11. Januar 2005 Der Satz könnte auch von Steve Jobs persönlich ins Drehbuch geschrieben worden sein: "Immer erfinden sie neue Wege, um die Mittelmäßigkeit zu feiern", klagt einer der ausrangierten Superhelden aus dem Zeichentrickfilm "Die Unglaublichen" die Menschheit an. Jobs hat eine enge Verbindung zu diesen Helden: Er ist Chief Executive Officer von Pixar, dem Filmstudio hinter den "Unglaublichen". Freilich ist das nur sein Nebenberuf: An erster Stelle ist Steve Jobs der Chef des Computerkonzerns Apple, jenes Unternehmens, das im vergangenen Jahr mit seinem digitalen Musikspieler iPod eine atemberaubende Erfolgsgeschichte geschrieben hat und das mit einer Verdreifachung seines Aktienkurses zu den größten Börsenstars 2004 gehörte.
Mit der Mittelmäßigkeit hat es Steve Jobs in der Tat überhaupt nicht und ebensowenig mit Bescheidenheit. Er ist der Mann der großen Paukenschläge, und das wird er wahrscheinlich jetzt wieder unter Beweis stellen. An diesem Dienstag findet wie jedes Jahr im Januar die Apple-Hausmesse Mac-World in San Francisco statt, und diese Veranstaltung verläuft immer nach dem gleichen Schema. Die zentrale Rede hält Steve Jobs höchstpersönlich, und er stellt Neuigkeiten vor, die zuvor wie Staatsgeheimnisse gehütet wurden - neue Produkte oder Partnerschaften zum Beispiel. Dabei trägt er Blue jeans und ein in die Hose gestecktes schwarzes Sweatshirt mit hochgeschlossenem Kragen, jedoch keinen Gürtel. Jobs tritt immer so auf. Angeblich hat er irgendwann Hunderte der schwarzen Shirts auf einen Schlag gekauft, um sich keine Gedanken mehr um seine Garderobe machen zu müssen. Bei seinem Auftritt inszeniert sich Jobs regelmäßig wie ein Popstar, und er verspricht vollmundig, daß seine Neuheiten nicht weniger als eine Revolution auslösen werden.
iPod mit Mikrochip?
Ganze Internetgemeinden sind seit Wochen mit der Frage beschäftigt, was Jobs denn diesmal im Köcher hat. Im Moment sind dies die Favoriten: Eine noch kleinere und billigere Version des iPod, die statt mit einer Festplatte mit einem Mikrochip arbeitet. Eine billigere Version des iMac-Computers, mit dem bisherige Nutzer von Windows-Computern zum Wechsel zu Apple bewogen werden sollen. Ein Mobiltelefon von Motorola, das mit dem Online-Musikdienst iTunes von Apple arbeiten kann. Von Apple selbst ist zu diesen Spekulationen selbstverständlich kein Sterbenswörtchen zu hören.
Einen Tag nach der Rede von Steve Jobs steht am Mittwoch schon der nächste Höhepunkt an: die Veröffentlichung der Quartalszahlen für die letzten drei Monate des vergangenen Jahres - nach Apple-Rechnung das erste Quartal des neuen Geschäftsjahres 2004/2005, das am 25. September endet. Dann wird sich zeigen, wie erfolgreich der iPod im Weihnachtsgeschäft wirklich war. Einzelhändler wie der Internetversender Amazon haben bereits gemeldet, daß der iPod der absolute Renner der Saison war. Die Schätzungen von Analysten liegen bei rund vier Millionen Musikspielern. Das wäre eine glatte Verdoppelung im Vergleich zum vorhergehenden Quartal.
Minis brachten den Durchbruch
Für Apple war 2004 sicher das Jahr des iPod. Dabei wurde die Originalversion in der weißen Schale schon im Herbst 2001 auf den Markt gebracht. Das Gerät war aber nicht vom Start weg ein Erfolg, sondern fand erst allmählich Anhänger. Das lag nicht zuletzt am saftigen Kaufpreis von 300 Dollar und mehr, der die Dimensionen von bisher üblichen tragbaren Musikspielern klar sprengte. Der große Durchbruch kam im vergangenen Frühjahr mit der Einführung der farbigen iPod Minis. Die schicken Teile haben von Anfang an eine Hysterie ausgelöst, und Apple kam mit der Belieferung nicht einmal annähernd nach. Auch außerhalb von Amerika wurde der iPod im vergangenen Jahr zu einem Massenphänomen. Dazu hat auch beigetragen, daß Apple seinen Online-Musikvertrieb iTunes in immer mehr außeramerikanischen Ländern verfügbar gemacht hat.
Jetzt besseres Geschäft mit Computern?
Man könnte angesichts des Wirbels um die iPods fast vergessen, daß Apple noch immer an erster Stelle ein Computerhersteller ist. Das Unternehmen ist sogar ein Pionier in der Branche. Steve Jobs gründete Apple zusammen mit seinem Schulfreund Steve Wozniak schon im Jahr 1976 und brachte schon bald danach mit dem Modell "Apple II" einen der ersten erfolgreichen Personalcomputer auf den Markt. Im Jahr 1984 kam der revolutionäre Macintosh - der erste Computer mit der grafischen Benutzeroberfläche, die längst zum Standard geworden ist. Noch heute stehen die Computer für den größten Teil des Umsatzes von Apple. Allerdings ist das Unternehmen im Laufe der Jahre zu einem Nischenanbieter mit einem Marktanteil im niedrigen einstelligen Prozentbereich geworden. Der Markt wird von Rechnern mit dem Betriebssystem Windows des Softwareriesen Microsoft dominiert. Dennoch hat Apple im Computergeschäft eine treue Fangemeinde. Das gilt um so mehr, als Apple nicht annähernd so stark wie Windows-Systeme das Ziel von Attacken durch Computerviren und -würmer ist.
