der Tesa AG, einer Tochtergesellschaft von Beiersdorf, zu Unstimmigkeiten gekommen. An den Familien Claussen und Westberg soll eine Lösung nicht scheitern, unterstrich Carl-Albrecht Claussen, Aufsichtsratsmitglied der Beiersdorf, Rechtsanwalt in Berlin und Verhandlungsführer der Familien, in einem Gespräch mit dieser Zeitung. Im Augenblick habe er jedoch den Eindruck, daß sich die Verhandlungen "in schwerer See" befänden.
Nachfahren des Beiersdorf-Gründers zeigen sich einig
Claussen versicherte, daß sich die Familienstämme - Nachfahren der Nichten des kinderlos gestorbenen Firmengründers Oskar Troplowitz (1863 bis 1918) - einig seien. Die 20 Anteilseigner hätten sich nochmals hinter seine Verhandlungsführung gestellt. Ziel der Familie sei es, Beiersdorf die Unabhängigkeit zu sichern, und diese sähen sie besser bei dem Konsortium aufgehoben.
Um fremden Einfluß abzuwehren, habe die Familie bereits 1973 mit der Allianz einen Poolvertrag geschlossen, in dessen Präambel dieser Grundsatz, nämlich die Bewahrung der Unabhängigkeit, verankert sei. Vor zwei Jahren habe die Allianz der Familie nun mitgeteilt, Beiersdorf zu verkaufen. Man habe zugestimmt unter der Bedingung, daß die Unabhängigkeit des Hamburger Traditionsunternehmens gewahrt bleibe. Vertraglich hat die Familie das Recht, mitzuverkaufen, wenn die Allianz verkauft. "Die Allianz kann uns jedoch nicht zwingen, an sie oder andere zu verkaufen".
Uneinigkeit über Zukunft von Tesa
Das zweijährige Zögern der Allianz, ihre Anteile zu veräußern, führt er auf die Börsenbaisse zurück. Offenbar habe man in München auf bessere Zeiten gewartet - vergeblich, wie sich jetzt zeige. Dieses Zögern habe aber innerhalb der Beiersdorf AG zu erheblichen Irritationen geführt. Daher habe er, auch in seiner Funktion als Aufsichtsratsmitglied, vor einem halben Jahr die Initiative ergriffen und schließlich auch den Hamburger Senat zur Mitwirkung gewonnen. Angestrebt wird eine Lösung innerhalb des Gesellschafterkreises, der auch die Allianz zugestimmt habe, weil ihr offenbar eine solche "lautloser, konfliktfreier und sozialverträglicher" erscheine als eine Veräußerung an einen ausländischen Konzern.
Da Tchibo von Anfang an signalisiert habe, ihre Anteile nur bis zur "Hauptversammlungs-Mehrheit" (rund 48 Prozent) aufzustocken, werde sich zudem Beiersdorf in Form eines Aktienrückkaufs mit rund 10 Prozent und die Stadt Hamburg über eine ihrer Beteiligungsgesellschaften mit ebenfalls 10 Prozent beteiligen. Diese Aktien würden jedoch nur "geparkt". Ob Joachim Herz an dieser Aktion mitwirke, bleibe noch ungewiß.
Die Familie hat allerdings auch eine Lösung für die Tochtergesellschaft Tesa AG verlangt. Der Bereich Klebestoffe war vor zwei Jahren ausgegliedert und in eine AG eingebracht worden. Die Claussens befürchten nun, daß der Erwerber der Allianz-Anteile die Tesa AG verkaufen könnte, um sich auf diese Weise einen Teil des Kaufpreises zurückzuholen, beispielsweise in Form einer Sonderdividende. Solche Transaktionen werden in der Regel in Form von Auktionen vorgenommen. Die Erfahrung zeige, daß meistens amerikanische Unternehmen dabei gewönnen, behauptet Claussen und erinnert daran, daß der größte Wettbewerber von Tesa der amerikanische Hersteller 3M ist. Auf alle Fälle würden bei einer Übernahme Arbeitsplätze verloren gehen. Allein in Hamburg beschäftige Tesa mehr als 1000 Mitarbeiter.
Familie will Tesa-Mehrheit übernehmen
So gesehen könne das Konsortium dieses Thema nicht ausklammern, meint Claussen. "Sonst rettet man Beiersdorf für Hamburg und verliert Tesa" Daher habe die Familie vorgeschlagen, bei Tesa unternehmerisch tätig zu werden. Für 5 Prozent ihrer Anteile wolle man die Mehrheit bei Tesa übernehmen und so verhindern, daß die Tochtergesellschaft "in fremde Hände kommt". Tesa müsse daher bewertet werden. Claussen versichert, daß die Familie "nicht Kasse machen" wollen, erinnert allerdings daran, daß man das Konsortium zwingen könnte, auch die Anteile der Familie zu erwerben und so Liquidität für 53 Prozent statt für 43 Prozent bereitzustellen. Beiersdorf erklärt dazu auf Anfrage: "Tesa stehe nicht zur Disposition".
Offenbar ist es über diesen Punkt zu Unstimmigkeiten innerhalb des Konsortiums gekommen. Den Vorwurf, die Familie wolle ihre Position ausnutzen und nachverhandeln, weist er zurück. Er räumt ein, daß auf allen Seiten "wirtschaftliche Interessen" im Vordergrund stünden. Dafür müsse eben ein Ausgleich gefunden werden. Doch wer garantiert dafür, daß die Familie Tesa, sollte sie die Mehrheit tatsächlich erhalten, eines Tages nicht doch verkauft?
Text: Sch., Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.10.2003, Nr. 246 / Seite 16
Bildmaterial: dpa/dpaweb
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