Von Karin Leander
09. Mai 2005 "Ein Kind ist eine Art Lebensversicherung, die einzige Art der Unsterblichkeit, deren wir sicher sein können", hat Schauspieler Sir Peter Ustinov einmal gesagt. Schöne Idee, aber auch machbar?
Ab dreißig stellt sich für Frauen immer dringender die Qual der Wahl: Weiterbilden, weiter arbeiten, Mutter werden - vielleicht sogar alles zusammen? Wie soll ich leben als Frau, heute, in Deutschland? Die biologische Uhr tickt. Im Freundeskreis fragt sich dann: Wer hat noch nicht, wer will noch mal? Wer schiebt auf? Und wer will überhaupt nicht?
Das Ideal der freiwilligen Kinderlosigkeit
Immer mehr, wie eine soeben veröffentlichte Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BIB) ergibt: Mehr als elf Prozent der befragten Frauen in Ost und West wünschen sich demnach keine Kinder, bei den Männern beträgt der Wert sogar 26 Prozent. Insgesamt, so resümieren die Forscher, sei der Kinderwunsch je Familie von 2,0 auf 1,7 gefallen.
"Das Ideal der freiwilligen Kinderlosigkeit hat sich ausgebreitet", heißt es. Herwig Birg, Direktor des Instituts für Sozialpolitik und Bevölkerungsforschung in Bielefeld, spricht von "demographischer Zeitenwende": Im Jahr 2035 werden die Deutschen das älteste Volk der Welt sein.
Kind oder Cabrio? In den Medien toben erbitterte Grabenkämpfe zwischen Eltern und Kinderlosen, den "Dinks" (double income, no kids): Von Sozialschmarotzern und Hedonisten ist die Rede, die Konsum für angenehmer halten als nervtötende Stunden mit Holzklötzchen, die Cabrios und Kletterurlaube durchwachten Nächten vorziehen - Unverbesserliche, die sehenden Auges die Fruchtbarkeitsfalle meiden, einfach nicht windeln wollen.
Laer - die Ausnahme im Münsterland
Der Tanz ums Kind hat begonnen, denn nicht nur Demographen ist klar: Mit einer Geburtenrate von 1,3 Kindern zählt Deutschland zu Europas Schlußlichtern, obwohl kaum ein Staat mehr Kindergeld zahlt. Zynisch titelt der "Spiegel": "Land ohne Lachen. Deutschland schrumpft - und ergraut" und fragte sich: "Sind die Frauen in den Gebärstreik getreten - oder die Männer in den Zeugungsstreik?"
Ein paar Ausnahmen gibt es - etwa den Kindersegen im münsterländischen Laer: 13,5 Geburten kommen auf tausend Einwohner, 6500 hat die Gemeinde. Was ist los in Laer? Katholische Gebärfreude und billiges Bauland allein können es nicht sein. Auch der Anteil an sozial schwachen Familien ist gering.
Es gibt kein Kino, keinen Supermarkt, aber fünf öffentliche Einrichtungen für Kinder: eine Ganztagsgrundschule, Tagesstätten und eine Elterninitiative, die Nachwuchs von vier Monaten bis sechs Jahren aufnimmt. Jeder, der hier einen Platz für sein Kind sucht, bekommt auch einen - paradiesische Zustände unterm Zepter eines grünen Bürgermeisters.
Prenzlauer Berg - die Vorzeige-Enklave
Eine andere, häufig genannte Vorzeige-Enklave ist der Prenzlauer Berg. Mit 2,1 Geburten hat der Bezirk eine auffallend hohe Geburtenrate - und folgerichtig haben Eltern die Wahl zwischen 174 Kinderläden. Natürlich wohnen hier nicht mehr Selbstverwirklicher, die jungen Wilden der Hauptstadt. Die sind inzwischen weitergezogen nach Friedrichshain, weil ihnen Prenzelberg zu schick und solide wurde.
2003 wurden achthundert Säuglinge mehr geboren als noch vor vier Jahren. Aus dem "Kiez" am Kollwitzplatz wurde "Kinder-City" - mit Windelservice, Spielzeugläden und Kinder-Secondhandläden. Betreiber sind oft Eltern, die die Not zur Tugend gemacht haben. Das Rezept heißt: Eltern-Toleranz. Kinder zu bekommen ist für die rapide auf die Vierzig zugehende Generation Golf wieder cool.
Kinder bleiben ein Frauenproblem
Das klingt schnell sozialromantisch und täuscht leicht darüber hinweg: Kinder sind auch eine ökonomische Entscheidung, "in diesem reichen Land eines der größten Armutsrisiken", sagt die niedersächsische Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU).
