23. Mai 2005 Nennen wir sie Frau Li. Frau Li ist zwanzig, vielleicht 25 Jahre alt. Sie sitzt in Wenzhou, ein paar hundert Kilometer südlich von Schanghai, an der Nähmaschine. Frau Li ist fleißig, schläft in einem Schlafsaal neben der Fabrik und fährt nur in der "Golden Week" für ein paar Tage in ihr Heimatdorf im Westen Chinas. Sechs Tage in der Woche arbeitet sie unter Neonlicht, vor ihr und hinter ihr die Reihen der anderen Näherinnen.
Hier in Wenzhou exportiert ein Drittel der Unternehmen Kleidung. Im nahen Datang, der "Sockenhauptstadt der Erde", stricken 8.000 Firmen Strümpfe für die Welt. Es gibt Zehntausende wie Frau Li in Wenzhou, Hunderttausende in der Küstenprovinz Zhejiang, Millionen in China.
Frau Li raubt Arbeitsplätze - sagen Europäer und Amerikaner
Sie alle setzen auf eine gesicherte Zukunft, denn sie werden gebraucht. Wenn die Kaufhäuser in Dortmund, Boston oder Stockholm ein Hemd für 19 Euro anbieten, dann auch deshalb, weil Frau Li ihrem Chef ihre Arbeitskraft für einen guten Euro pro Stunde verkauft. Und weil der sich zudem die hochentwickelte, vernetzte Garn-, Stoff- und Bekleidungsindustrie Chinas zunutze macht, die ihre Rohstoffe aus dem eigenen Land bezieht.
Frau Li, ihr Chef, die chinesische Regierung rauben dem Westen Arbeitsplätze. Sagen Europäer und Amerikaner. Sie müssen es sagen, denn so läßt sich Strukturwandel leicht erklären. So lassen sich Wahlen gewinnen und Arbeiter befrieden. Das Drohbild der gelben Gefahr feiert fröhliche Urständ an Stamm- wie Kabinettstischen.
Frau Li kann das nicht verstehen
Die Melodie ist immer dieselbe: Die Freiheit, die wir ihnen anboten, nutzen die Chinesen nun schamlos aus. Sie exportieren mehr und schneller, als sie sollten. Und zerstören damit westliche Industrien. Die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua schreibt, Chinas Textilausfuhren seien im ersten Quartal ohne Quoten um 29 Prozent gestiegen. Die amerikanische Regierung hält dagegen, in derselben Zeit hätten die Einfuhren chinesischer Textilien und Kleidung 54 Prozent zugelegt. Und deshalb hat sie nur vier Monate und 17 Tage nach dem Ende des weltweiten Quotenregimes auf Textilien wieder Quoten erlassen.
Frau Li kann das nicht verstehen. Schließlich ist ihr Land 2001 der Welthandelsorganisation beigetreten. Läßt deshalb mehr und mehr ausländische Investoren herein, die heimische Betriebe übertrumpfen. Mußten nicht viele der Staatskonzerne schon schließen? Sichert die Welthandelsorganisation nicht den freien Verkauf von Waren rund um die Erde? Und steht nicht in jeder chinesischen Zeitung, die Amerikaner ermahnten China täglich, sich an Spielregeln zu halten?
Jetzt geht auch die Angst unter den Chinesen um
Auch Frau Lis Regierung in Peking hat wenig Verständnis für den neuen Protektionismus. "Solche Handelsbeschränkungen sind unfair", sagt Handelsminister Bo Xilai. "Wir haben dank unseres Beitritts zur Welthandelsorganisation das Recht erworben auf einen freien Textilhandel. Das Messen mit zweierlei Maß ist nicht erlaubt." Trotzdem lenkte sie am Freitag ein und erließ höhere Ausfuhrzölle auf 74 Textilsorten.
Als schwinge ein Pendel zurück, setzt nun auch in den Führungsetagen der Textilbetriebe in Zhejiang die Furcht vor dem Verlust von Arbeitsplätzen ein. Die neuen Quoten werden zwei Folgen haben, meinen die Textilmanager in Wenzhou: Kleinere Unternehmen werden zusammenbrechen, da sie in der sicheren Erwartung quotenfreier Zeiten vom 1. Januar an ihre Betriebe kräftig ausgebaut hatten. Zugleich werden andere asiatische Märkte von den chinesischen Billigtextilien überschwemmt. Dies wird die dort heimische Textilindustrie weiter schädigen.
Es geht nicht mehr um Frau Li. Es geht um Macht.
"Chinesische Textilien sind schon immer in Drittländer verschifft worden, wo nur das Etikett eingenäht wurde. Von dort aus umgehen die Chinesen die Quoten", sagt Paul McKenzie, Marktforscher in Hongkong. Längst geht es nicht mehr um die Arbeitskraft von Frau Li. Es geht um Propaganda. Und es geht um Macht. "Wir sollten die Textilfrage von politischen Fragen entkoppeln", hat Chinas Ministerpräsident Wen Jiabao gefordert. Denn er weiß zu genau, daß die Quotendebatte nur Ausdruck einer breiten Verunsicherung in den Industrieländern über Chinas Aufstieg ist. Washington sucht die Kraftprobe mit dem erwachenden Giganten. Es weiß, daß es nur wenige Monate dauern wird, bis die ersten billigen Autos aus dem Reich der Mitte nach Amerika rollen werden.
Billig sind die China-Waren auch deshalb, weil der chinesische Yuan seit einer Dekade im Verhältnis 8,28 an den Dollar gebunden ist. Amerika beklagt, daß der Wechselkurs zu niedrig liege und die feste Bindung sich überlebt habe. "China manipuliert seine Währung", heißt es in Washington. Peking halte den Kurs künstlich niedrig, um die Welt mit seinen Waren überschwemmen zu können.
Nicht auf den amerikanischen Druck zu reagerien, ist klug
Deshalb fordern die Amerikaner laut, daß die Chinesen den Yuan aufwerten, ja freigeben. Die sonst von Investoren aus dem Westen hofierten Chinesen indes verbitten sich jede Einmischung in innere Angelegenheiten. Und verweisen süffisant darauf, daß amerikanische Unternehmen ihr Stück vom Kuchen des 1,3-Milliarden-Menschen-Marktes wollen, amerikanische Politiker auf Zusammenarbeit etwa in der Taiwanfrage und der Atomkrise in Korea angewiesen sind.
In der hitzigen Debatte um Hose und Währung gehen leisere Töne unter. "Nicht auf den amerikanischen Druck zu reagieren ist das Klügste, was China machen kann. Der Preis, den es jetzt für die Einführung eines flexiblen Wechselkursregimes zahlte, liegt klar über dem Ertrag", warnt etwa Huw McKay, Leiter der Volkswirtschaftlichen Abteilung der australischen Westpac Bank.
Das Finanzsystem Chinas befinde sich in weiten Teilen noch im "embryonalen Zustand" - was eine Freigabe des Yuan-Kurses riskant mache, warnt nicht nur McKay. Zunächst müsse Chinas Regierung den Lebensstandard im Lande verbessern, wolle sie an der Macht bleiben. Dafür aber braucht Peking Wachstum. Dem ist ein niedriger Yuan-Kurs förderlich. Denn damit sind Investitionen preiswert, Exporte gefragt. Dann kann Frau Li weiter nähen. Dann glaubt sie an den Weg zum Kapitalismus. Und dann herrscht Ruhe im Land.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 22.05.2005, Nr. 20 / Seite 45
Bildmaterial: dpa/dpaweb, F.A.Z.
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