12. Februar 2007 Die sieben großen Industriestaaten wollen mehr Transarenz für Hedge-Fonds. Der amerikanische Finanzminister, Henry Hank Paulson, erklärt, was er unter Transparenz versteht und welche begrenzten Aufgaben für Regierungen er hier sieht. Paulson war vor seinem Wechsel in das Treasury Vorstandsvorsitzender der Investmentbank Goldman Sachs. Sein Vertrauen in wettbewerbliche Märkte zeigt sich auch in seiner Gelassenheit gegenüber der Yen-Schwäche.
Herr Paulson, ist der niedrige Wechselkurs des japanischen Yen ein ernsthaftes Problem für die Weltwirtschaft?
Üblicherweise sage ich nichts über die Wechselkurse wichtiger Währungen, die sich frei an den Märkten bilden. Der Wert des Yen wird im Wettbewerb bestimmt, auf Basis der wirtschaftlichen Fundamentaldaten. Die Japaner haben seit 2004 nicht mehr am Devisenmarkt interveniert.
Ist der chinesische Renminbi ein größeres Problem für Ihre Regierung?
Ich vertraue den Marktkräften. Wir diskutieren deshalb so intensiv mit den Chinesen über den Renminbi, weil sie den Wechselkurs steuern und er sich nicht frei an den Märkten bilden kann. Ich bin zurückhaltend mit der Forderung, der Renminbi müsse schon bald flexibler werden. Aber auf mittlere Sicht muss das Ziel sein, dass wir gar nicht mehr darüber sprechen müssen, weil dann auch der Kurs des Renminbi am Markt gebildet wird.
Der amerikanische Kongress erörtert schon Sanktionen gegen China. Wie groß ist das Risiko, dass er die Geduld mit Peking verliert?
Der Kongress spiegelt die Gefühle der Menschen in Amerika. Wie überall in der Welt haben wir es mit einer wachsenden protektionistischen Stimmung zu tun. Das halte ich grundsätzlich für gefährlich. Der internationale Handel bringt auch Arbeitsplatzverluste mit sich, die sehr sichtbar sind. Der Vorteil des Handels, dass der Lebensstandard in allen beteiligten Ländern steigt, ist weniger sichtbar.
Die Vereinigten Staaten führen seit kurzem einen speziellen Dialog mit China. Was erhoffen Sie sich davon?
In Amerika gibt es eine öffentliche Stimmung, wonach die Vorteile aus dem Handel mit China nicht gleich verteilt sind. Deshalb haben wir den strategischen Wirtschaftsdialog mit China. Dabei geht es um die Wechselkurs-Flexibilität. Die Chinesen stimmen uns zu, dass dies notwendig ist. Die Frage ist nur, in welchem Ausmaß und in welchem Zeitraum das zu machen ist. Für mich ist wichtig, dass China die Schritte unternimmt, damit wir irgendwann den Punkt erreichen, dass sich der Renminbi-Kurs frei am Markt bildet. Dafür braucht man einen liquiden und offenen Kapitalmarkt, an dem intensiver Wettbewerb herrscht.
Viele Europäer fürchten eine abrupte und starke Abwertung des Dollar. Machen sie sich zu viel Sorgen?
Damit das klar ist: Ein starker Dollar ist im Interesse unseres Landes. Und der Wechselkurs sollte im Wettbewerb bestimmt werden. Mit unserer Politik stärken wir die Wachstumsgrundlagen, das stärkt das Vertrauen in unsere Wirtschaft. Was das Handelsbilanzdefizit angeht, das ist ein Problem globaler Ungleichgewichte. Ich sehe, dass wir in Amerika eine geringe Sparquote haben; aber die amerikanische Wirtschaft ist eine große Maschine, die das Wachstum in der Welt antreibt. Und in anderen Regionen wie Japan, China und teils auch Europa fehlt es an Nachfrage. In Deutschland gibt es ermutigende Fortschritte, als Nächstes dürfte sich die Konsumnachfrage beleben. Auch in Amerika tut sich etwas: Vier Quartale in Folge ist die Ausfuhr stärker als die Einfuhr gestiegen. Der Export nach China wuchs im vergangenen Jahr um 33 Prozent, der Import aus China legte nur um 19 Prozent zu. Wir machen Fortschritte.
Wie wird sich das Handelsdefizit Ihres Landes entwickeln?
Das Handelsdefizit ist für uns kein Grund, in die Wirtschaft einzugreifen. Das letzte Mal hatten wir Überschüsse, als wir in der Rezession steckten. Unsere Wirtschaft wächst. Darauf müssen wir uns konzentrieren. Zum Abbau der globalen Ungleichgewichte hat jeder seinen Beitrag zu leisten.
Sind Hedge-Fonds ein Risiko für die Finanzmarktstabilität?
