Asien

Das Zerwürfnis zwischen China und Japan strahlt auf die Wirtschaft ab

Die Stimmung ist gereizt: Chinesische Demonstranten

Die Stimmung ist gereizt: Chinesische Demonstranten

10. April 2005 Die Spannungen zwischen China und Japan sind nach den antijapanischen Protesten in vielen chinesischen Städten über das Wochenende weiter gewachsen.

Bei einer Demonstration in Peking gingen Fensterscheiben der japanischen Botschaft und der Residenz des Botschafters zu Bruch. Die Nachrichtenagentur Xinhua sprach von zehntausend Teilnehmern des Protestzuges. In den südchinesischen Wirtschaftsmetropolen Guangzhou und Shenzhen riefen Demonstranten vor japanischen Geschäften und Restaurants zum Wirtschaftsboykott auf und verwüsteten japanische Einzelhandelsgeschäfte. „Sie riefen Parolen wie ,Japan raus aus China'“, berichtet der japanische Vizekonsul Masanori Fuchigami.

Boykott japanischer Waren

Auslöser der Proteste seit Mitte vergangener Woche ist das Gefühl vieler Chinesen, Japan beschönige seine Rolle im Krieg und seine Verbrechen. Sie werfen dem Nachbarland vor, in neuen Schulbüchern unter anderem das Massaker in Nanjing 1937 zu verdrängen, bei dem die japanischen Besatzer mehr als 300.000 Zivilisten ermordet hatten. Da Demonstrationen in China grundsätzlich verboten sind, interpretieren Beobachter die jüngsten Ereignisse dahin gehend, daß sich die Regierung in Peking diesmal mit den Protestierern zumindest stillschweigend einverstanden zeigt.

Die japanischen Unternehmen blicken nun mit wachsender Sorge nach China. So hat der Automobilhersteller Honda angekündigt, die Zahl der Dienstreisen seiner japanischen Mitarbeiter ins Reich der Mitte vorübergehend zu drosseln. „Wir wollen in diesen sensiblen Zeiten so zurückhaltend wie möglich sein“, erklärte Honda-Chef Takeo Fukui. Die staatliche Tageszeitung China Daily berichtet, die China Chain Store & Franchise Association, die größte Einzelhandelsvereinigung Chinas mit 650 Mitgliedsunternehmen und einem Gesamtumsatz von 400 Milliarden Yuan (37,4 Milliarden Euro), habe ihre Mitglieder zur Auslistung und zum Boykott japanischer Waren aufgefordert. Auf seiner Internetseite verwies der Verband im Zusammenhang mit der Schulbuchaffäre zugleich namentlich auf Mitsubishi, Nissan, Suzuki, die Versicherung Sumitomo Life Insurance und die Bank of Tokyo-Mitsubishi.

Beide Länder profitierten bisher wirtschaftlich voneinander

Die Regierung wird gezwungen sein, die Proteste vor der in der nächsten Woche beginnenden führenden Automobilmesse des Landes in Schanghai einzudämmen - denn dort stellen auch viele japanische Hersteller aus. Statistischen Angaben zufolge haben sich in den zurückliegenden 15 Jahren fast 30000 japanische Unternehmen in China engagiert. Sie investierten dort knapp 40 Milliarden Dollar. Damit stieg Japan zu einem der wichtigsten ausländischen Investoren im Reich der Mitte auf. Zeitgleich avancierte China für die Japaner zum zweitgrößten Handelspartner nach den Vereinigten Staaten. Mehr als 12 Prozent des japanischen Exports geht nach China. Seit den neunziger Jahren versuchen Unternehmen wie Hitachi, Brother und Kyocera die niedrigen Lohnkosten im Nachbarland zu nutzen, indem sie arbeitsintensive Produktionsschritte von Japan nach China verlagern.

Schon vor dem Aufflammen der Proteste verlangte die Regierung in Tokio von Peking die Unterzeichnung einer Übereinkunft über Sicherheitsgarantien für diese Investments. China hat sich nach Angaben der japanischen Unternehmensvereinigung Keidanren indes bislang geweigert, Gespräche über ein solches Abkommen aufzunehmen. So erwägt Tokio nun, die Entwicklungshilfe für China zurückzufahren. In den vergangenen zweieinhalb Jahrzehnten erhielt Peking umgerechnet knapp 20 Milliarden Euro Hilfe von Japan. Die Zahlungen werden schon seit 2002 eingeschränkt.

Konflikte an allen Ecken und Enden

Die Proteste der vergangenen Woche markieren nur den einstweiligen Höhepunkt im Zerwürfnis zwischen der bisherigen Führungsmacht in Asien und dem Aufsteiger der Region, der mit großer Anstrengung versucht, seinen politischen Einfluß auszubauen (Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 9. April). Anlässe für gegenseitiges Mißtrauen finden sich immer wieder: China hält Japan vor, als engster Bündnispartner Amerikas in Asien unter anderem immer wieder auf eine Aufwertung des chinesischen Yuan zu dringen.

Auch Japans an den Vereinigten Staaten orientierte Haltung in der Taiwan- und der Korea-Frage stößt in China auf Widerstand - mit der Folge, daß im Sommer 2003 eine Million Chinesen eine Petition unterzeichneten, um zu verhindern, daß die mehr als 10 Milliarden Euro hohen Aufträge für eine Schnellzugstrecke zwischen Peking und Schanghai an ein Konsortium von Hitachi, Kawasaki und Mitsubishi gehen. Zudem geraten beide Staaten zunehmend in Konflikt über Öl- und Gasreserven. Im Herbst 2004 stritten sich die Regierungen in Tokio und Peking über die Rechte zur Förderung von Erdgas im Ostchinesischen Meer.

Text: che./fib. / F.A.Z., 11.04.2005, Nr. 83 / Seite 11
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb

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