Porträt Florian Gerster

"Wir müssen ein großes Rad drehen"

Von Claudia Bröll, Frankfurt

25. November 2003 Florian Gerster wäre gerne Spitzenmanager. Auf internen Vermerken plaziert der Behördenchef meist ganz oben ein VV - die Abkürzung für Vorstandsvorsitzender in Konzernen. Im Gespräch vergleicht er den Umbau der Bundesanstalt gerne mit dem Start der Deutschen Telekom. Behördendeutsch und Amtsschimmel sind ihm ein Greuel, ebenso wie die etwas verschlafene fränkische Stadt Nürnberg und der riesige Betonklotz der Anstaltszentrale. Schon der Ausdruck Behörde kommt nur über seine Lippen, wenn er von der Vergangenheit der Nürnberger Institution spricht. Lieber spricht der Nachfolger von Bernhard Jagoda von einem Dienstleister am Arbeitsmarkt, unternehmensähnlich mit Vorstand, Aufsichtsrat und möglichst weitreichender, wenn nicht gar völliger Unabhängigkeit von der Regierung.

Dieses Selbstverständnis als VV von Regierungs Gnaden könnte ihm jetzt zum Verhängnis werden. Die Wogen der Aufregung um einen nahezu freihändig vergebenen Auftrag an die Medienberatungsgesellschaft WMP EuroCom AG ebben nicht ab. 1,3 Millionen Euro beträgt das Auftragsvolumen über zwei Jahre hinweg. Hinzu kommen 25 Millionen Euro für eine Imagekampagne, die den Umbau der Behörde begleiten soll. Beides ist nicht viel, wenn man es am Haushalt der Bundesanstalt in Höhe von 50 Milliarden mißt. Auch verglichen mit Beratereinsätzen in der freien Wirtschaft handelt es sich nicht um ein horrendes Salär. Zudem ist kaum von der Hand zu weisen, daß es mit der Öffentlichkeitsarbeit und der Kommunikation in Nürnberg nicht zum besten bestellt ist.

Auf Protest stößt jedoch, daß Gerster zum einen den Auftrag vergeben hat, ohne ein Ausschreibungsverfahren einzuleiten, wozu eine Behörde nach EU-Recht verpflichtet wird. Zum anderen soll er den Verwaltungsrat nicht frühzeitig und mit Nachdruck informiert haben. Ein Randthema sei der Vertrag mit WMP in der Präsidiumssitzung vom 14. November gewesen, wird von Teilnehmern berichtet. Angesichts der knapp bemessenen Zeit sei dieser von den Arbeitgebern beantragte Tagesordnungspunkt schnell abgehandelt worden - so schnell, daß sich die Verwaltungsratsvorsitzende Ursula Engelen-Kefer offensichtlich gar nicht mehr daran erinnert. Gerster bot einen Einblick in den bereits geschlossenen Vertrag an, die Mitglieder des Aufsichtsgremiums verhängten vorsichtshalber einen Sperrvermerk über die 25 Millionen Euro für die Imagekampagne und gingen wieder auseinander. In Kreisen der Bundesanstalt wird der Kopf geschüttelt über ein solches eiliges Vorgehen. "Er hätte wissen müssen, daß ein solcher Vertrag eine sensible Geschichte ist, die öffentlichkeitswirksam ausgeschlachtet werden kann", heißt es. Vor allem aber hätte der sonst so korrekt und penibel auftretende Gerster prüfen lassen müssen, ob die schnelle Auftragserteilung mit EU-Recht vereinbar ist. Nach seinen Angaben hat nur die zuständige Abteilung im eigenen Haus die Rechtsförmlichkeit abgesegnet.

Den Widersachern des von vielen als arrogant, unsympathisch und selbstüberschätzend bezeichneten Behördenchefs kommen diese Schnitzer gerade recht. Schon längere Zeit haben sich viele von ihnen über das zuweilen selbstherrliche Auftreten des früheren SPD-Sozialministers von Rheinland-Pfalz aufgeregt. Die Liste seiner kostspieligen Prestigeprojekte, bevor die eigentliche Reform überhaupt begonnen hat, ist beträchtlich. Angefangen hatte es mit Meldungen über die Gehälter der drei Vorstände, die es damit mit so manchem Unternehmenslenker aufnehmen können. Ein paar Monate später sorgten die Kosten für komplett renovierte Vorstandsbüros und Konferenzräume in der Bundesanstalt in Höhe von 2,6 Millionen Euro für Aufsehen. Kurz darauf machte die Umbenennung der Behörde in eine Bundesagentur für Arbeit - Gersters Lieblingsprojekt - Schlagzeilen. 2,5 Millionen Euro sollen allein die neuen Hinweistafeln in den Arbeitsämtern kosten - die Aufwendungen für neue Briefköpfe, Broschüren und ähnliches noch gar nicht mit eingerechnet. Der Auftrag an fünf Unternehmensberatungen, darunter die renommiertesten und teuersten in Deutschland, ließ vor allem Gewerkschaftsvertreter wieder gegen den Mann an der BA-Spitze meutern. Immerhin 57 Millionen Euro ließ sich Gerster diese Aufträge kosten. Wie zu hören ist, ist man in Nürnberg dabei noch nicht einmal mit der Arbeit aller Beratungen uneingeschränkt zufrieden.

