FAO-Gipfel über Ernährungsfragen

Neue Bekenntnisse, vager Inhalt

Von Tobias Piller, Rom

862 Millionen Menschen auf der Welt haben keine adäquate Ernährung

862 Millionen Menschen auf der Welt haben keine adäquate Ernährung

06. Juni 2008 Eine Konferenz der gesamten Welt über Ernährungsfragen schien für den Chef der FAO, der Weltorganisation für Ernährung und Landwirtschaft, ein bewährtes Mittel, um auf neue Probleme aufmerksam zu machen. Doch der jüngste FAO-Gipfel über Ernährungsfragen erzeugte statt Aufbruch nur diplomatisches Kleinklein um eine Schlusserklärung mit ohnehin sehr vagem Inhalt.

Der Entwurf der Schlusserklärung, um den am Donnerstagnachmittag noch gerungen wurde, ruft auf zu „dringender und koordinierter Aktion“, um die negativen Folgen stark gestiegener Lebensmittelpreise für arme Entwicklungsländer zu bekämpfen. Die Mitgliedsländer der FAO legen ein neues Bekenntnis ab zum Ziel, die Zahl der Hungernden bis 2015 zu halbieren. Kurzfristig soll diesen Ländern Lebensmittelhilfe zur Verfügung gestellt werden.

Die Vorzeichen standen schlecht

Für die nächsten Jahre sollen sich die 190 Teilnehmerländer verpflichten, Investitionen in die Landwirtschaft zu fördern, die Verhandlungen über den Freihandel in der Landwirtschaft zu Ende zu bringen, die Ernährungsproduktion der Welt mit Blick auf den Klimawandel krisenfester zu machen und sich den Chancen und Herausforderungen von Biosprit zu stellen. Gegen diese gemeinsame Erklärung wandten sich jedoch bis zuletzt Argentinien, das darin indirekte Kritik an seinen Ausfuhrsteuern für Getreide sah, und Kuba, das eine Verurteilung der Vereinigten Staaten und deren Embargo verlangte.

Der aus Senegal stammende Generaldirektor der FAO, Jacques Diouf, konnte mit seiner Veranstaltung nicht mehr an frühere Erfolge anknüpfen. Zum ersten Mal hatte er schon 1996, drei Jahre nach seinem Amtsantritt, mit einem Gipfeltreffen über Ernährungsfragen Aufsehen erregt. Die bürokratische, ein wenig schläfrige Organisation und deren Mitgliedsländer erhielten damals ein klares Ziel vorgegeben: Bis 2015 sollte die Zahl der unterernährten oder hungernden Menschen von 800 Millionen auf 400 Millionen halbiert werden. Das Interesse der ganzen Welt am Thema, viele Staats- oder Regierungschefs unter den Teilnehmern und die moralische Verpflichtung zur Besserung der Lage hatten der Konferenz und der FAO gehörigen Schwung verliehen.

Die Vorzeichen standen in diesem Jahr jedoch deutlich schlechter: Die FAO hatte zwar steigende Nahrungsmittelpreise vorhergesehen und vorhergesagt, aber die Stimmung in der Politik und den Medien unterschätzt. Als alle von Ernährungskrise sprachen, war die FAO nicht dabei. Die Weltbank hatte nach Jahrzehnten ihren Entwicklungsbericht der Landwirtschaft gewidmet und damit die politische Agenda bestimmt. Diouf sah sich in Zugzwang und suchte eine Routinekonferenz zum Gipfel aufzuwerten. Doch im Gegensatz zu seinem früheren Erfolg fehlte in diesem Jahr die einhellige Unterstützung der Mitgliedsländer.

Missstimmung zwischen den Gästen

Aus Europa kamen der spanische Ministerpräsident Zapatero und der französische Präsident Sarkozy, aber weder die deutsche Kanzlerin noch wie früher ein Bundespräsident. Um wenigstens 40 Staats- und Regierungschefs vorweisen zu können, musste Diouf Gäste akzeptieren, die bei vielen anderen Gästen Missstimmung auslösten und am ersten Tag der eigentlichen Konferenz die Schau stahlen. Was Irans Präsident Ahmadineschad zur Welternährung zu sagen hatte, interessierte die Medien weitaus weniger als seine Bemerkungen zum Staat Israel, die zudem in Rom Politiker aller Parteien zu Protestveranstaltungen an der Spanischen Treppe und vor dem Rathaus zusammenführten. Ebenso erschien der Staatschef Zimbabwes, Robert Mugabe, eher als Problem, schließlich gilt sein Land als Vorzeigebeispiel, wie aus einem blühenden Nahrungsmittelexporteur ein Hungerstaat mit Millionen von Flüchtlingen werden kann.

Statt eines gemeinsamen großen Ziels verstrickte sich Dioufs neue Konferenz in vielerlei Positionskämpfe: Den Vertretern von armen Nahrungsmittelimporteuren, die mit steigenden Preisen für Grundnahrungsmittel kämpfen und Unruhen in den Städten zu befürchten haben, ist der Gedanke abwegig, dass die bisher vorhandenen Überschüsse an Lebensmitteln verschwinden sollen, indem immer mehr landwirtschaftliche Produkte für Biosprit verwendet werden. Dagegen verteidigt Brasilien den eingeschlagenen Weg der Äthanolproduktion, der die Ölrechnung des Landes verringert, die landwirtschaftliche Produktion billiger macht und zudem auf dem Land Arbeitsplätze geschaffen hat.

Kein Königsweg für eine nachhaltige Entwicklung der Welternährung

Zum Streitpunkt ist auch die Handelspolitik für landwirtschaftliche Produkte geworden. Bisher galt dabei immer die schärfste Kritik der Europäischen Union und den Vereinigten Staaten, die ihre Märkte verschlossen haben und ihre Überschussprodukte billig auf den Weltmarkt warfen. Nunmehr sind die Überschüsse Europas und Nordamerikas geschrumpft, andere Länder stehen am Pranger, weil sie zur Besänftigung der eigenen Stadtbevölkerung Ausfuhrbegrenzungen eingeführt haben.

FAO-Generaldirektor Diouf, der früher immer wieder hervorgehoben hat, wie sehr die Probleme der Welternährung mit mehr Investitionen in die Landwirtschaft gelöst werden können, hat dieses Mal keinen Königsweg für eine nachhaltige Entwicklung der Welternährung angeboten. Er zeigte sich vielmehr ungeduldig und provozierend mit seiner Rede vor der Ernährungskonferenz: Es gebe 862 Millionen Menschen auf der Welt, die keine adäquate Ernährung hätten. Um dieses Problem zu lösen, seien jährlich 30 Milliarden Dollar nötig. Demgegenüber könne niemand verstehen, wie es gleichzeitig einen Markt für Emissionszertifikate geben könne, der 64 Milliarden Dollar wert sei.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, dpa, F.A.Z.

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