Konjunkturpaket der Bundesregierung

Schulinvestitionen ohne langfristigen Wachstumseffekt

Von Lisa Becker

Investionen in Schulen führen nicht unbedingt zu besseren Schülern

Investionen in Schulen führen nicht unbedingt zu besseren Schülern

05. Januar 2009 Die Bundesregierung bastelt gerade an ihrem zweiten Konjunkturpaket. Dabei steht schon fest, dass einige Milliarden Euro in die Bildung fließen werden. Die Mittel sollen, wie es bisher heißt, vor allem für die Sanierung von Schul- und Hochschulgebäuden ausgegeben werden, aber auch für die Anschaffung neuer Geräte, zum Beispiel für den naturwissenschaftlichen Unterricht. Für manche ist das ein Anlass zur Freude, schließlich haben sie schon lange mehr Geld für die Bildung gefordert. Andere bezweifeln hingegen, dass die angedachten Investitionen in den Bildungsbereich kurzfristig die Konjunktur stützen und langfristig zu einer höheren Qualifikation der Lernenden führen werden.

Der Bildungsökonom Ludger Wößmann freut sich zwar, dass der Staat auch die Bildung berücksichtigt, wenn er aus konjunkturpolitischen Gründen die Ausgaben erhöhen möchte. Denn während Ausgaben für andere Bereiche oft nur ein Strohfeuer entzündeten oder ins Ausland abflössen, kämen materielle Ausgaben zum Beispiel im Schulbereich zu einem großen Teil der inländischen Nachfrage zugute, erklärt der Professor an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität.

Ausbau der frühkindlichen Bildung

Dringend benötigt: Geld für Sanierung der Schulen

Dringend benötigt: Geld für Sanierung der Schulen

Doch führten solche Ausgaben meistens nicht zu besseren Schülerleistungen. Diese verbessern sich, wie Wößmanns Forschungen zeigen, durch tiefgreifende strukturelle Reformen im Bildungssystem und weniger durch allgemein höhere Ausgaben. Zu den wichtigsten Reformen, die Bildungsökonomen fordern, gehören mehr Autonomie für die Schulen, eine Gleichstellung der freien Schulträger in der öffentlichen Finanzierung, bundeseinheitliche Abschlussprüfungen und eine möglichst späte Aufteilung der Schüler auf unterschiedliche Schulformen.

Skeptisch mit Blick auf das geplante Konjunkturpaket ist auch die Bildungs- und Finanzwissenschaftlerin Kerstin Schneider von der Bergischen Universität Wuppertal. Es sei falsch zu glauben, dass das Bildungssystem durch Geld allein besser werde, sagt Schneider. Zum Beispiel müsse in die Förderung sozial Schwacher und in den weiteren Ausbau der frühkindlichen Bildung und der Ganztagesangebote investiert werden. Deshalb glaubt sie nicht, dass mit einem Konjunkturprogramm kurzfristig viel erreicht werden könne.

Kinder bildungsferner Schichten

Axel Plünnecke, Bildungsforscher im arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln, ist dagegen davon überzeugt, dass Investitionen im Bildungswesen rasch Wirkung zeigen könnten. Er empfiehlt dafür aber weitgehend andere Maßnahmen als die von der Bundesregierung bisher ins Gespräch gebrachten. Es sollte in zusätzliche Kapazitäten an den Hochschulen insbesondere in den mathematischen und naturwissenschaftlichen Fächern investiert werden. Außerdem solle durch einen Ausbau der Kindertagesstätten die Betreuung der unter Dreijährigen weiter verbessert werden. Stärker ausgebaut werden sollte auch das Angebot an Ganztagsschulen. So könnte über höhere Bauinvestitionen und mehr Stellen in den Bildungseinrichtungen kurzfristig die Konjunktur belebt werden.

Gleichzeitig könnte aber auch ein höheres langfristiges Wachstum erreicht werden, meint Plünnecke. Denn die Maßnahmen, die allerdings vor allem von den Ländern und Gemeinden ins Werk gesetzt werden müssten, verbessern nach Plünneckes Worten die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, erhöhen die Erwerbstätigkeit von Frauen, steigern die Qualifikation von Kindern aus bildungsfernen Schichten und verkleinern die Fachkräftelücke in den mathematischen und naturwissenschaftlichen Fächern. Die Wirkung von Konsumgutscheinen verpuffe hingegen schnell, meint Plünnecke.

