Führungschaos bei Siemens

Kleinfeld setzt Aufsichtsrat unter Druck

Von Joachim Herr und Carsten Knop

25. April 2007 Im Münchner Siemens-Konzern kommt es im Ringen um die Zukunft des Vorstandsvorsitzenden Klaus Kleinfeld seit Mittwoch mittag zu einer Konfrontation im Aufsichtsrat. Wichtige Aufsichtsratsmitglieder, unter anderem Josef Ackermann, der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank, wollen den Vertrag von Kleinfeld zunächst nicht verlängern und haben sich auf die Suche nach einem möglichen Nachfolger begeben.

Der designierte Siemens-Aufsichtsratsvorsitzende Gerhard Cromme ist in die Pläne eingeweiht. Wolfgang Reitzle, der Vorstandsvorsitzende des Gaseherstellers Linde, der als Freund Ackermanns und als sein Wunschkandidat galt, will aber seinem Unternehmen treu bleiben.

Bernhard im Gespräch

Führende Mitglieder des Siemens-Aufsichtsrats bemühen sich jedoch einem Pressebericht zufolge weiterhin, den Linde-Chef als Nachfolger von Klaus Kleinfeld zu gewinnen. Als Alternative zu Reitzle sei der frühere Volkswagen-Manager Wolfgang Bernhard im Gespräch, berichtete die „Süddeutsche Zeitung“ unter Berufung auf Aufsichtsratskreise. Man solle das Dementi Reitzles nicht überbewerten, verlautete dem Bericht zufolge aber aus Siemens-Aufsichtsratskreisen, die Sache sei nach wie vor offen.

Wie aus der Umgebung des Aufsichtsrats zu hören ist, verweisen mehrere Mitglieder des Kontrollgremiums darauf, dass die Untersuchungen in der Siemens-Korruptionsaffäre noch nicht abgeschlossen seien. Es gebe auch keinen Zeitdruck. Aus der Umgebung Kleinfelds heißt es hingegen, dass jede Verzögerung der anstehenden Vertragsverlängerung zu einer dramatischen operativen Schwächung von Siemens führen werde. Eine solche Schwächung werde Kleinfeld nicht zulassen. Das kann wohl als Rücktrittsdrohung verstanden werden. Es ist offenbar nicht auszuschließen, dass auch Siemens-Finanzvorstand Joe Kaeser im Eskalationsfall solche Gedanken hegt. „Es handelt sich um ein Problem, das nicht durch Vertagen gelöst werden kann“, hieß es. „Hier bewegen sich zwei Züge aufeinander zu.“

Ungeachtet des Führungschaos hat der Siemens-Konzern mit seinen am Dienstagabend vorgelegten Zahlen für das zweite Quartal des Geschäftsjahres 2006/2007 die Erwartungen der Analysten deutlich
übertroffen. Bereits im Vorfeld der Veröffentlichung hatte sich eine hohe Markterwartung aufgebaut, nachdem in der Vorwoche von „hervorragenden“ Quartalszahlen die Rede war (siehe dazu auch: Siemens erzielt Gewinnsprung im Quartal).

„Die Machtverhältnisse sind unübersichtlich geworden“

Auch ein Unternehmenssprecher von Siemens betonte, am Zeitplan für die Vertragsverlängerung von Kleinfeld habe sich nichts geändert: „Wie vorgesehen erfolgt die Entscheidung in der morgigen Sitzung des Aufsichtsrates“, sagte er am Dienstag. Eine nächste Sitzung des Aufsichtsrates sei in drei Monaten geplant. Diese Stellungnahme hat in Aufsichtsratskreisen ebenfalls zu Irritationen geführt. Es ist unklar, auf welche Unterstützung Kleinfeld im Aufsichtsrat zählen kann.

Auch auf der Arbeitnehmerseite im Aufsichtsrat zeichnen sich Zweifel an Kleinfeld ab, die nicht zuletzt mit dem weiteren Umgang des Konzerns mit seiner Autozuliefersparte VDO zu tun haben könnten. Hier wird darum gerungen, ob das Unternehmen an die Börse gebracht oder verkauft wird. Noch vor wenigen Wochen hatten die Vertreter der Beschäftigten im Siemens-Aufsichtsrat ihre Zustimmung für eine Verlängerung von Kleinfelds Vertrag angedeutet. „Jetzt liegen die Dinge anders“, sagte ein Aufsichtsrat aus dem Arbeitnehmerlager am Dienstag. Näher wollte er sich dazu nicht äußern: „Die Sache ist so brisant.“ Von der IG Metall war zu hören, die Machtverhältnisse im Siemens-Konzern seien unübersichtlich geworden. Es seien viele Akteure hinter den Kulissen tätig.

Aufsichtsrat gespalten

Im gespaltenen Aufsichtsrat steht aber Ackermann dem Vernehmen nach für den völligen Neubeginn. Auch er trägt dabei keine sachlichen Argumente gegen Kleinfeld vor, ist wohl aber der Ansicht, dass nur jemand richtig aufräumen könne, der gegenüber allen einzelnen Vorstandskollegen völlig unbefangen sei. Im Vorstand steht nicht zuletzt auch der Vertrag von Johannes Feldmayer zur Verlängerung an, der vor Ostern wegen des Verdachts der Untreue verhaftet worden war, als dubiose Zahlungen an die unternehmerfreundliche Arbeitnehmerorganisation AUB und ihren Vorsitzenden Wilhelm Schelsky ruchbar wurden.

Ein ehemaliger Siemens-Manager vermutet sogar, Aufsichtsratsvorsitzender Heinrich von Pierer könne seinen in der vergangenen Woche angekündigten Rücktritt an die Bedingung geknüpft haben, dass auch Kleinfeld gehen müsse. Die Fronten zwischen dem als Bewahrer beschriebenen Pierer und Kleinfeld, der den Konzern umbaut, hätten sich in den vergangenen Monaten weiter verhärtet. Schon im Januar hatte es Gerüchte gegeben, Pierer halte Ausschau nach einem Nachfolger für Kleinfeld. Kandidaten seien angesprochen worden. Das Unternehmen hatte solche Informationen stets vehement dementiert.

Anleger sind verunsichert

Die Anleger an den Kapitalmärkten reagierten verunsichert auf die Gerüchte um Kleinfeld. Klaus Kaldemorgen, Sprecher der Geschäftsführung der DWS, der Fondsgesellschaft der Deutschen Bank, glaubt, dass Kleinfeld die Aktionäre auf seiner Seite hat. „Solange nichts gegen ihn vorliegt, genießt er Vertrauen und Unterstützung der Aktionäre“, sagte Kaldemorgen der F.A.Z.

Allerdings müsse sichergestellt sein, dass auch in Zukunft keine belastenden Fakten gegen Kleinfeld vorgebracht würden. In dieser Hinsicht habe er Verständnis für ein abwartendes Verhalten des Aufsichtsrats.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, ddp, dpa

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