26. September 2005 Vielleicht ist Ferdinand Piech doch schlauer als Kirk Kerkorian. Während die amerikanische Investorenlegende sich um die Aufstockung seiner Beteiligung im krisengeschüttelten Automobilkonzern General Motors bemüht, schlägt der VW-Aufsichtsratschef zu. Kerkorian wurde als treibende Kraft hinter dem jüngsten Höhenflug der VW-Stammaktie vermutet, tatsächlich stand der Name Piech auf der Besetzungsliste für die Hauptrolle in dem Stück um Volkswagen und Porsche. Das Überraschungsmoment im Blick, könnte ihm noch eine Karriere als Hedge-Fonds-Manager winken.
Die offizielle Version liest sich natürlich anders. Sie muß sich anders lesen, um eine Reihe unangenehmer Fragen nicht hochkommen zu lassen. Danach fand es Porsche-Chef Wendelin Wiedeking eine tolle Idee, die Liefer- und Kooperationsbeziehungen zwischen der Stuttgarter Edelschmiede und dem Wolfsburger Massenhersteller durch eine substantielle Beteiligung zu untermauern. Tatsächlich sind die Beziehungen eng und durch den gemeinsamen Bau des Geländewagens Cayenne für Porsche und Touareg für Volkswagen noch verstärkt worden (siehe zur Historie: Die Autos als Zeichen der Liebe). Die Porsche Holding in Salzburg stellt einen wichtigen Absatzkanal für den VW-Konzern in Osteuropa dar. Aber in solchen Fällen werden in der Regel gegenseitige Beteiligungen mit kleineren Anteilen vereinbart.
Ein Klumpenrisiko
Bei Volkswagen hingegen hat sich Porsche, mit üppiger Kasse und bewundernswerter Ertragslage, ein Klumpenrisiko eingehandelt. Wohin dies führen kann, zeigte sich an der Verbindung zwischen General Motors und Fiat. Nur unter hohen Kosten kamen die Amerikaner aus dieser ebenfalls industriell angelegten Verbindung heraus, als die prekäre Lage bei dem italienischen Partner offenbar wurde.
Daß Ferdinand Piech sich Volkswagen besonders verbunden fühlt, hat nicht nur mit betriebswirtschaftlichem Kalkül zu tun. Der Großvater Ferdinand Porsche entwickelte einst für Adolf Hitler den Käfer und legte den Grundstein für das Volkswagenwerk. Porsche, obwohl heute untrennbar mit dem Ruf als Hersteller luxuriöser Sportwagen verbunden, machte aus den Deutschen das Volk der Autofahrer, die oft sogar eine hohe PS-Zahl unter der Haube höher schätzen als viele Kinder im Haus.
Eine neue Wärmestube
Ob sich der für unkonventionelles Denken und Handeln bekannte VW-Aufsichtsratsvorsitzende ein Denkmal setzen will, muß Spekulation bleiben. Klar zutage tritt allerdings schon länger das Bemühen des Landes Niedersachsen, dem eisigen Wind aus Brüssel, der das VW-Gesetz hinwegzufegen droht, mit dem Bau einer neuen Wärmestube zu begegnen. Der regierende Ministerpräsident Christian Wulff ist hier nicht anders gestrickt als seine Vorgänger. Das persönliche Verhältnis zwischen Wulff und Piech mag problematisch sein, jetzt haben sie sich in einem wichtigen Punkt gefunden: Die beiden Großaktionäre stärken sich gegenseitig. Die Frage bleibt, wer mehr davon hat, aber viel spricht dafür, daß im Fall Volkswagen die Piech AG an die Stelle der Deutschland AG getreten ist. Der in Hannover sehnlichst erwartete Partner Porsche rückt in eine dominierende Position, ohne deswegen ein Übernahmeangebot vorlegen zu müssen.
Es entbehrt nicht der Ironie, daß Porsche zu Zeiten, als der Hersteller einen Luxuswagen für Mercedes baute, als Übernahmekandidat des schwäbischen Nachbarn Daimler galt. Jetzt hat das Unternehmen bei Volkswagen den Spieß umgedreht. Ist das jenseits aller Corporate-Governance-Bedenken gut für die Beteiligten? Zumindest ein Verlierer stand gestern fest - die Vorzugsaktionäre von Porsche. Sie mußten einen Wertverlust von mehr als zehn Prozent in der Spitze hinnehmen. Man mag darin eine Korrektur von Übertreibungen seit Anfang Mai sehen, als die Porsche-Aktie gut 500 Euro wert war, verglichen mit knapp 680 Euro am vergangenen Wochenende. Aber es zeigt sich wieder einmal, daß Vorzugsaktionäre angesichts des fehlenden Stimmrechts bloße Kapitalbeschaffer sind. Die Familienstämme Porsche und Piech als Inhaber aller Stammaktien waren sich - anders als bei ersten VW-Überlegungen vor vier Jahren - einig. Sie bedienten sich der Kasse von Porsche für ihren Coup, ungeachtet der Interessen der Vorzugsaktionäre. Auch der Vorstandsvorsitzende Wiedeking mußte mitziehen, aus vollem Herzen oder gezwungen. Daß er daraus das Beste zu machen versucht, sollte man ihm nachsehen.
Alle Konkurrenten abgeschreckt
Was bringt Porsche die Volkswagen-Beteiligung? Aus dem VW-Aktienkurs ist vorerst die Luft raus, nachdem sich alle Übernahmespekulationen erledigt haben. Der Verweis auf steigende Dividenden ist Augenwischerei, solange Volkswagen mit dem Sanierungsprogramm nicht durch ist. Andererseits sind keine Kapitalerhöhungen zu erwarten, die Niedersachsen ja nicht stemmen könnte und Porsche wohl nicht mittragen wollte. Aber der größte Vorteil ist offensichtlich, nämlich die Abschreckung aller Konkurrenten, die vielleicht nach Volkswagen greifen möchten.
Ferdinand Piech als Miteigentümer sowie Aufsichtsrat von Porsche und als Aufsichtsratsvorsitzender von Volkswagen wäre gut beraten, letztere Position aufzugeben, um sich nicht dem Verdacht von Interessenkollisionen auszusetzen. Am besten wäre es, ein wirklich unabhängiger Geist träte an die Spitze des Kontrollgremiums. Dessen ungeachtet täte es VW gut, erhielte der Konzern, ungeachtet aller Unterschiede in Unternehmensgröße, Tarifrecht und Internationalität, Impulse von dem erfolgreichen Unternehmensmodell Porsche. Dem Sportwagenhersteller kann nicht an der Fortsetzung des Schlendrians in Wolfsburg gelegen sein. Es gilt, viele Fehler auszumerzen - auch die des früheren VW-Vorstandsvorsitzenden und heutigen Aufsichtsratsvorsitzenden Piech.
Text: F.A.Z., 27.09.2005
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