29. September 2006 Siemens hat Vorwürfe einer Mitverantwortung für die Insolvenz des Handyherstellers Benq Mobile zurückgewiesen. Das deutsche Unternehmen des taiwanischen Konzerns Benq hat am Freitag beim Amtsgericht München einen Antrag auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens eingereicht. Vorläufiger Insolvenzverwalter ist Rechtsanwalt Martin Prager von der Münchner Kanzlei Pluta.
Wir sind sehr betroffen von der Entwicklung und es ist für uns unverständlich, daß Benq Mobile in Deutschland einen Insolvenzantrag gestellt hat“, wird Vorstandsvorsitzender Klaus Kleinfeld in einer Mitteilung von Siemens zitiert. Siemens werde seine Rechtsposition gegenüber Benq prüfen, heißt es weiter.
Inzwischen hat sich auch Benq-Strategiechef Rick Lei zu Wort gemeldet und eher moralisierende Vorwürfe gegenüber Siemens erhoben. Nach seinen Worten habe der Münchener Konzern seine ehemalige Handysparte in der Stunde der Not im Stich gelassen, so zitiert die Nachrichtenagentur Reuters den Manager. Noch in der letzten Woche habe die Siemens-Spitze finanzielle Hilfen für den Bereich abgelehnt, so Lei weiter. Als Konsequenz habe BenQ die Notbremse ziehen müssen. Wir haben Siemens um Hilfe gebeten. Letzten Donnerstag haben wir die ganze Nacht lang mit hochrangigen Siemens-Managern gesprochen. Aber am Ende haben sie gesagt: 'Geschäft ist Geschäft', sagte Lei. Ein Siemens-Sprecher kommentierte das mit dem Hinweis, Benq habe nach der Übernahme vor einem Jahr immer wieder Ansprüche an die Münchener gestellt.
Vorwurf: Siemens zahlte für die Abwicklung
Vor einem Jahr hatte der Münchner Konzern das verlustreiche Mobiltelefongeschäft an Benq abgegeben, den Taiwanern 250 Millionen Euro dazugegeben und zuvor für 100 Millionen Euro Abschreibungen vorgenommen. Mitarbeiter von Benq Mobile warfen Siemens in einer Protestkundgebung in München vor, mit diesem Geld Benq dafür bezahlt zu haben, um mit einer Insolvenz das Handygeschäft abzuwickeln.
Die Weiterführung der deutschen Standorte sei im vergangenen Jahr ein wichtiger Faktor in der Entscheidung für den Käufer Benq gewesen, hält Siemens den Vorwürfen entgegen. Benq-Chef Kuen-Yao Lee hatte im Juni 2005 in einer Videozuschaltung nach München gesagt, sein Unternehmen könne sich vorstellen, neben Handys andere Elektronikprodukte in der von Siemens übernommenen Fabrik in Kamp-Lintfort zu fertigen. Siemens hatte neben Benq mit anderen Unternehmen über die Mobiltelefonsparte verhandelt. Der amerikanische Konkurrent Motorola wäre aber nicht bereit gewesen deutsche Arbeitsplätze zu übernehmen, hieß es damals in der Branche. Mit der Abgabe der Sparte an Benq war vereinbart worden, daß Mitarbeiter im Fall betriebsbedingter Kündigungen bei einer Bewerbung auf eine freie Stelle im Siemens-Konzern wie interne Mitarbeiter behandelt werden.
Gegenargument: Das Leiden der Marke
Als wichtigstes Argument gegen ein abgekartetes Geschäft mit Benq spricht nach Ansicht von Siemens die Marke. Benq darf den Namen Siemens für die Produkte fünf Jahre lang nutzen. Mit einer Marke geht man äußerst vorsichtig um, um negative Effekte zu verhindern“, sagte ein Sprecher von Siemens. Ohne es auszusprechen, lautet seine Schlußfolgerung: Die Proteste gegen die Insolvenz von Benq Mobile schaden der Marke Siemens, was der Konzern nicht in Kauf genommen hätte, hätte er die Entwicklung geahnt.
Außerdem weist der Sprecher darauf hin, daß Benq-Chef Lee noch im August ein klares Bekenntnis zur Handysparte abgegeben hatte. Damals stellte der Konzern 400 Millionen Dollar für Benq Mobile in Aussicht. Zu Beginn dieser Woche sei die Zusage jedoch relativiert worden, berichtete ein Sprecher von Benq Mobile. Wäre das Geld geflossen, dann gäbe es jetzt keine Insolvenz.“ Am Tag mache Benq Mobile wie zuletzt zu Siemens-Zeiten einen Verlust von deutlich mehr als eine Million Euro.
Markenrechte und Patente bei Benq in Taiwan
Der vorläufige Insolvenzverwalter Prager kündigte an, zunächst die Lage im Unternehmen zu prüfen. Wir werden alles daran setzen, den laufenden Betrieb aufrechtzuerhalten.“ Prager hat den Ruf, kein typischer Abwickler zu sein, sondern sich für eine Fortführung von Unternehmen einzusetzen. Mit der Avcraft-Gruppe, einem Nachfolgeunternehmen des Regionalflugzeugherstellers Fairchild Dornier, war er aber nicht erfolgreich. Schwierigkeiten für Prager und Benq Mobile könnten die Markenrechte bedeuten. Sämtliche Patente und Markenrechte sind im vergangenen Jahr an Benq in Taiwan übergegangen“, berichtete der Sprecher von Benq Mobile.
Text: him., F.A.Z. 30. September 2006 und Reuters
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb
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