Die 46 Jahre alte Tochter von Ernst Albrecht hat Volkswirtschaft und Medizin studiert, promoviert, sieben Kinder, aber auch einen Mann, mit dem sie die Erziehungszeit teilt. Sie kennt ihr Privileg - und die Zahlen: Nur fünf Prozent deutscher Männer nehmen Erziehungsurlaub. Kinder bleiben ein Frauenproblem.
Erfolg mit positiven Anreizen in Estland
Familienpolitik war auch für die Esten ein Problem: Im Internet wurden sie zu den "sexiest people of Europe" gekürt. Nur in ihrem Alltag spielte Sex kaum eine Rolle. Vor allem die Gewinner des Wandels, die junge, urbane Elite, genossen westlichen Luxus. 1990 lag die Geburtenrate bei 14 Prozent, 2001 nur noch bei 9 Prozent - Bestürzung bei der Regierung in Tallinn. Die Angst eines kleinen Volkes, noch kleiner zu werden, war gewaltig.
Bevölkerungsminister Paul Eerik Rummo investierte in Werbeplakate mit Schwangeren und zahlt seit 2004 Frauen nach der Geburt zwölf Monate fast den früheren Lohn weiter. Außerdem gibt es eine Babyprämie. Resultat: Sieben Prozent mehr Kinder als im Vorjahr.
Schweden und Frankreich als Musterländer
Abgeschaut haben sich das die Esten beim Musterland Schweden. Dort gibt es 16 Monate Elternurlaub bis zum achten Lebensjahr des Kinder, ein Drittel der Männer nimmt ihn. Eine noch höhere Geburtenrate hat Frankreich mit 1,9 Kindern und einer Berufstätigkeit von achtzig Prozent bei Frauen mit Kindern unter sechs Jahren.
Fast jedes Kleinkind besucht vom dritten Lebensjahr an außerdem kostenlos eine Vorschule. Selbst für Allerkleinste stehen 450 000 "nounous", staatlich anerkannte Tagesmütter, bereit. Für Französinnen sind Kinder eine Bereicherung, kein Grund zur Selbstaufgabe. Für sie ist die Opferhaltung Deutscher kaum nachvollziehbar.
Während Französinnen sich im Idealfall im modernen Dreikampf üben, nämlich Arbeitskraft, Mutter und eine auch anderen Dingen zugewandte, begehrenswerte Frau zu sein, glauben nur die Deutschen an eine physische Dauerpräsenz fürs Kind.
Warten, bis es zu spät ist
Oft hadern sie, die "Aufschieber" und "Spätentscheider", opfern auf dem Altar der Selbstverwirklichung und -findung ihre Lebensabschnittsbegleiter, wechseln sie mit den Arbeitsplätzen oder suchen fast bis zur Menopause mit möglichst vielen falschen Partnern nach dem "richtigen", so lange, bis es wirklich zu spät ist: "Achtung, fertig, kinderlos", unkt der "Spiegel".
Jedes sechste Paar in Deutschland bleibt ungewollt kinderlos - war zu lange in der Warteschleife, um den richtigen Zeitpunkt zu erwischen, den es nie gibt. Das klingt bitter, ist aber auch verständlich. Nicht skrupellos sind nämlich viele Kinderlose, manche nur feige oder nur zu verantwortungsbewußt, um ein Kind in die Welt zu setzen. Denn welcher Job, welche Partnerschaft ist heute schon sicher?
In ihrem Buch "Kinder oder Karriere - Lebensentwürfe junger Akademikerinnen und ihre persönlichen Netzwerke" hat Gabriele Gröbel eine "Professionalisierung" der Mutterschaft beobachtet: Säuglingskurse, Früherziehung, Ballettschule. Junge Eltern setzen sich heute offenbar mehr unter Druck, einem Kind das Optimum an Bildungschancen zu bieten - oder lassen es ganz sein.
Muttersein mündet oft in Perfektionswahn
Zumindest gilt: In unseren komplexen, schnellebigen, wandelbaren, individuellen Lebenswelten und -entwürfen ist ein Kind nur eine Option unter vielen. Einigen Frauen, schreibt Bärbel Kerber in ihrem Buch "Die Babyfalle", erscheine eine Schwangerschaft wie "der selbstverschuldete Eingang in die Unscheinbarkeit".
Viele späte Mütter seien sich des Einschnitts, den ein Kind bedeute, sehr bewußt. Wer so viel opfere, Prioritäten setze, schieße manchmal über das Ziel hinaus. Nicht selten, schreibt Kerber, würden aus den ganz Emanzipierten, erst einmal in Brutlaune geraten, besonders engagierte, "totale Mütter" - und das Kind plötzlich zur zweiten Karriere.