Lassen Sie mich zuallererst sagen, dass private Kapitalanlagegesellschaften wie Hedge-Fonds oder Private Equity zunehmend eine Liquiditätsquelle für die Kapitalmärkte sind. Und die Kapitalmärkte sind zunehmend globaler Natur. Also müssen wir über diese Dinge auf internationaler Ebene sprechen. Hedge-Fonds sind für die Weltwirtschaft sehr positiv. Trotz des Platzens der Finanzmarktblase im Jahr 2001, trotz der Anschläge vom 11. September, trotz der Unternehmensskandale um Enron haben wir seit 1998 keine globale Krise an den Finanzmärkten mehr gehabt. Einer der Gründe dafür ist, dass wir sehr wettbewerbliche, liquide Finanzmärkte haben. Und Hedge-Fonds versorgen Märkte mit Liquidität. Sie helfen, Risiken zu verteilen, sie stärken den Wettbewerb, sie fördern die Preisfindung auf den Finanzmärkten. Neben all diesen Vorteilen müssen wir aber auch über die Risiken nachdenken. Transparenz ist mit Blick auf systemische Risiken eine gute Sache. Aber Transparenz bedeutet für unterschiedliche Menschen Unterschiedliches.
Was bedeutet Transparenz für Sie?
Der Fokus muss auf den Beziehungen zwischen Banken und Investmentbanken sowie den Hedge-Fonds liegen. An dieser Stelle brauchen wir Transparenz. Die Regierungen der großen Staaten wollen sicherstellen, dass die Banken die richtigen Informationen haben, um Risiken der Kreditvergabe einschätzen zu können.
Sie favorisieren die Idee, indirekt über die kreditgebenden Banken Informationen über Hedge-Fonds zu sammeln?
Es ist auch für Regierungen wichtig, Informationen über Hedge-Fonds zu erhalten. In Amerika interessieren uns zwei Dinge: der Schutz von Investoren und mögliche systemische Risiken. Hinsichtlich des Investorenschutzes gilt, dass die Investoren klug und erfahren sein müssen. Dies liegt in der Verantwortung der Börsenaufsicht SEC, und sie hat die Hürden für zugelassene Investoren erhöht. Beim Blick auf Risiken für die Finanzmärkte muss der Fokus auf den regulierten Finanzinstituten liegen, die den Hedge-Fonds Geld leihen. Die Regulierer müssen sicherstellen, dass diese Institute die Informationen haben, die sie brauchen.
Was halten Sie von der Idee, die Hedge-Fonds zu einem Verhaltenskodex zu bewegen, in dem diese sich zu Handelsregeln, Informationspflichten verpflichten oder dazu, nicht zu hohe Risiken einzugehen?
Ich glaube nicht, dass es die Aufgabe von Regierungen ist, den Finanzmärkten vorzuschreiben, welche Risiken sie eingehen sollen und was ein gutes oder schlechtes Risiko ist. Es ist auch nicht die Aufgabe von Regierungen, zu sagen, es darf keine Anlageverluste geben. Die Aufgabe von Regierungen ist es, systemische Risiken für die Finanzmarktstabilität zu beobachten und das System zu schützen. Wir müssen sicherstellen, dass es hinreichend Transparenz gibt, dass genügend Liquidität im System vorhanden ist. Weil die Finanzmärkte zunehmend global sind, ist es wichtig, dass wir diese Fragen diskutieren.
Erwarten Sie schnelle Fortschritte aus der Initiative von Kanzlerin Angela Merkel, der derzeitigen EU-Ratspräsidentin, Hemmnisse im transatlantischen Handel zu beseitigen und Produktstandards zu harmonisieren?
Ihre Kanzlerin hat es selbst am treffendsten gesagt: Es gibt da viel Holz, das gehackt werden muss. Wir sollten damit beginnen. Ich würde sagen, dass es nur wenige wichtige Dinge im Leben gibt, die einfach sind. Und nur wenige Dinge können in einigen Jahren, geschweige in sechs Monaten erreicht werden. Der wichtige Beitrag von Kanzlerin Merkel ist, die Idee entworfen und den Prozess in Gang gebracht zu haben. Europa und die Vereinigten Staaten teilen dieselben Werte. Wir glauben an den Schutz geistigen Eigentums, wir propagieren seit langer Zeit den Freihandel. Manches wird schwer zu lösen sein, weil Produktstandards in den Ländern unterschiedlich und durch unabhängige Regulierer gesetzt werden. Aber wir müssen damit beginnen, und ich unterstütze den Vorschlag.
Das Gespräch führten Manfred Schäfers und Patrick Welter.
Text: F.A.Z., 12.02.2007, Nr. 36 / Seite 13
Bildmaterial: Edgar Schoepal - F.A.Z.
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