22. Januar 2005 Die Geldeintreiber auf Sizilien kommen meist alle drei Monate. Es sind freundliche junge Typen, nicht älter als 30, und über Geld reden sie nie. Zumindest nicht direkt. Statt dessen bitten sie die Geschäftsleute um eine kleine Spende.
Etwa für diejenigen, die im Gefängnis sitzen. Wenn ein Geschäftsmann mal etwas knapp ist, wird ihm die Spende auch gerne gestundet; für solche Mißlichkeiten hat die Mafia schließlich Verständnis. Auch wenn ein Ladenbesitzer einen Todesfall in der Familie hat, sind die Bosse nachsichtig; dann wird das Schutzgeld großzügig erlassen.
Die Mafia, die nicht mehr schießt"
70 Prozent aller Unternehmer und Geschäftsleute auf Sizilien, berichtet eine Sendung im staatlichen italienischen Fernsehen, zahlen ihren pizzo, wie das Schutzgeld auf der Insel verschämt genannt wird. Das komme im Jahr allein auf Sizilien auf 7 Milliarden Euro, landesweit brächten Schutzgeld und Erpressung 14 Milliarden ein. Neben Drogenhandel gehöre der pizzo nach wie vor zum Kerngeschäft der Pate, sagt der oberste Mafia-Jäger Piero Luigi Vigna, der den Gesamtumsatz auf 100 Milliarden Euro im Jahr schätzt - doppelt soviel wie der des Autoriesen Fiat.
Um Schutzgeld einzutreiben, hat es die Cosa Nostra längst nicht mehr nötig, Gewalt anzuwenden. Jeder in Sizilien weiß: Widerstand ist tödlich, zahlen schafft Sicherheit. Wer sich weigert, stirbt. Die Mafia, die nicht mehr schießt heißt denn auch der Titel einer TV-Sendung, die für Wirbel in Italien sorgt. Die Sizilianer reagieren betroffen, weil sie ihre Insel wieder einmal nur schablonenhaft dargestellt sehen. Der Präsident der Region, Salvatore Cuffaro, hat als Entschädigung eine Darstellung der hübscheren Seiten Siziliens verlangt.
Nachlassen der Aufmerksamkeit
Zugleich sorgt das Stichwort Mafia auch für endlose Polemik in der Politik. Der Präsident der Region, Cuffaro, verteidigt sich energisch gegen Beschuldigungen von Staatsanwälten, er sei selbst der Mafia entgegengekommen. Auch Parteifreunde des italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi, dessen enger politischer Vertrauter Marcello Dell'Utri erst kürzlich zu neun Jahren Haft wegen Mafia-Verstrickungen verurteilt wurde, wettern gegen die Enthüllungen. Sie ziehen wiederum die Prozesse gegen den früheren Ministerpräsidenten Giulio Andreotti heran, die nach zehn Jahren mit Freisprüchen endeten, allerdings mit einigen Seitenhieben auf Andreotti, die zu weiterem Streit führen.
Während Neapel derzeit vom blutigsten Bandenkrieg seit Jahrzehnten erschüttert wird, haben Politiker in Palermo in den vergangenen Jahren gerne die schöne Illusion entstehen lassen, die Cosa Nostra sei weitgehend besiegt. Dabei bestimmt sie das Leben auf Sizilien immer meh, sagen Experten. Das Nachlassen der Aufmerksamkeit gegenüber der Mafia wird damit begründet, daß es in Sizilien keine aufsehenerregenden Gewalttaten mehr gab. Vor zehn Jahren wurde dagegen das Bild bestimmt von Bombenanschlägen gegen Staatsanwälte in Sizilien, aber auch gegen Baudenkmäler in Rom, Florenz und Mailand. Doch darauf reagierte der italienische Staat mit der Entsendung von Soldaten nach Sizilien und einer Verschärfung der Haftbedingungen für Mafiabosse im Gefängnis.
Es zahlen alle, aber keiner gibt es zu
Seither haben diejenigen Mafiosi die Oberhand gewonnen, die nichts von aufsehenerregenden Gewaltaktionen wissen wollen und statt dessen lieber möglichst in der Stille ihren Geschäften nachgehen, bei denen dennoch immer Gewalt angedroht wird. Die römische Zeitung La Repubblic veröffentlicht jetzt eine genaue Tariflist, was sizilianische Geschäftsleute abdrücken müssen. Selbst kleine Ladenbesitzer zahlen demnach 500 bis 1000 Euro pro Quartal, bessere Geschäfte wie etwa Juweliere müssen 3000 Euro abgeben, große Läden 5000 Euro. Ausgenommen seien Geschäftsleute, die Verwandte im Gefängnis haben, einen Trauerfall in der Familie - oder einen Polizeibeamten oder Carabiniere unter den Verwandten. Ansonsten zahlen alle, aber niemand gibt es zu. In ganz Italien würden derzeit 160.000 Unternehmen und Geschäfte erpreßt, gut dreimal soviel wie vor 20 Jahren; die Einnahmen hätten sich dagegen verzehnfacht.
Meist beginnt es mit einem anonymen Telefonanruf. Du mußt dir jemanden suchen, der dir hilft, mahnt eine unbekannte Stimme den Ladenbesitzer. Ein paar Tage später ist dann das Schloß zum Laden mit Leim verklebt. Angst und Ratlosigkeit beschleichen den Geschäftsmann. Abwarten, raten dann erfahrene Kollegen. Nach einigen weiteren Tagen steht dann ein sympathischer junger Mann vor der Tür. Jeder im Viertel kennt ihn, er ist freundlich und unaufdringlich -- und verlangt eine kleine Spende.
Text: dpa /Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.01.2005, Nr. 18 / Seite 11
Bildmaterial: AP
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