Esprit-Chef Thomas Grote

„Wir sind quasi halbe Chinesen“

06. April 2007 Der gelernte Einzelhandelskaufmann Thomas Grote, 43, ist seit 2006 Chef der Modemarke Esprit. Den Posten übernahm er von Heinz Krogner, der an die Spitze der in Hongkong notierten Esprit-Holding wechselte. Auch in dieser Position soll ihm Grote eines Tages nachfolgen. Der Textilkonzern mit Sitz in Hongkong und Ratingen ist mit 2,4 Milliarden Euro Umsatz weltweit die Nummer vier hinter Gap, H&M und Zara. Esprit betreibt 640 Shops in mehr als 40 Ländern. Im Interview spricht Grote über den Wettlauf mit H&M und Zara, die Sprüche der Berater und die Geschäftsaussichten in Asien.

Herr Grote, Ihr Konkurrent H&M hat eine neue Luxus-Kette gestartet. Haben Sie schon reingespitzelt?

Ich persönlich noch nicht. Aber natürlich haben wir Teile der Kollektion hier im Haus schon intensiv begutachtet.

Sprich: gerubbelt, geknubbelt, gezerrt.

Ja, klar. Ich muss gestehen, manche Teile waren von richtig guter Qualität. Respekt. Manches war auch eher, na ja . . .

Der Angriff der Schweden mit der Zweitmarke Cos zielt direkt auf Sie, auf die Preisklasse von Esprit. Wie kontern Sie?

Preislich steigt H&M zu uns auf, eine Bedrohung ist das trotzdem nicht, weil sie eine andere Strategie fahren. Einen Cos-Laden kann man in London aufmachen, in Hamburg und einigen anderen Großstädten, das war es dann.

Ihre Esprit-Shops gibt es auch nur in größeren Orten.

Wir erzielen aber mit Kaufhäusern und Franchise-Partnern 55 Prozent unseres Umsatzes. Und sind damit auch in kleineren Orten präsent. Das ist der entscheidende Unterschied zu H&M oder Zara: Die sind Händler, wir eine Marke. Solange sie ausschließlich über ihre eigenen Läden verkaufen, mache ich mir keine Sorgen.

Sie haben zum Amtsantritt 2006 angekündigt, den Umsatz von 2,4 Milliarden Euro innerhalb von fünf Jahren zu verdoppeln. Schaffen Sie das?

Locker.

Und wie steht es mit dem Ziel, Zara und H&M zu überrunden? Dazu müssten Sie die Einnahmen gar verdreifachen.

Ich messe mich nicht am Umsatz. Wir wollen besser sein und rentabler. Und das sind wir. Unsere Umsatzrendite liegt bei 17 Prozent. Das schafft niemand sonst in der Modebranche. Selbst Hugo Boss bringt es nur auf acht Prozent.

So gerade weist Ihr Weg auch nicht nach oben: Im Herbst 2005 war ein Teil der Damen-Kollektion qualitativ so schlecht, dass Sie die Teile nicht in die Läden ausliefern konnten.

Das stimmt. Und das, was wir in den Läden hatten, war viel zu trendy, viel zu jung. Wir haben Rabatte geben müssen, um die Sachen überhaupt loszubekommen. So kann man kein Geld verdienen. Das zuständige Team hat damals keine gute Arbeit geleistet.

Und heute?

Heute leite ich den Bereich. Wir sind wieder bei einem Umsatzzuwachs von gut 20 Prozent. So muß das sein. Das gilt für alle Kollektionen und in allen Märkten.

Sie investieren stark in Asien, in China, in Indien. Braucht man tatsächlich einen Esprit-Laden in Ulan-Bator?

Ganz gewiss, ja.

In der Hauptstadt der Mongolen?

Die Menschen dort dürsten nach westlichen Lifestyle-Labels. Und in der Mongolei sind wir eine Premium-Marke, gehören zu den Top of the Pop. Nicht wie hier, wo sich fast jeder unsere T-Shirts für 12,95 Euro leisten kann.

Wie sieht denn so eine Einkaufsstraße in der Mongolei aus?

Besser als in Indien, wo man gelegentlich Angst hat, die Gebäude könnten zusammenbrechen. In Ulan-Bator gibt es viele lokale Einzelhändler, ein paar chinesische Marken, Ralph Lauren - und jetzt uns. In fünf bis zehn Jahren sind die Schwellenländer unsere großen Märkte. Wir wollen vor den anderen da sein. In Indien sind wir bereits in fünf Läden, die Verträge mit 120 weiteren sind unterschrieben.

Von den gigantischen Chancen in Asien schwärmen viele. Die meisten zahlen bei dem Abenteuer erst mal drauf.

Wir nicht. Wir sind dort zu Hause, sind quasi halbe Chinesen. Unser Finanzsitz ist seit Jahren in Hongkong, wir sind an der dortigen Börse gelistet und zu unseren Aktionären gehören Asiaten wie Europäer. Bereits jetzt machen wir 300 Millionen Euro Umsatz in China. In zehn Jahren wird er bei einer Milliarde liegen, genauso wie in Indien.

Sie übertreiben.

Nein, das ist sehr zurückhaltend kalkuliert. Wenn alles gut läuft, dann rechnen wir in ganz anderen Dimensionen in Asien.

Gegründet wurde Esprit 1968 von einem Hippie-Pärchen in Kalifornien, gelistet ist der Konzern in Hongkong, wieso sitzen Sie dann mit Zentrale und Design hier in Ratingen bei Düsseldorf?

Das hat Heinz Krogner so organisiert. Der wurde vor elf Jahren geholt, als Esprit kurz vor dem Abgrund stand. Die Gründer waren längst ausgestiegen, Esprit war total heruntergewirtschaftet, steckte tief in den roten Zahlen. Wir mussten alles ganz neu organisieren und aufziehen. Dazu gehörte der Sitz am Niederrhein.

Knapp die Hälfte der Ware verkaufen Sie heute in Deutschland. Da kann man nicht wirklich von einer globalen Marke sprechen.

Natürlich ist Deutschland ein starker Markt. Aber wir sind in mehr als 30 Ländern; unsere größten Zuwachsraten hatten wir voriges Jahr in Frankreich und Spanien, England und Benelux. In Asien sind wir der Konkurrenz um Jahre voraus, H&M und Zara stecken da noch in den Kinderschuhen. Wenn jemand global ist, dann wir.

Nur im Esprit-Ursprungsland haben Sie Mühe, Fuß zu fassen. Warum ist es so schwierig in Amerika?

Weil man uns dort nur als ehemaliges Jugend-Label kennt. Wir mussten ganz von vorne anfangen und haben in unserer Anfangseuphorie Fehler gemacht. Zum Beispiel mussten wir lernen, dass man sich in Amerika erst mit imposanten Flagship-Stores in New York einen Namen machen muss, bevor man irgendwo anders anfängt. Das tun wir gerade.

Und was, wenn die Amerikaner Ihre Mode einfach nicht mögen?

Wir haben einen Stil, den sehr viele Menschen in allen Ländern der Welt mögen. Wir sind neotraditionell, sprich modern, schlicht und jung, aber nicht ausgefallen, nicht trendy.

Das ist langweilig.

Das ist clever, weil eine sehr große Zielgruppe mit dem nötigen Geld sich so kleiden will. Nicht alle wollen Trendsetter sein und schrill und ausgefallen rumlaufen. Zara orientiert sich an Catwalk-Mode, bei uns ist schon das Wort „Mode“ verboten. Mode verführt. Wir betrachten unser Geschäft ganz nüchtern.

Und wie funktioniert nüchtern gesehen das globale Geschäft?

Das ist nicht so kompliziert. Auch wenn Berater und Analysten uns das immer einreden wollen. Die sagen: Oh je, ihr braucht eine andere Zielgruppe, die Mitte ist tot. Von wegen! Wir leben prima von der Mitte. Oder es heißt: London, das ist ein ganz schwieriges Pflaster, das muss man ganz anders angehen. Humbug! Wir machen in der Regent Street alles wie hier, und der Laden brummt.

Wenn alles so einfach ist, was ist das Rezept zum Erfolg?

Ein klares Profil der Marke. Unser Kunde weiß genau, was ihn in unseren Läden erwartet. Ansonsten braucht man drei gute Passformen, eine für Europa, Asien und Amerika, und vier Farbfamilien - Schwarz, Weiß, Braun und Blau.

Kein Rot, kein Gelb, kein Grün?

Die anderen Farben sind nur Akzentfarben. Wer kauft schon eine grelle Hose? Niemand, nicht einmal die Teenies. Zwei Drittel unserer Kollektion ist in allen Ländern gleich.

Und der Rest?

Die feinen Unterschiede kriegt man schnell raus, wenn man sich die Leute auf der Straße genau anschaut. Oder verlagern Sie die Marktforschung mal auf ein Kreuzfahrtschiff. Da stellen Sie schnell fest, dass Amerikanerinnen oben glitzriger und styliger sind als die Europäerinnen, bei den Hosen dagegen lockerer.

Und die Chinesin?

Die ist sehr hochgeschlossen. Der dürfen Sie nicht mit tiefem Dekolleté kommen.

Sind die Chinesinnen in der Beziehung sehr arabisch?

Von wegen. In unseren Läden in Dubai und Saudi-Arabien können die Sachen nicht sexy genug sein. Wenn die Frauen zu Hause ihre traditionelle Kleidung ablegen, lieben sie tiefe Ausschnitte und möglichst wenig Stoff.

In Ihren rosigen Visionen ist Esprit ein Lifestyle-Konzern mit vielen eigenständigen Marken. Bisher gibt es nur Esprit-Mode und Red-Earth-Kosmetik. Finden Sie niemand Passendes?

Wir lassen uns Zeit. Wir suchen vornehmlich eine Luxusmarke, eine unpolierte Perle, die wir erstrahlen lassen.

Die Gespräche mit Jil Sander sind angeblich gescheitert.

Das stimmt. Derzeit verhandeln wir konkret mit sehr interessanten Marken. Mehr darf ich dazu nicht sagen. Noch nicht.

Das Gespräch führte Bettina Weiguny.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 01.04.2007, Nr. 13 / Seite 37

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