Porträt: Heinrich von Pierer

Aus dem Rückstand wurde kein Sieg mehr

Von Carsten Knop

20. April 2007 Es ist der 12. März 2001 in New York: Die Münchner Siemens AG führt ihre Aktie an der Wall Street ein. Der Vorstand ist da, ein großer Tross Journalisten aus Deutschland ist angereist, in Amerika ansässige Korrespondenten kommen hinzu. Man trifft sich am Vortag der Erstnotiz im Restaurant in den obersten Stockwerken des World Trade Center zu einem Mittagessen, bespricht die Hoffnungen, die Siemens und sein Vorstandsvorsitzender Heinrich von Pierer mit dem Gang an die Wall Street verbinden.

Die Pressearbeitsplätze sind im „Mariott World Trade Center“-Hotel eingerichtet, das den beiden Hochhäusern direkt angegliedert ist. Klaus Kleinfeld, der damals noch nicht weiß, dass er einmal Pierers Nachfolger werden wird, setzt sich mit freundlich-interessierter Miene auf die Tische mit den Laptops und plaudert mit den Kollegen. Pierer bittet abends zum förmlichen Essen. Gesprochen wird über Umbauten und Akquisitionen - und darüber, dass Pierer künftig häufiger auch von New York aus arbeiten will. Die Stimmung ist gut, Pierer bewährt sich am Tisch als geübt plaudernder Gesprächspartner.

Pressekonferenz in den Morgenstunden

Am nächsten Tag, dem des Börsengangs, schlägt die gute Stimmung um. Der Wettbewerber Ericsson veröffentlicht eine Mitteilung über einen absehbar schlechteren Geschäftsverlauf. Noch einen weiteren Tag später muss Siemens in aller Eile um 7 Uhr früh eine weitere Pressekonferenz einberufen, eigene Zahlen und Prognosen relativieren. So hatte sich Pierer die Nachberichterstattung zum Gang an die Wall Street nicht vorgestellt, der doch eigentlich einer der Höhepunkte seiner Karriere als Vorstandsvorsitzender werden sollte.

Siemens hatte mit seinem Börsengang tatsächlich ein Datum markiert, aber ganz anders als geplant: Es war einer der ersten Tage, an dem sich der Beginn vom Ende des Technologiebooms der Jahrtausendwende andeutete. Die Börsenkurse sollten von nun an lange nur noch eine Richtung kennen: nach unten.

Eine Revolution für Siemens

Doch Pierer hat es in einem Leben immer wieder geschafft, Rückstände in einen Vorsprung zu verwandeln, gerade auch in seinem Sport, dem Tennis, wo er es 1959 bis zur bayrischen Jugendmeisterschaft gebracht hat. Nach New York weiß Pierer, dass er reagieren muss. Nach dem Rekordjahr 1999/2000 stellt sich heraus: Der vor drei Jahren eingeleitete Kulturwandel im Unternehmen ist noch längst nicht abgeschlossen, einige Vorstände setzen lieber auf alte Tugenden als sich dem „Best of Pracitce“-Prinzip zu widmen. Das besagt, dass sich alle Geschäftsfelder an dem besten Wettbewerber orientieren müssen - und für Siemens war das eine Revolution.

Eine weitere Rückblende, dieses Mal auf den 16. Juli 1998: Ungläubig steht Pierer an jenem Tag vor einem Computer, der ihm die Börsenkurse zeigt: „Das kann doch nicht wahr sein“, sagt der Siemens-Chef dann. Denn der Kurs der Papiere des Hauses steigt und steigt. Am Ende des Tages wird das Plus bei mehr als 17 Prozent liegen. Es ist ein Rekord für eine Aktie, die bis dahin als langweiliges Witwen- und Waisenpapier verschrien war. Der Grund für die Rally liegt zwei Stunden zurück.

Da hat Pierer im Steigenberger Kurhaus Hotel im niederländischen Seebad Scheveningen die erwähnte Revolution angezettelt. Im Rahmen der Sommerpressekonferenz des Konzerns legt Pierer schlechte Zahlen und eine nach unten revidierte Prognose vor. Bevor Pierer aber die Fragerunde beginnt, verteilt er eine Art Thesenpapier. Dessen Titel lautet: „Zehn-Punkte-Programm“. Es ist ein Umbauplan, wie es ihn in der Siemens-Geschichte noch nicht gegeben hat. Unprofitable Unternehmensbereiche müssen Gewinn machen. Oder sie werden verkauft. So radikal hat man bei Siemens noch nie gedacht.

