Bildungskonzept

Bankenverband will Wirtschaft vom ersten Schuljahr an

Nur jeder Dritte ist in der Lage, Angebot und Nachfrage zu beschreiben

Nur jeder Dritte ist in der Lage, Angebot und Nachfrage zu beschreiben

08. Mai 2008 Der Befund ist erschütternd: Nur vier von zehn Jugendlichen können den Begriff "Inflationsrate" erklären, und nur jeder Dritte ist in der Lage, das Funktionieren von Angebot und Nachfrage zu beschreiben. Der Bankenverband hat daher seine Forderung an die Bildungspolitiker der Bundesländer erneuert, ein eigenständiges Schulfach Wirtschaft zu schaffen. Der Verband legte zugleich ein wissenschaftliches Konzept vor, wie die ökonomische Bildung an den Schulen aussehen und die Lehrerbildung organisiert werden könnte.

"Wirtschaft spielt an den Schulen immer noch nur eine Nebenrolle, weil dieses wichtige Themenfeld fast überall eine Art Appendix zu anderen Fächern wie Politik oder Gemeinschaftskunde ist", sagte der Geschäftsführer des Bundesverbandes deutscher Banken, Manfred Weber, am Mittwoch. Er verwies auf Umfragen, wonach fast achtzig Prozent der Jugendlichen und Erwachsenen für ein eigenständiges Schulfach seien. Dieses ist aber in den sechzehn Bundesländern bisher die Ausnahme. "Wir wollen nicht aus jedem Schüler einen kleinen Betriebswirt, sondern Wirtschaft zu einem Teil der Allgemeinbildung machen." Die ökonomische Bildung sollte möglichst früh einsetzen, daher gehöre sie in die Schule.

Das Bildungskonzept, das Hans Kaminski, Professor an der Universität Oldenburg, verfasste, sieht vor, dass es nicht erst im Gymnasium, sondern schon im ersten Schuljahr das Fach Wirtschaft geben soll. Es empfiehlt etwa Rollenspiele über den Zusammenhang von Konsumieren und Produzieren. Dabei könnte, so Kaminski, schon in der Primarstufe die Frage diskutiert werden: "Warum ist meine Jeans um die Welt gereist?". In Gymnasien, die wegen der kritischen Einstellung vieler Lehrer aus der 68er-Generation vielfach noch ökonomiefreie Zonen seien, möchte der Bildungsforscher wissenschaftlicher vorgehen - also etwa die Rolle des Staates in der Marktwirtschaft behandeln oder über die Frage diskutieren, ob Manager unethisch handeln, wenn sie Arbeitsplätze ins Ausland verlagern. In dem Gutachten werden auch Vorschläge unterbreitet, wie Studiengänge für Lehrer in ökonomischer Bildung geschaffen werden könnten.

Der Bildungsforscher wollte sich nicht zu der Frage äußern, welche Fächer beschnitten werden sollten, um im Stundenplan Platz für das neue Fach zu schaffen. "Das müssen die Parlamente entscheiden", sagte Kaminski. Notfalls könnte man ein Wahlpflichtfach Wirtschaft schaffen, wenn es kein Pflichtfach werden kann. Der Bankenverband sieht keine Notwendigkeit, dass sich die Wirtschaft notfalls an den Kosten eines neuen Fachs beteiligt. "Das kann nicht unsere Aufgabe sein", sagte Weber. "Wenn die Politik glaubt, dass ökonomische Bildung eine wichtige Aufgabe der Schule ist, dann soll sie sich die entsprechenden Mittel beschaffen."

Text: km., F.A.Z.
Bildmaterial: AP

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