In jedem Fall bringe ein Baby den "Backlash in die Beziehung", betont Autorin Susanne Reinhardt ("Frauenleben ohne Kinder"), selbst kinderlos. Mit dem Kind beginne die "Erosion der Partnerschaftsqualität": Paare stritten öfter, tauschten seltener Zärtlichkeiten, hätten weniger Sex - und beruflich wirke ein Baby "wie ein Bremsklotz". Von 400 000 Frauen, die jährlich in Elternzeit gehen, kehrt nur die Hälfte in den Beruf zurück.
Kinder sind teuer
Für Mütter ist die Auszeit teuer, zeigt eine Studie des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung. Der Lohnverlust beträgt zwei bis fünf Prozent. "Hochgerechnet auf ein Lebenseinkommen, können das bei 25 Jahren Vollbeschäftigung bis zu 600.000 Euro sein", sagt Stefanie Wahl vom Institut für Wirtschaft und Gesellschaft in Bonn.
Dennoch: "Der Muttertrieb ist gefährlicher als die Atombombe", hat Loriot, Vicco von Bülow, einmal gesagt. Immerhin entscheiden sich zwei Drittel der Frauen in Deutschland für ein Kind, vier von fünf Kindern wachsen, zumindest im Westen, bei leiblichen Eltern auf.
Die Familie ist kein Auslaufmodell, sie wandelt sich nur, sagt Soziologieprofessor Hans Bertram. Von Bindungslosigkeit keine Spur: Eltern und Kinder verbringen mehr Zeit miteinander als früher. Aber: Eltern sind auch ökonomisch länger für Kinder verantwortlich. Alleinverdiener sind auf dem Rückzug.
"Ein Einkommen reicht meist nicht, um eine Familie zu ernähren", erklärt Bertram. Bis zum 18. Lebensjahr kostet ein Kind so viel wie eine Eigentumswohnung - etwa 107000 Euro, mit Studium rund 150000 Euro. Dreißig bis fünfzig Prozent der Kosten - Krankenversicherung, Erziehungsgeld, Kindergarten, Schule, Universität, Transfer für Kindererziehungszeit in Rentenkassen - trägt der Staat.
Opferlose Entscheidung nicht möglich
Den Hauptgrund für den Babymangel heute sieht der Soziologe in der Planbarkeit des Nachwuchses und der Bildungsreform: Die Jahrgänge der siebziger Jahre hätten oft bessere Ausbildungen als ihre Eltern, heirateten aber später und bekämen später Kinder. Zwei Ziele seien offensichtlich schwer vereinbar: bessere Bildung und höhere Geburtenrate.
Das tröstet hochqualifizierte Frauen wenig, die wissen, daß sie sich entscheiden müssen, bevor ihnen die Zeit die Entscheidung nimmt. Kinder zu haben hat immer helle und dunkle Seiten. Wie die Wahl ausfällt: Sie bleibt in keinem Fall opferlos.
Frauen ab dreißig haben heute zumindest die Wahl zwischen dem "Käfig der Freiheit" und "der Freiheit im Käfig". Sie wissen auch: Nicht alle Kinderlosen machen glänzende Karrieren, werden Broadway-Stars, Casting-Agenten, Psychologieprofessoren, Maler oder Literaturagenten in New York, wie es in Jeanne Safers Buch "Beyond motherhood" ("Kinderlos glücklich") klingt.
Nerventraining könnte helfen
Wer auf Kinder verzichtet, weiß: Er hat nur sein eigenes Leben, um Ziele umzusetzen. Das ist nüchterner, weniger bequem. Natürlich haben Kinderlose Angst, ihre Entscheidung im Alter zu bereuen. Viele finden es egoistisch, rechtzeitig, aber halbherzig ein Kind zu bekommen, nur weil man später nichts versäumt haben will.
"Wer kein Kind hat, hat kein Licht in den Augen", sagt ein persisches Sprichwort. Axel Hacke, Autor des überaus erfolgreichen "Kleinen Erziehungsberaters", formuliert es pragmatischer: "Kinder haben heißt, gute Nerven zu benötigen. Versuchen Sie, sich psychisch zu härten. Besuchen Sie Dia-Abende! ...Fahren Sie in Stoßzeiten mit U- und S-Bahn! Stellen Sie sich in den Fanblock des FC Bayern und schwenken Sie die schwarz-gelbe Fahne der Dortmunder Borussen!"
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 08.05.2005
Bildmaterial: F.A.Z., picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa/dpaweb
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Der Sozialismus ist gar nicht so übel
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