Apple hofft nun, daß sich der Erfolg des iPod künftig auch verstärkt in einem besseren Geschäft mit Computern niederschlägt. iPod-Besitzer sollen so begeistert sein von der Marke Apple, daß sie ihre bisherigen Windows-Rechner künftig durch einen Macintosh-Computer ersetzen. Dieser Gedanke schlägt sich besonders deutlich in der neuen Version des Desktop-Computers iMac nieder, die den gesamten Computer in den Bildschirm integriert hat und in ihrer Optik an den iPod denken läßt. Apple läßt sogar iPods in den Anzeigenkampagnen für den neuen iMac auftreten. Bislang hat sich der erhoffte Abfärbungseffekt noch nicht eingestellt: Im jüngsten Quartalsbericht meldete Apple sogar einen im Vergleich zum Vorquartal rückläufigen Computerabsatz. Allerdings könnte sich das Bild hier in der kommenden Woche mit der Vorlage der Quartalszahlen ändern, zumal der neue iMac erst seit Mitte September auf dem Markt ist.
Nur eine Übergangsphase
Die heutige Apple-Struktur mit zwei starken Säulen - Computer und Musik - ist wahrscheinlich nur eine Übergangsphase. Wie immer aber liegen die Pläne von Steve Jobs für die Öffentlichkeit im dunkeln, und es kann höchstens darüber spekuliert werden. So ist es vorstellbar, daß Jobs in weitere Bereiche der digitalen Konsumelektronik vordringen will. Mit dem iPod, der im Moment einen Marktanteil von mehr als 90 Prozent in seinem Segment hat, wird er auch nicht auf der Stelle treten können. Viele Experten erwarten künftig eine Konvergenz verschiedener Elektronikbereiche in einem Gerät und sehen daher die Bedeutung des isolierten Musikspielers zurückgehen. Ein mögliches Szenario ist, daß das Mobiltelefon zunehmend zum Abspielgerät für digitale Musik wird. In diese Richtung dürfte auch die Allianz von Apple mit Motorola gehen. Außerdem hat Apple kürzlich neue iPod-Modelle auf den Markt gebracht, mit denen digitale Fotos gespeichert werden können.
Eine ebenso phänomenale Erfolgsserie liefert Jobs derzeit in seiner Zweitbeschäftigung als Chef des Zeichentrickstudios Pixar ab. Auch der sechste Pixar-Film, "Die Unglaublichen", wurde zu einem Kassenschlager und war mit einem Einspielergebnis von mehr als 250 Millionen Dollar der vierterfolgreichste Film des vergangenen Jahres in den Vereinigten Staaten. Auch Pixar ist ein Pionier in seinem Feld: Das Unternehmen produzierte seine Filme von Anfang an mit dem Einsatz von Computergrafik, während traditionelle Animationsfilme von Walt Disney und anderen Filmstudios vor allem handgezeichnete Bilder verwenden. Pixar entstand im Jahr 1986, als Steve Jobs dem Regisseur George Lucas die Computeranimationssparte seines Unternehmens, Lucasfilm, abkaufte. Der erste Film, "Toy Story", kam 1995 in die Kinos, die bisher erfolgreichste Produktion, "Findet Nemo", ist aus dem Jahr 2003.
Doppelt großspurig dank Pixar
Als Pixar-Chef gibt sich Jobs mittlerweile ebenso großspurig wie bei Apple. So hat er im vergangenen Jahr das Unterhaltungsimperium Disney regelrecht vorgeführt, als er die Gespräche über die Verlängerung einer Vertriebsallianz abbrach. Die gescheiterten Verhandlungen trugen maßgeblich zum Druck auf Disney-Chef Michael Eisner bei, der schließlich zu einem Mißtrauensvotum bei der Aktionärsversammlung des Medienkonzerns führte. Hinterher trat Jobs nach und machte sich über kreative Unzulänglichkeiten bei Disney lustig. Die Pixar-Aktie gewann im vergangenen Jahr mehr als ein Viertel an Wert, obwohl das Geschäftsmodell sehr riskant ist. Das Unternehmen bringt nicht einmal einen neuen Film im Jahr auf den Markt, der Kinostart für die nächste Produktion, "Cars", wurde kürzlich um ein halbes Jahr auf Mitte 2006 verschoben.
Für Pixar und noch mehr für Apple ist der 49 Jahre alte Jobs in der Öffentlichkeit ganz klar die Identifikationsfigur, offensichtliche Kandidaten für eine Nachfolgeregelung gibt es nicht. Um so größer war der Schock, als Jobs im Sommer an einer seltenen Form des Bauchspeicheldrüsenkrebses erkrankte und sich einen Tumor entfernen lassen mußte. Jobs versicherte aber, daß der Krebs bei früher Diagnose wie in seinem Fall besiegt werden könne. Nach einer rund einmonatigen Erholungspause kehrte er im September wieder an seine Arbeitsplätze zurück, zumindest in Teilzeit. Im Oktober hatte er seinen ersten öffentlichen Auftritt nach der Erkrankung und stellte dabei mit der Rockgruppe U2 ein Sondermodell des iPod vor. Wenn es um neue Apple-Produkte geht, läßt sich Jobs das Rampenlicht schließlich nur ungern entgehen.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 09.01.2005, Nr. 1 / Seite 38
Bildmaterial: AP
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