Er ist Bauingenieur, Anfang Fünfzig und arbeitet in einem kleinen Architekturbüro auf der Stuttgarter Halbhöhe. Keine Arme-Leute-Gegend. Die geräumige Eigentumswohnung - viel Weiß, ein bißchen Bauhaus - ist längst abbezahlt, die Ehefrau arbeitet seit ein paar Jahren wieder als Karrierecoach, und der Sohn, das einzige Kind, macht demnächst sein Abitur. Ganz normale deutsche Mittelschicht; gut situiert, hätte man sie früher genannt.
Fragt man den Ingenieur, wie es ihm geht, hört man ihn klagen: daß die meisten Bauzeichnungen inzwischen von billigen Polen in Warschau erledigt werden und daß daran die Globalisierung schuld sei, sagt er. Und daß von seinem deshalb seit Jahren schrumpfenden Einkommen immer mehr vom Fiskus und der Altersvorsorge aufgefressen werde. Nein, um sich selbst mache er sich nicht wirklich ernsthaft Sorgen. Aber ob der Junge den erreichten Lebensstandard werde halten können, bezweifelt er.
Die Mitte Deutschlands fühlt sich vom Abstieg bedroht. Und verliert zunehmend den Glauben, sie könne dieser Bedrohung aktiv etwas entgegensetzen. Sie betrachtet die künftige Entwicklung Deutschlands mit großer Skepsis, kann in den rot-grünen wie den schwarz-roten Reformen nur Nachteile erkennen, ist ängstlich und unzufrieden.
Der Angstindex, den die Versicherungsgruppe R+V seit 15 Jahren veröffentlicht, ist im vergangenen Jahr zum ersten Mal auf über 50 Prozent gestiegen: Jeder zweite Deutsche blickt mit großer Angst in die Zukunft. Arbeitslosigkeit, sinkender Lebensstandard und schwere Krankheit werden als besonders bedrohlich genannt. 1991 bekannten sich nur 25 Prozent zu großer Angst. Seither sinkt die Stimmung.
Dabei hätte die Mittelschicht objektiv nicht den geringsten Grund zur Klage. Die Mittelschicht rutscht keineswegs ab, sagt Gerd G. Wagner, Wirtschaftsprofessor an der TU Berlin und Forschungsdirektor am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Wagner wertet seit vielen Jahren das sogenannte Sozioökonomische Panel aus, welches Aufschluß über Einkommensstruktur und Lebenslagen der Menschen gibt.
Während 61 Prozent der Deutschen heute schon die Ansicht vertreten, es gibt keine Mitte mehr, nur noch ein Oben und Unten, sprechen die nackten Zahlen eine völlig andere Sprache: Teilt man die Deutschen in fünf Gruppen (Quintile) auf, so entfällt auf die mittlere Gruppe seit Jahren ein konstanter Einkommensanteil von 18 Prozent; die obere Mittelschicht hat sogar leicht gewonnen. Wagner hat keine Indizien gefunden, die auf den sozialen Abstieg der Mittelklasse, eine wachsende Ungleichheit oder ein steigendes Armutsrisiko hierzulande hindeuten würden.
Auch die Gefahren der Globalisierung werden von den meisten Menschen überschätzt. Die Bedeutung der Verlagerung von Arbeitsplätzen wird in der aktuellen Debatte dramatisiert, heißt es in einer Studie von McKinsey zu Offshoring und Outsourcing. Zwar werden zweifellos gerade Dienstleistungsarbeitsplätze (Bauzeichner) der mittleren Einkommensklassen angesichts der billigeren Löhne und digitalen Kommunikationswege ins Ausland verlagert (Einen Friseur kann man nicht outsourcen). Doch bewegt sich das Verlagerungspotential nach Ausweis der McKinsey-Studie in engen Grenzen.
Sitzen die Bauingenieure in Stuttgart oder die Daimler-Manager in München nur einer Illusion auf, wenn sie sich als Opfer der Globalisierung wähnen? So einfach ist es nicht. Ängste können prinzipiell niemals falsch sein; sie sind ja da. Ängste spiegeln eine natürliche Reaktion auf diffuse Gefahren, sagt Guy Kirsch, Professor für Politische Ökonomie in Fribourg (Schweiz). Wer Angst hat, denkt, daß ihm von allem und jedem Gefahr droht. Ihm fehlt das Vertrauen in seine eigene Zukunft und die seiner Kinder.
Dabei geht es um weit mehr als nur den möglichen Verlust von Einkommen und Arbeit. Es geht um die Erwartungen an die Zukunft. Eltern, die befürchten, ihre gut ausgebildeten Kinder würden der Karrierekonkurrenz der noch besser ausgebildeten Nachbarskinder nicht gewachsen sein, fühlen sich heute schon unglücklich, obwohl ihre Ängste sich auf einen Fall von morgen beziehen.
Familien, deren Haushaltseinkommen nicht mehr als 3000 Euro beträgt, sind offenbar von dieser Sorge besonders gezeichnet. Je weniger gut gebildet sie sind, je weniger religiös und gläubig sie leben und je weniger Besitz und Eigentum sie ihr eigen nennen, um so gefährdeter seien sie, sagen die Sozialwissenschaftler. Der Wohlstand wird prekär. Solche Leute lassen sich von den sozioökonomischen Daten nicht beruhigen.
Zu Recht. Denn ihre Sorge ist triftig, das starke Wachstum von Jobs für die Gutqualifizierten in der Zeitarbeitsbranche mache den gewerkschaftlich verteidigten Kündigungsschutz lächerlich. Und das diffuse Gefühl ist wahr, wonach Bildung der Dreh- und Angelpunkt ist zum Erhalt von Status über die Generationen hinweg. Wir müssen mit Humankapital völlig anders umgehen, sagt der indische Ökonom Jagdish Bhagwati. Es sei nicht sinnvoll, daß etwa ein Radiologe, der als Chirurg arbeiten wolle, dafür abermals zehn Jahre auf die Universität gehen müsse.
Doch warum schreit die Mitte jetzt plötzlich ihre Angst in die Welt hinaus? Die Generation der wirtschaftlich erfolgreichen Babyboomer, die in der Sicherheit der Nachkriegsgesellschaft aufgewachsen ist, hält ihren BfA-Bescheid in Händen und sieht, wie wenig sie im Alter zu erwarten hat, sagt der Kasseler Soziologe Heinz Bude. Allein wegen ihrer großen Zahl eignen die Babyboomer sich als tonangebende Angsthasen der Gegenwart.
Werden die heute 50jährigen arbeitslos, dürfen sie kaum mehr auf einen neuen Job hoffen. Von der für deutsche Verhältnisse robusten Konjunktur haben sie nichts. Aber in Angela Merkel haben sie eine Kanzlerin ihrer Generation, die ihnen den Habitus der ängstlichen Optionsbewertung (Heinz Bude) erschreckend überzeugend vorlebt.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 17.12.2006, Nr. 50 / Seite 35
Bildmaterial: dpa, F.A.Z.
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