Von Herta Paulus
14. Juli 2006 Wölfe haben es der Personaltrainerin Irina Schefer schon als Kind angetan. Abenteuer pur waren für sie die von der Großmutter erzählten, von ihr selbst erlebten Wolfsgeschichten. Das Interesse am Thema Wolf blieb. Seit einem halben Jahr sind die Erfolgsstrategien von Wolfsrudeln auch Thema eines zweitägigen Workshops für Teamleiter und Teams, den die Berlinerin in Zusammenarbeit mit Wildparks anbietet.
Mit welchen Mitteln wird das gleichberechtigte Führungsteam aus Alpha-Wolf und Alpha-Wölfin seiner Aufgabe gerecht, wie funktioniert bei ihnen die Teambildung, wie die Nachwuchsförderung, mit welchen Ritualen stärken sie den Zusammenhalt kann so mit eigenen Augen beobachtet werden. Der Bezug zum eigenen Thema fällt durch diesen emotionalen Zugang leichter, erklärt Schefer. Die Teilnehmer sind danach immer völlig aufgewühlt.
Bionik ist Werkzeug, kein Heilmittel
Wirtschaftsbionik nennt sich die in Deutschland noch in den Kinderschuhen steckende Disziplin, die neue Lösungen auf Managementfragen wie Krisenbewältigung und Konfliktlösung, Regulierung und Selbstregulierung, Stabilität bei gleichzeitiger Flexibilität und Anpassungsfähigkeit oder Strategiefindung geben soll. Fast jede Fragestellung des Wirtschaftslebens läßt sich durch und aus der Natur beantworten, so Schefer.
Wer dabei nach einfachen Antworten sucht, hat schon verloren. Plattes Kopieren nach dem Motto morgen bin ich ein Alpha-Wolf führt in die falsche Richtung. Es geht darum, Erfolgsrezepte der Natur zu identifizieren und daraus Handlungsempfehlungen und Verbesserungen abzuleiten, plädiert auch Paul Ablay, Projektmanager am Malik Management Zentrum St. Gallen für den reflektierten Blick über den Tellerrand. Sensibilisieren und informieren soll dabei eine vom Beratungsinstitut initiierte Kommunikations- und Koordinationsplattform (www.bionik-zentrum.de), die Interessenten aus der Wirtschaft, Non-Profit-Institutionen und dem Bildungswesen mit den Anbietern von bionischen Lösungen zusammenbringen soll.
Neue Produkte dank Bionik
Diese beschränken sich derzeit allerdings noch weitgehend auf technische Bereiche, wo die Entschlüsselung von Ergebnissen der biologischen Evolution bereits zu praktischen Umsetzungen führte, die bisher erreichte Standards weit übertreffen. Ein bekanntes Beispiel ist das Lotus-Blatt, dessen selbstreinigenden Eigenschaften Pate stand für neue Produktlösungen etwa im Bereich Farben oder Materialbeschichtungen. Auch die kollektive Intelligenz der Ameise hat in der Technik bereits ihre Spuren hinterlassen. Getreu dem natürlichen Vorbild entwickelten Mathematiker und Informatiker sogenannte Ameisen-Algorithmen, die das Verhalten der Ameisen bei der Nahrungssuche nachbilden und damit weitaus aufwendigere Rechenverfahren ersetzen. Und dieses funktioniert so genial wie einfach.
Komplexe Lösung ohne Masterplan
Die nach Verlassen des Baus jeweils eingeschlagenen Routen beduften die Krabbler mit flüchtigen Pheromonen. Fündig geworden, kehren sie stracks ins Nest zurück und verstärken dabei diese Duftspur. Je schneller und öfter ein Pfad in Folge benutzt wird, desto stärker wird der Duft, was wiederum weitere Ameisen anlockt. Blockiert plötzlich ein unerwartetes Hindernis die Duftstraße, wird nach dem gleichen Prinzip ein neuer Weg gesucht. Wenig beduftete Wege werden fallengelassen. Schwarmintelligenz kann komplexe Lösungen bieten durch Individuen, die keine globalen Informationen haben sondern nur lokale, verdeutlicht Jürgen Heinze, Professor am Lehrstuhl für Biologie I der Universität Regensburg das Organisationsprinzip.
Die Antwort, wie bionische Prinzipien jenseits von Fertigung oder Logistik in Unternehmen angewendet werden könnten, muß er allerdings schuldig bleiben. Ich sehe auf Anhieb nicht, was ein großes Unternehmen anders machen könnte. Aber je mehr sich damit beschäftigen, desto unerwartetere und unvorhersehbarere Anwendungen wird man auch finden, ist der Biologe überzeugt.
Parallelen ja, Sozialdarwinismus nein
Als Übersetzer springt Unternehmensberater und promovierter Biologe Thomas Birner in die Bresche. Interessant seien etwa Fragen wie: Welche Handlungsempfehlung liefert die Natur zum Thema Entlohnung oder zum Thema Gründungskapital? Es ginge dabei darum, Systeme zu schaffen, bei denen gegenseitige Hilfe zu Vorteilen führt, erläutert Birner. Denn bei aller Begeisterung für die vielen in der Natur vorhandenen Lösungen und Parallelstrukturen ist für ihn klar: Alles, was in Richtung Sozialdarwinismus geht, muß man sein lassen. Soziales Verhalten in der Tier- und Pflanzenwelt hat mit unseren Sozialbegriff nichts zu tun.
Auch Faulsein schont Ressourcen
Ein Parameter aus dem sozialen System Ameise könnte dabei durchaus Anregungen für die Personalpolitik von Unternehmen geben. Entgegen der landläufigen Auffassung von der fleißigen, ständig arbeitenden Ameise leistet sich jeder Ameisenstaat eine faule, durch ihre Untätigkeit aber weniger Nahrung verbrauchende Reservemannschaft, die erst in Aktion tritt, wenn Not am Mann ist. Das erlaubt den Staat flexibel zu reagieren, so Heinze. Tiere sind evolviert, sparsam mit ihren Ressourcen umzugehen.
Text: FAZ.NET
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