Versicherungen

Policen zwischen Pflaumen und Pullovern

Von Sabine Hildebrandt-Woeckel

Alles aus dem Supermarkt: 100 Gramm Aufschnitt und eine Rechtsschutzversicherung

Alles aus dem Supermarkt: 100 Gramm Aufschnitt und eine Rechtsschutzversicherung

24. Oktober 2006 Was hätten Sie denn gern? Kaffee, Karotten oder lieber eine Rechtsschutzversicherung? Bei Penny haben Kunden derzeit die Wahl, allerdings nur bis zum 28. Oktober. Statt sich bei dem zum Rewe-Konzern gehörenden Discounter mit Lebensmitteln einzudecken, können sie sich auch gegen das Risiko einer Rechtsstreitigkeit versichern. 99 Euro kostet das Paket und damit auf den ersten Blick deutlich weniger als die meisten Konkurrenzprodukte. Gezahlt wird vorab an der Kasse, danach wird der Schutz mit Hilfe einer Pin-Nummer auf dem Kassenbon aktiviert. Das geht online, per Post oder per Fax.

Versicherungspolicen im Lebensmittelhandel - das klingt auf den ersten Blick absurd, ist es aber gar nicht, wie Katrin Andrae, Referentin für Finanzen und Steuern beim Hauptverband des Deutschen Einzelhandels (HDE), betont. Schließlich sei der Einzelhandel schon seit Jahren bemüht, sein Sortiment zu erweitern und durch zusätzliches Geschäft den Umsatz zu steigern. Eine Zusammenarbeit mit der Versicherungsbranche, so Andrae weiter, biete sich da geradezu an. 50 Millionen Kunden erreicht der deutsche Einzelhandel täglich und damit mehr, als dies über sonst einen Vertriebsweg möglich wäre. Daß solche Kooperationen funktionieren, macht seit Jahren das Ausland vor, allen voran Großbritannien.

Versicherungen und Bankdienstleistungen

Als Vorreiter von Versicherungsangeboten im deutschen Einzelhandel gelten Tchibo und Karstadt-Quelle, die ebenfalls seit längerem Versicherungen und Bankdienstleistungen anbieten. Seit ein paar Wochen steigen immer mehr Handelsunternehmen in das Geschäft ein. Mitte September starteten C & A und das Label C & A Money mit dem Verkauf von Auto-Versicherungen, Anfang Oktober zog Penny mit Rechtsschutzversicherungen nach, und seit Anfang vergangener Woche vertreibt nun auch der Otto-Versand Autoversicherungen, der dazu eigens das Tochterunternehmen Finanz-Plus gegründet hat. Anders als C & A oder Penny arbeitet Otto dabei aber nicht mit einem bestimmten Versicherer zusammen, sondern agiert sozusagen als Makler.

Doch das ist nur der Anfang. 2007, ließ die Otto-Gruppe verlauten, werden andere Produkte folgen, darunter Schaden- und Sachversicherungen wie auch Policen zur Altersvorsorge. C & A meldet, daß der Verkauf von Autoversicherungen der Auftakt für den Vertrieb weiterer Finanzprodukte sei, die ebenfalls vom kommenden Frühjahr an angeboten werden sollen. Dafür hat C & A sogar eine Banklizenz beantragt.

Modegeschäft oder Lebensmitteldiscounter

Und auch im Rewe-Konzern werden bereits andere Angebote geprüft - nachdem zunächst einmal die am 2. Oktober gestartete und auf zwei Wochen befristete Aktion aufgrund der „kontinuierlich steigenden Nachfrage“, einem Unternehmenssprecher zufolge, bis zum 28. Oktober verlängert worden war. Grundsätzlich, so noch einmal HDE-Sprecherin Andrae, gehe sie davon aus, daß in Zukunft noch mehr Handelsunternehmen in den Verkauf von Versicherungen und anderen Finanzprodukten einsteigen werden.

Ob der Abschluß einer Versicherung im Modegeschäft oder beim Lebensmitteldiscounter den Kunden allerdings einen Vorteil bringt, darüber gehen die Meinungen auseinander. Die Konzerne stellen dabei vor allem das Kostenargument in den Vordergrund. Weil man eine so große Kontaktfläche zum Kunden habe und somit Policen in großer Stückzahl verkaufen könne, sei man auch in der Lage, ein günstiges Preis-Leistungs-Verhältnis zu bieten, sagt C & A-Sprecher Torsten Rolfes. Bei Otto argumentiert man ähnlich.