Pierer konnte sich emanzipieren

Und tatsächlich werden später einzelne Teile unter Namen wie Infineon und Epcos veräußert. Der Konzern wird auf Rendite getrimmt - endlich. Vielleicht ist es ein Zufall, höchstwahrscheinlich aber nicht: In jenem Jahr war auch Pierers einflussreicher Förderer Hermann Franz als Aufsichtsratschef abgetreten. Und Pierer konnte sich emanzipieren. Im Nachhinein lässt sich festhalten, dass Pierer aus dieser Erfahrung wohl zu wenig gelernt hat. So oder so sind sich die Fachleute aber einig, dass der Sommer 1998 und der damit verbundene Befreiungsschlag den dramatischen Höhepunkt in Pierers zwölfjähriger Amtszeit an der Spitze von Siemens markiert.

Das Jahr 2001, der Besuch in New York und seine Nachwirkungen, geben Pierer die Kraft zum offenbar unbedingt notwendigen zweiten Schub. Denn wenige Monate nach den Veranstaltungen am Hudson River versinkt der von Siemens auserwählte Schauplatz in Schutt und Asche. Seit dem 11. September gibt es das World Trade Center, sein Restaurant und das angrenzende Mariott Hotel nicht mehr.

In der Weltliga der Elektrokonzerne

Die folgenden Krisenzeiten meisterte Siemens, vielleicht auch wegen des vorgezogenen Warnschusses im März, besser als manche Wettbewerber auf einzelnen, von den Münchnern bedienten Märkten. Am Ende der zwölfjährigen Amtszeit Pierers an der Spitze von Siemens stand dann auch durchaus ansehnliches: Gemessen an Umsatz und Arbeitsplätzen, hat sich das Geschäftsvolumen in seinen Amtsjahren auf rund 75 Milliarden Euro knapp verdoppelt. Die Zahl der Mitarbeiter wuchs von 413.000 auf 430.000 am Ende des Geschäftsjahres 2003/04. In Deutschland hingegen sank sie auf 164 000 - fast 90.000 weniger als zu Beginn seiner Amtszeit.

Dahinter steht eine Vielzahl von Unternehmensverkäufen und Zukäufen, aber auch Schließungen, die das Wachstum aus eigener Kraft begleiteten. Denn wie man auch immer die Entwicklung von Siemens unter Pierer beurteilen mag und wie sehr man von verpassten Chancen redet, jedes Geschäftsjahr in diesem Mischkonzern auf Elektrobasis war von großen Veränderungen geprägt. In diesem ständigen Umbau ist Pierer eines auf jeden Fall gelungen: Er hat das 1847 gegründete Unternehmen in der Weltliga der Elektrokonzerne gehalten. Andere Konkurrenten haben weniger Fortüne gehabt. In Deutschland ist die AEG nach der Auffangstation Daimler-Benz letztlich doch untergegangen. Brown, Boveri & Cie. fand sich zusammen mit Asea in Schweden in der ABB wieder. Aus dem trägen Tanker formte der Vorstandschef nach eigenen Worten „viele kleine Schnellboote“, die in der „rauen See der sich globalisierenden Märkte“ der Konkurrenz davonfahren können sollten.

Anwärter für das Amt des Bundespräsidenten

Nicht ohne Wehmut wechselte Pierer auf der Hauptversammlung Ende Januar 2005 auf den Posten des Aufsichtsratsvorsitzenden. „Der Job ist der schönste, der in der deutschen Wirtschaft zu vergeben ist“, sagte der damals 63 Jahre alte Pierer rückblickend auf seine Zeit als Vorstandschef. Zum Abschied krönte Pierer seine Karriere mit einem Rekordgewinn von 3,4 Milliarden Euro. Sein Nachfolger Kleinfeld wird seither noch manches Mal über das Zitat vom schönsten Job nachgedacht haben. Denn Pierer hinterließ Kleinfeld auch manche Baustelle, nicht zuletzt die mit Wasser volllaufende Baugrube Siemens Com mit dem kriselnden Handygeschäft, das später an den taiwanesischen Konzern BenQ verkauft, damit aber leider nicht gerettet wurde - sondern den für Siemens rufschädigenden Weg in die Insolvenz antreten musste. Ausgerechnet bei Siemens Com flog im vergangenen Herbst des vergangenen Jahres auch ein System von schwarzen Kassen für Schmiergeldzahlungen auf.

Und Pierer konnte der Versuchung nicht widerstehen, Aufsichtsratsvorsitzender zu werden - trotz der Erfahrung, die er mit seinem eigenen Förderer auf dieser Position gesammelt hatte. Deshalb endet der schönste Job auch für Pierer jetzt mit einem Albtraum. Am Ende stehen Skandale, Schmiergelder, schwarze Kassen und der Rücktritt vom Amt. Ganz nach seiner Art hatte Pierer auch dieses Mal wieder gekämpft, um sportlich den Rückstand aufzuholen, in den er geraten war. Der Druck auf den auch als politischen Berater gefragten Manager, der zeitweise als ernsthafter Anwärter für das Amt des Bundespräsidenten galt, wuchs aber von Monat zu Monat. Er musste spüren, dass ihm von Aktionären, Mitarbeitern, von Kollegen im Aufsichtsrat nach und nach das Vertrauen entzogen wurde.

„Vertrauen ist von zentraler Bedeutung“

Dabei hatte er in einem „Masterplan“ für Bundeskanzler Gerhard Schröder einmal geschrieben: „Vertrauen ist von zentraler Bedeutung in der Politik, so wie in der Wirtschaft. Die Unternehmen müssen mit den Politikern daran arbeiten, nach einem Jahr destruktiver Skandale das Vertrauen der Öffentlichkeit wiederherzustellen.“ Am eigenen Leibe hat Pierer für diese Einsicht eine Weile gebraucht. Aus diesem Rückstand wurde kein Sieg mehr. Mit seinem Rückzug will er nun einen Beitrag leisten, das „Unternehmen allmählich wieder aus den Schlagzeilen und in ruhigeres Fahrwasser zu bringen“.

Mit solchen ernüchternden Feststellungen endet eine Karriere, die Pierer vor 38 Jahren in der Rechtsabteilung von Siemens begonnen hatte. Später arbeitete der promovierte Jurist und Diplom-Volkswirt bei der Kraftwerk Union und in verschiedenen Zentralabteilungen. 1989 rückte Pierer in den erweiterten Siemens-Vorstand auf, ein Jahr später in den Zentralvorstand, 1992 nahm er schließlich auf dem Chefsessel Platz. Schnell verstand er, die Stärken des Unternehmens vor allem im Industriegeschäft voll auszuspielen. Die zahlreichen Kanzlerreisen, auf denen der Siemens-Chef mit von der Partie war, waren hierzu ein hilfreiches Instrument. Pierer verstand sich stets als oberster Verkäufer seines Unternehmens und zugleich als „Industriepolitiker“, der als erster deutscher Manager in der UN-Vollversammlung redete. Er nutzte die Politik mindestens ebenso stark, wie die Politiker sich seiner Prominenz bei ihren Auftritten bedienten.

Pierers beliebter Witz

Sehr viel schwerer tat sich Siemens immer wieder in Geschäften mit Endverbrauchern. Marketing und Preisgestaltung im Privatkundengeschäft wurden nie zu Stärken des Konzerns. Dafür war Pierer nicht der geeignete Mann. Vielleicht war er dafür immer zu bodenständig. Denn auf seine fränkische Heimat lässt er nichts kommen. Pierer wurde in Erlangen als Nachfahr österreichischer Adliger im Jahr 1941 als Heinrich Karl Friedrich Eduard von Pierer geboren, dort hat er seither einen Wohnsitz und spielt im Tennisclub. In Erlangen war Pierer zudem von 1972 bis 1990 CSU-Stadtrat. Die Erinnerung an diese Zeit bot Pierer in späteren Jahren immer wieder Gelegenheit zu einem kleinen Spaß: „Ich bin eigentlich ein gescheiterter Politiker, der bei Siemens bleiben musste“, war ein beliebter Witz von ihm.

Denn 1976 wollte er für die CSU in Erlangen in den Bundestag einziehen, doch die Kandidatur scheiterte in der Partei - in seinen Vorgesprächen hatte er einen Parteifreund zu wenig überzeugt, für ihn zu stimmen. Seine politische Intelligenz hat sich Pierer in dieser Zeit erarbeitet. Er wurde bei Politikern aller Parteien gefragte Gesprächspartner und 2003 Asien-Beauftragter der Bundesregierung. Nach dem politischen Wechsel in Berlin wurde Pierer Berater der Regierung von Angela Merkel. Und Merkel will an Pierer festhalten: Die Qualität seiner Arbeit sei unbestritten. Gewiss hat Pierer mit der Hilfe seines treuen Kommunikationsberaters schon damit begonnen, seinen Ruf letztlich doch noch wieder aufzupolieren.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance / dpa

Kursabfrage 
NamePunkteProzent
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DowJones 8.451,19 -1,49
Nasdaq 1.649,51 +0,27
STOXX 50 2.421,87 -7,86
Nikkei 225 8.276,43 -9,62
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