Im Sommer sorgte das nächste Vorzeigeprojekt Gersters für Aufruhr: der virtuelle Arbeitsmarkt. In Abwandlung seines Lieblingssatzes "Wir müssen ein großes Rad drehen" entschied er sich dafür, das Rad neu zu erfinden. Für einen weiteren zweistelligen Millionenbetrag wurde die Unternehmensberatung Accenture beauftragt, eine neue Online-Stellenbörse aufzubauen. Schon etablierte sogenannte Job-Roboter, die sich bewährt hatten, wurden mit Verweis auf zu hohe Kosten abgeschafft. Auch ein Eklat mit den privaten Internetstellenbörsen und den Zeitungsverlegern, die um ihre Märkte fürchteten, nahm der BA-Chef in Kauf. Die Kritik, mit einem beitragsfinanzierten Angebot den Wettbewerb zu untergraben, wischte er zur Seite.

In dieser Liste nehmen sich der 1,3-Millionen-Auftrag an WMP und die 25 Millionen Euro teure Imagekampagne vergleichsweise unbedeutend aus, doch sie passen ins Bild. Wieder hat Gerster einen illustren Namen aus der Unternehmenswelt verpflichtet und dabei keine Kosten gescheut. Bernd Schiphorst, der Vorstand von WMP EuroCom, ist auch Vorstand des Fußballclubs Hertha BSC und war zuvor als Manager des Medienkonzers Bertelsmann aufgefallen. In der Branche heißt es, daß WMP zwar zweifellos zu den bekannten Unternehmen auf dem Feld der Medienberatung und politischen PR gehört. Allerdings gelten ihre Einsätze als nicht gerade billig, im Verwaltungsrat sind außerdem schon Zweifel aufgekommen, ob die Firma tatsächlich so überzeugend ist, wie ihre Eigenwerbung verspricht.

Zur Rechtfertigung der jüngsten Sonderausgaben für Öffentlichkeitsarbeit versäumt es Gerster auch dieses Mal nicht, darauf hinzuweisen, daß er als "unternehmerischer Vorstandsvorsitzender" von der Bundesregierung auf diesen Posten entsandt wurde - mit nahezu allen Freiheiten, die auch ein Vorstandschef in der freien Wirtschaft genießt. Die Bundesregierung hält ihm bisher die Stange. Ein neuer Wechsel an der Spitze der Behörde wäre eine Katastrophe für Schröders Reformkurs. Abermals würde wertvolle Zeit vergeudet, aus dem lahmen, bürokratischen Apparat eine effizient und wirkungsvoll arbeitende Einrichtung zur Arbeitsvermittlung zu machen. Außerdem zieht kaum jemand die fachliche Kompetenz Gersters in Zweifel. Nach wie vor setzt man in ihn große Hoffnungen, daß die Neuordnung in Nürnberg doch noch gelingen kann.

Im Umfeld der BA wird dennoch über seinen Sturz nach nicht einmal zwei Jahren im Amt gemunkelt. Die Affäre besitzt alle notwendigen Zutaten, daß es dazu kommen könnte: einen ehrgeizigen, wenig beliebten Protagonisten, einen üppig dotierten Auftrag in Zeiten, in denen Arbeitslosen die Unterstützung gekürzt wird, einen rechtlich zweifelhaften Vertragsschluß und eine Institution, die ohnehin anfällig ist für Skandale.

Bisher konnte sich Gerster noch nicht dazu durchringen, seinen festen Wohnsitz in Nürnberg zu nehmen. Er residiert im Hotel und pendelt jede Woche zwischen seiner Heimat Rheinland-Pfalz und Bayern. In diesen Tagen könnte sich dieser Entschluß als vorausschauend erweisen.

Den Anlaß für die Abberufung des langjährigen Präsidenten der Bundesanstalt für Arbeit Bernhard Jagoda (CDU) und seine Ersetzung durch den Sozialdemokraten Florian Gerster im Februar des Wahljahrs 2002 bot ein Skandal um geschönte Statistiken der Arbeitsämter. Der Bundesrechnungshof hatte zutage gefördert, daß Millionen Vermittlungsergebnisse falsch verbucht wurden. Zugleich mußte Jagoda immer weiter steigende Arbeitslosenzahlen bekanntgeben.

Bundeskanzler Schröder hatte zu Beginn seiner Regierungszeit angekündigt, sich an seinen Erfolgen auf dem Arbeitsmarkt messen lassen zu wollen. Parallel zu den Arbeitsmarktzahlen entwickelten sich die Umfrageergebnisse für Rot-Grün ungünstig. Am 22. Februar wurde Gerster als neuer Mann an der Spitze einer neu zu organisierenden, "modernen" Bundesanstalt für Arbeit vorgestellt. Ein Konzept für die Veränderung der Behörde sollte eine Kommission unter Leitung des VW-Managers Hartz entwickeln. Die Vorstellung der Ergebnisse der Hartz-Kommission im französischen Dom zu Berlin markierte auch eine Trendwende in der demoskopisch gemessenen Stimmung. Wie Schröder bei Gersters Vorstellung sagte: "In jeder aufgetretenen Fehlentwicklung liegt auch eine Chance." (löw.)



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.11.2003, Nr. 275 / Seite 3
Bildmaterial: dpa

 
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