Mangelnde Informationsmöglichkeiten

Verbraucherschützer dagegen heben vor allem die mangelnde Möglichkeit hervor, den Kunden wirklich umfassend zu informieren. Nicht selten, moniert Bianca Höwe vom Bund der Versicherten, sei man beim Einkauf unter Zeitdruck und selbst wenn nicht, könnten Verkäuferinnen oder Kassiererinnen an der Kasse unmöglich dieselbe Aufklärung bieten wie Versicherungsspezialisten. Wichtige Informationen gingen dabei verloren. In der Rechtsschutzversicherung von Penny beispielsweise, einem Produkt der Arag, seien wesentliche Punkte ausgeschlossen. „Ich bin jedoch überzeugt“, sagt Höwe, „daß vielen Kunden das beim schnellen Kauf überhaupt nicht bewußt ist.“

Während sich der Bund der Versicherten ziemlich eindeutig gegen den Vertriebsweg Einzelhandel ausspricht, urteilen andere Verbraucherschützer nicht so streng. Wenn das Finanzprodukt wie eine Autoversicherung oder eine einfache Risikolebensversicherung wenig Erklärungsbedarf hat, könne der Verkauf über den Einzelhandel durchaus eine Alternative sein, meint Hermann-Josef Tenhagen, Chefredakteur bei Finanztest.

Bedenken bei befristeten Aktionen

Handelt es sich dagegen um so komplexe Produkte wie Policen zur Altersvorsorge, so der Experte, „wird das wohl kaum funktionieren“. Insbesondere dann nicht, wenn Anfang kommenden Jahres die EU-Vermittlerrichtlinie in deutsches Recht umgesetzt wird. Denn dann werde eine umfassende Aufklärung des Kunden vor Abschluß des Vertrages schließlich Pflicht.

Entscheidend sei es, beim Kauf von Vorsorgeprodukten nicht situativ zu entscheiden, sagt auch Wolfgang Scholl, Referent für Versicherungen beim Bundesverband der Verbraucherzentralen. Zunächst einmal solle der Interessent eine genaue Analyse des eigenen Bedarf machen und dann die in Frage kommenden Produkte vergleichen. Wenn jemand dies mache und sich im Nachgang für ein günstiges Produkt aus dem Handel entscheide, meint auch Scholl, dann spräche zunächst einmal nichts dagegen. Bei befristeten Aktionen an der Kasse allerdings, die den Verbraucher zu einer schnellen Entscheidung drängen sollen, haben sowohl Scholl als auch Tenhagen Bedenken.

Abschluß per Internet oder Callcenter

Allerdings organisieren auch nicht alle Handelsunternehmen den Verkauf so direkt wie bei Penny, wo er tatsächlich in der Filiale stattfindet. Bei C & A wird in den meisten Warenhäusern nur eine Informationsbroschüre ausgegeben, der Abschluß erfolgt über das Internet oder ein Callcenter. Lediglich in neun ausgesuchten Häusern wird das Produkt auch wirklich vor Ort verkauft, dann aber von Finanzexperten und „nicht etwa von speziell geschulten Verkäuferinnen“, wie Rolfes betont. Dies sei zunächst nur ein Test.

Und auch bei Otto werden die Verträge nicht in den Verkaufsshops geschlossen, sondern ebenfalls online oder telefonisch. „Natürlich können wir am Telefon keine Grundsatzberatung leisten“, räumt Thomas Voigt, Direktor Wirtschaftspolitik und Kommunikation bei Otto, ein. Eine korrekte Information zum Produkt und welche Vorteile sie ihm persönlich bringen, bekäme der Kunde aber durchaus.

Ob das ausreicht, so Tenhagen, werde die Zukunft zeigen müssen. Schon jetzt aber rät er den Verbrauchern auch bei vermeintlich günstigen Produkten aus dem Handel zur Umsicht. Denn auch das Kostenargument des Handels zieht nicht immer. Für die neueste Ausgabe von „Finanztest“ nahm die Redaktion die Auto-Versicherung von C & A unter die Lupe. Das Ergebnis: Teuer ist die angebotene Police zwar nicht, aber sie ist der Zeitschrift zufolge auch nicht die günstigste.

Text: F.A.Z., 24.10.2006, Nr. 247 / Seite 27
Bildmaterial: ddp

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Einbruch, Feuer oder Blitzschlag - schützen Sie Ihr Hab und Gut gegen Schäden. Jetzt vergleichen!

Dax
Tec
Dow
Nas
18.12.2009 | 17:45
Dax 5.831,21
−0,23 %
 
        Vortag
18.12.2009 | 23:04
Name Kurs in %
DAX 5.831,21 −0,23%
TecDAX 815,34 −0,05%
MDAX 7.393,75 −0,14%
SDAX 3.555,37 +0,22%
REX 378,74 +0,12%
Eurostoxx 50 2.871,22 −0,71%
Dow Jones 10.328,90 +0,20%
Nasdaq 100 1.807,36 +1,64%
S&P500 1.102,47 +0,58%
Nikkei225 10.142,00 −0,21%
EUR/USD 1,4336 −0,09%
Rohöl Brent Crude 73,88 $ +0,90%
Gold 1.104,50 $ −1,12%
Bund Future 123,43 € −0,01%
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche