Von Hans-Christoph Noack
05. April 2006 Der Umsatz der deutschen Biotechnologiebranche ist im vergangenen Jahr leicht von 824 Millionen Euro auf 832 Millionen Euro gestiegen. Aufgrund zahlreicher Fusionen und Übernahmen ist die Zahl der Unternehmen leicht von 380 auf 375 und die Zahl der Mitarbeiter von 9675 auf 9534 gesunken.
Der Grund für die beiden letzten Entwicklungen liegt in der Übernahme von zwölf deutschen Biotechnologieunternehmen, die von ausländischen oder inländischen Unternehmen gekauft wurden, die selbst nicht zum Kern der Branche gerechnet werden. Das geht aus dem Deutschen Biotechnologie-Report 2006 hervor, den die Beratungsgesellschaft Ernst&Young am Mittwoch in Frankfurt vorstellte.
Die Autorin des Reports, Julia Schüler, faßte die Entwicklung des vergangenen Jahres in fünf Punkten zusammen. Dazu zählt, daß die Zahl der Mitarbeiter in den deutschen Biotechnologieunternehmen nicht mehr gesunken ist, was auch für die Aufwendungen für Forschung und Entwicklung gilt. Für den größeren Reifegrad der Unternehmen spricht, daß die Zahl der Wirkstoffe in PhaseII und PhaseIII der klinischen Entwicklung zugenommen hat.
Akquisitionen und Fusionen
Christian Lach von der Beteiligungsgesellschaft BB Biotech AG in Schaffhausen kommentierte dies mit den Worten: Die Pipeline ist voll. Das gelte auch, wenn es in der klinischen Entwicklung noch ein Ausfallrisiko von 45 bis 50 Prozent gebe. Aber gerade bei Krebsmitteln und kommenden Herz-Kreislauf-Präparaten sieht Lach künftig ein großes Potential an neuen Wirkstoffen. Das mache die Unternehmen der Branche für Investoren interessant.
Das spiegelt sich auch in der Zahl der Akquisitionen und Fusionen im vergangenen Jahr wider. Im Jahr 2005 sind von den erfaßten 36 Abgängen deutscher Unternehmen 14 gekauft worden und zwei weitere haben fusioniert. Elf Unternehmen gingen in die Insolvenz oder wurden aufgelöst, die geringste Zahl seit 2002. Im Vergleich zu 2004 sind im vergangenen Jahr 18 Unternehmen weniger insolvent geworden. Dem stehen 22 Neugründungen entgegen.
Als weitere prägende Entwicklung nannte Schüler den kräftigen Anstieg der Private-Equity-Finanzierung und die beiden Börsengänge deutscher Unternehmen. Die Jerini AG erlöste bei ihrem Börsengang im Oktober 49,6 Millionen Euro und die Paion AG im Februar 2005 46 Millionen Euro. Dazu kommen Private Investment in Public Equity - also das Investment privater Geldgeber - bei der Evotec AG (28,4 Millionen), bei der Morphosys AG (17,4), der Mologen AG (9), bei der GPC Biotech AG (8,7) und der Codon AG von drei Millionen Euro.
Unternehmen sind reifer geworden
Damit steigt nach der Erhebung von Ernst&Young die Eigenkapitalfinanzierung der deutschen Biotechnologieunternehmen insgesamt um 15 Prozent. Das Wagniskapital und Private Equity steigt sogar um 38 Prozent und verbessert sich absolut von 236 auf 326 Millionen Euro. Damit ist das durchschnittliche Finanzierungsvolumen der Unternehmen auf 8,58 Millionen Euro gestiegen, ein Wert, der zuvor seit dem Jahr 2000 nicht mehr erreicht wurde.
Damit knüpft die Branche wieder an die Zeit der hohen Mittelzuflüsse an, die während des Börsenbooms im Jahr 2000 zu beobachten war. Deswegen sprechen die Autoren auch von einer Entwicklung zurück in die Zukunft, was die positive Stimmung bei Investoren und Unternehmen angeht. Allerdings mit einem entscheidenden Unterschied: Die Unternehmen sind reifer geworden, haben auf der Produktseite mehr investiert und stehen vielfach davor, die Früchte ihrer Arbeit zu ernten.
Schlagkräftige Einheiten
Daß dies die Geldgeber ebenso sehen, geht aus dem deutlich gestiegenen Anteil der sogenannten Later-Stage-Finanzierungen hervor. Diese Finanzierungen sind private Beteiligungen an etablierten Unternehmen, welche im allgemeinen einen positiven Mittelzufluß aufweisen. Aber ein anderes Zeichen für das gestiegene Zutrauen der Investoren ist, daß auch wieder die Gründungsphase finanziert wird, was im Jahr 2004 nicht der Fall war.
Für das laufende Jahr sieht die Studie keinen Boom bei den Börsengängen voraus, dafür aber weitere Fusionen und Akquisitionen, wodurch häufig schlagkräftigere Einheiten gebildet werden. Das bedeutet auf Sicht eine stagnierende Zahl von Unternehmen, die jedoch mehr Mitarbeiter beschäftigen und höhere Umsätze erzielen dürften. Begleitet wird dies mit der Prognose, daß der Anstieg bei Private- Equity-Finanzierung, anhält und daß die Entwicklung in der Medikamenten-Pipeline sich ebenfalls positiv entwickelt.
Auf Wachstumskurs
Die internationale Biotechnologie-branche hat 2005 erstmals die Umsatzschwelle von 60 Milliarden Dollar durchbrochen. Wie Ernst&Young mitteilte, habe sie ihre Erlöse im Jahr 2005 um 18 Prozent auf ein Rekordniveau von 63,1 Milliarden Dollar gesteigert. Der Nettoverlust aller Gesellschaften ging um 30 Prozent auf 4,3 Milliarden Dollar zurück.
Zudem sei es den Unternehmen gelungen, 19,7 Milliarden Dollar an frischen Geldern einzusammeln. Dies sei der höchste Wert seit dem Biotechnologieboom im Jahre 2000. Das größte Unternehmen der Branche ist nach wie vor Amgen mit einem Umsatz, der 2005 um 18 Prozent auf 12,4 Milliarden Dollar angewachsen ist. Der zweitgrößte Biotechkonzern Genentech erreichte ein Umsatzplus von 46 Prozent auf 5,5Milliarden Dollar.
Text: F.A.Z., 06.04.2006, Nr. 82 / Seite 18
Bildmaterial: F.A.Z.
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