„Kein ordnungsgemäßer Lehrbetrieb möglich“

Große Hoffnungen in die konjunkturellen Wirkungen von Bildungsinvestitionen setzt die Wirtschaft, selbst wenn nur Gebäude saniert werden. Der Zustand von Schulen und Hochschulen sei mitunter katastrophal, sagt Gerhard Braun, Vizepräsident der Bundesvereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände (BDA): „Das beeinträchtigt die Qualität des Unterrichts und die Motivation der Lernenden und der Lehrenden.“

Investitionen in die Gebäude hätten deshalb einen doppelten Effekt: zusätzliche Aufträge für die Unternehmen und eine nachhaltige Investition in die Qualifikation der Menschen. Auch Hanns-Eberhard Schleyer, Generalsekretär des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH), glaubt, dass in den maroden Gebäuden „kein ordnungsgemäßer Lehrbetrieb“ möglich sei. Die baulichen Maßnahmen müssten aber mit möglichst wenig Bürokratie verwirklicht werden. „Sonst läuft der Ansatz ins Leere.“

Quote der Schulabbrecher halbieren

Blicken die Ökonomen und die Vertreter der Wirtschaftsverbände auf das vergangene Jahr zurück, fällt ihre Bilanz eher verhalten aus - und das, obwohl 2008 das Jahr des von Bundeskanzlerin Angela Merkel vollmundig angekündigten Bildungsgipfels in Dresden war. Bereits zuvor hatte sie „Bildung für alle“ versprochen und auf einer öffentlichkeitswirksamen Bildungsreise durch Deutschland vorbildliche Bildungseinrichtungen besucht. Positiv bewerten die Fachleute, dass 2008 die frühkindliche Bildung über einen Ausbau der Infrastruktur verbessert wurde, auch wenn nach den Worten von Wößmann noch viel im Argen liegt. „Was ist mit der Qualität? Kommt das bei denen an, die es am dringendsten benötigen: den Kindern aus bildungsfernen Schichten?“, fragt der Wissenschaftler.

Ansonsten loben die Experten verhalten, dass dringende Probleme wenigstens in den Blick genommen wurden. So heißt ZDH-Generalsekretär Schleyer gut, dass die Berufsorientierung an den Schulen verbessert und das Interesse von Kindern und Jugendlichen an den MINT-Fächern frühzeitig geweckt werden soll. BDA-Vizepräsident Braun freut sich außerdem über die geplante Verbesserung des Hochschulzugangs für beruflich Qualifizierte ohne Abitur und darüber, dass sich Bund und Länder klar verständigt hätten, die Quote der Schulabbrecher bis 2015 von 8 auf 4 Prozent zu halbieren. Beide bemängeln aber, dass ihre Forderung weitgehend ignoriert werde, die ökonomische Bildung durch ein Schulfach Wirtschaft an den allgemeinbildenden Schulen zu stärken.

„Ich erwarte nichts Konkretes“

Für Bildungsökonom Ludger Wößmann war der Bildungsgipfel nur eine leere Showveranstaltung; auch kann er nicht erkennen, dass es 2008 wirkliche Reformen im Bildungsbereich gegeben hat. Doch eines hat ihn im vergangenen Jahr ein wenig zuversichtlich gestimmt: Die Ergebnisse der Schülertests hätten zumindest eine leichte Verbesserung der Leistungen gezeigt. Vor allem die Schlusslichter Bremen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg hätten mehr als die Hälfte ihres Bildungsrückstands aufgeholt. „Da sieht man, was allein das Publikmachen von Bildungsergebnissen für Anreize auslösen kann“, schlussfolgert Wößmann.

Der Bildungsgipfel Merkels mit den Ministerpräsidenten der Länder hat auch deshalb kaum Ergebnisse gebracht, weil sie sich über Finanzierungsfragen nicht einigen konnten. Bildungsökonomin Schneider bedauert deshalb, dass der Föderalismus im Bildungsbereich nicht in Frage gestellt wird. „Ich kann nicht sehen, warum ein Land wie Deutschland sechzehn verschiedene Bildungssysteme benötigt“, sagt Schneider. Die Unterschiede zwischen den Bundesländern seien inzwischen erheblich und stellten ein Mobilitätshindernis für Familien dar.

Dass Bildung im Wahljahr 2009 ein bedeutendes Thema werden wird, bezweifeln vor allem die Ökonomen. „Ich erwarte nichts Konkretes“, sagt Schneider. Auch Wößmann glaubt nicht, dass sie ein zentrales Thema werden wird. Zum einen sei Bildung in Deutschland kein Bundesthema. Zum anderen hätten die Länder Bundeskanzlerin Merkel auf dem Bildungsgipfel gezeigt, dass sie sie nicht schalten und walten ließen.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

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