07. August 2006 Indische Umweltschützer sorgen für einen Sturm im Cola-Glas. Denn sie glauben, daß die braune Brause mit Pestiziden durchsetzt sei. Als Folge davon haben erste Bundesstaaten das Kaltgetränk in ihren Schulen verboten, die Opposition in Neu-Delhi fordert ein Brauverbot, und das höchste Gericht hat die Konzerne zur Offenlegung ihrer Geheimformel verdonnert.
Die amerikanischen Brausehersteller Coca-Cola und Pepsi Co sind vielen Indern ein Dorn im Auge: Ihr Image ist trotz eines hohen Werbeaufwandes schlecht, es kommt zu Klagen und Anschlägen. Die beiden Konzerne stehen im Mittelpunkt einer an Schärfe zunehmenden Debatte über die Segnungen der Globalisierung in Indien.
Belastung über den Grenzwerten
Die Pestizidbelastung des süßen Sprudels soll jeden Grenzwert sprengen. Am Wochenende sah sich sogar China genötigt, drei Tage lang Coca-Cola, Pepsi, Mirinda, Fanta, Sprite und Seven up auf deren Reinheit zu prüfen. Rückstände fand man dort nach Berichten der staatlichen Medien nicht. Aber die Grenzkontrollen für Getränkeeinfuhren aus Indien wurden verschärft.
Drei Jahre ist es her, da setzten die Inder einen parlamentarischen Untersuchungsausschuß auf die Brause-Brauer an. Vorausgegangen waren Berichte des indischen Zentrums für Wissenschaft und Umwelt (CSE), daß sowohl Coca-Cola wie auch der Konkurrent Pepsi in Indien mit Pestiziden verseuchte Getränke auslieferten.
Pflanzengift wirkt krebserregend
Passiert zu sein scheint seitdem nicht allzuviel: Denn nun tritt CSE wieder auf den Plan und macht den Amerikanern nach einer zweiten Prüfung denselben Vorwurf: CSE hat 57 Proben von elf Limonaden aus 25 verschiedenen Abfüllanlagen in zwölf indischen Bundesstaaten untersucht. In allen Proben sei ein gesundheitsgefährdender Cocktail aus drei bis fünf Pflanzengiften gefunden worden, sagt CSE-Direktorin Sunita Narain.
Die Ergebnisse waren wirklich schockierend. Pepsi Cola wies chemische Rückstände aus, die dreißigmal höher als der genehmigte Wert des Bureau of Indian Standards liegen, bei Coca-Cola waren sie 27 Mal höher, sagt Narain. So finde sich das krebserregende Lindan in einer Konzentration von 5,5 ppb (parts per billion), einer Konzentration, die 54 Mal über dem inoffiziellen Richtwert für Limonaden in Indien liegt.
Vorwurf der Manipulation
Die dem CSE verbundene, angesehene Umweltzeitschrift Down to Earth wirft den Unternehmen Manipulation vor. Sie erlauben nicht, daß Umweltstandards formuliert werden. Sie sagen, Milch und Gemüse hätten höhere Pestizidanteile als Cola-Getränke. Aber Milch und Gemüse besitzen einen Nährwert, die Cola-Getränke nichts außer Pestiziden.
Die Vereinigung der Indischen Softdrinkhersteller beteuerte flugs, die Produktion in Indien entspreche internationalen Normen. Die Grenzwerte für die Belastung seien in den vergangenen Jahren noch einmal herabgesetzt worden - nun entsprächen sie den striktesten der Welt. Das Cola-Testlabor Sri Ram Labs warf CSE vor, nicht von der offiziellen indischen Zertifizierungsvereinigung (NABL) geprüft zu sein - damit seien die Testergebnisse nicht aussagekräftig.
Wasser und Zucker
Da die Brause zu etwa 89 Prozent aus Wasser und rund 10 Prozent aus Zucker besteht, vermuten die Umweltschützer, mindestens eine der beiden Zutaten sei mit Pestiziden vergiftet. Die amerikanischen Unternehmen versuchen, die Schuld im Vorfeld zu suchen: Standards für Wasser und Zucker seien angebracht, nicht aber für das Endprodukt. Damit hätten die Wasserlieferanten und die Zuckerhersteller den Schwarzen Peter.
Ihre Beteuerungen und Schuldzuweisungen helfen den Limonadenherstellern derzeit freilich wenig. Wenn die negativen Auswirkungen auf den Absatz bei der ersten Untersuchung vor drei Jahren als Anhaltspunkt gelten können, dann erwarten die Unternehmen nun erneut einen heftigen Einbruch in ihrem Geschäft, unkt die Tageszeitung Times of India. Der neuerliche Vorwurf droht die Glaubwürdigkeit der Cola-Unternehmen weiter zu zerstören, da es nun so aussieht, daß die Cola-Giganten versäumt haben, ihre Produkte in Ordnung zu bringen, heißt es in der Wirtschaftszeitung Economic Times.
Kein Verkauf in Schulen und Unis
2003, als der Vorwurf das erste Mal bekannt wurde, brach der Cola-Absatz in Indien zum Halbjahr um 30 Prozent ein. Christine Farkas, Analystin von Merrill Lynch, warnt davor, daß es länger dauern dürfte, die Probleme in Indien zu lösen. Dabei zeichnet sich das ganze Ausmaß des Desasters für die Konzerne erst allmählich ab: Inzwischen verbieten mehr und mehr Bundesstaaten den Verkauf von Cola und ihren Schwestergetränken in den staatlichen Schulen und Universitäten.
Bislang ist noch keine Institution aufgetreten und hat bewiesen, daß diese Getränke keine krebserregenden Pestizide enthalten und damit sicher für die Menschen sind, sagte Gujarats Erziehungsminister Anandiben Patel. Die Touristenhochburg Rajasthan hat nicht nur den Verkauf aller Limonaden in ihren 100.000 Bildungseinrichtungen verboten, sondern auch das Trinken mitgebrachter Cola, Pepsi, Fanta oder Seven up.
Image in Indien leidet wiederholt
Das oberste Gericht in Neu-Delhi ordnete gerade an, beide Hersteller müßten ihre Rezepturen offenlegen. Vier Wochen bleiben ihnen zur Antwort. Schon vorher hatte ein Gericht in Rajasthan verfügt: Konsumenten sollten die gesamte Information über den Inhalt bekommen. Das Urteil wurde freilich nicht umgesetzt.
Schon lange schluckt Cola schwer an Indien - und Indien geht die Cola nur schwer runter. Erst 1993 kehrte Coca-Cola auf den Subkontinent zurück. 15 Jahre zuvor hatten sich die Amerikaner zurückziehen müssen, weil sie sich weigerten, ihre Formel zu veröffentlichen. Doch Investitionen von rund einer Milliarde Dollar seit dem Wiedereintritt in den Markt schützten nicht vor immer neuen Zwischenfällen, die das Image ruinieren.
Text: F.A.Z., 08.08.2006, Nr. 182 / Seite 18
Bildmaterial: AP
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