Einzelhandel

Aldi bläst mit dem Alphorn zur Attacke

Von Konrad Mrusek, Bern

Ist die Schweiz arm genug für Aldi?

Ist die Schweiz arm genug für Aldi?

20. Februar 2005 Den Verbraucher freut's: Wettbewerb entsteht nicht erst dann, wenn neue Anbieter kommen. Preise sinken manchmal schon, wenn die Konkurrenz noch gar nicht da ist. Das erleben zur Zeit die Schweizer. Für sie ist Aldi erst ein Phantom, doch schon dies sorgt für einen Preiskampf, weil sich Migros und Coop, die Platzhirsche im Einzelhandel, vor dem Konkurrenten fürchten.

Sie erweitern laufend ihre Billigsortimente, um dem deutschen Discounter Paroli bieten zu können. Dabei wird Aldi den ersten Laden in der Nordschweiz erst in gut einem Jahr eröffnen. Danach soll ein Netz von 120 bis 160 Geschäften zwischen Bodensee und Genf entstehen. Auch Lidl hat zur Attacke geblasen auf das Hochpreisland und kauft Grundstücke. Bei diesem verschwiegenen Händler ist aber noch nicht ganz klar, was genau er im Schilde führt.

Arm genug für Aldi?

Ist die Schweiz, die bisher keinen Hard-Discounter kennt, nun auch arm genug für Aldi? Wird auch hier Geiz geil? Zu den deutschen Klischees gehört, daß in der Schweiz alle im Geld schwimmen. Tatsächlich gibt es viele reiche Eidgenossen (die reichsten sind indes ausländische Steuerflüchtlinge), doch die Einkommen sind nicht so gleichmäßig verteilt wie in Deutschland.

Im unteren Drittel der Einkommenspyramide müssen die Haushalte in der Schweiz scharf rechnen. Die Löhne sind zwar höher, und der Fiskus greift nicht so tief in die Tasche, doch das Leben ist teuer. Etwa 40 Prozent höher sind die Lebenshaltungskosten, bei Fleisch oder Milchprodukten zahlt man fast doppelt soviel wie in Deutschland.

Schweizer Protektionismus

Das liegt auch am Schutz des Bauernstands: Kaum ein anderes Land ist in der Landwirtschaft so protektionistisch wie die Schweiz. Für die hohen Preise sorgt aber auch Mangel an Wettbewerb: Nicht ohne Grund stehen rund ums Land große deutsche und französische Supermärkte, in denen jährlich Schweizer Einkaufstouristen 1,6 Milliarden Franken (eine Milliarde Euro) lassen.

Schon lange wurde erwartet, daß ausländische Handelskonzerne auch in das Land selbst kommen, also die Riesen Migros und Coop angreifen. Deren Marktmacht bei Lebensmitteln und die üppigen Margen in diesem Geschäft (etwa doppelt so hoch wie in Deutschland) sind historisch begründet: Das Schweizer Kartellrecht war früher sehr lasch, und der Agrar-Protektionismus erleichterte den Heimatschutz im Handel.
Zudem haben Migros und Coop stets zugegriffen, wenn ein Konkurrent schwächelte (Globus, Epa oder Waro sind einschlägige Beispiele), damit nicht ein Ausländer sich ein Filialnetz kaufen und damit in den heimischen Markt eindringen konnte. Verglichen mit den Riesen Migros und Coop sind die übrigen Schweizer Einzelhändler Zwerge.
Als erster ausländischer Konkurrent kam vor zwei Jahren die französische Carrefour. Doch der Konzern, immerhin die Nummer eins in Europa, tut sich schwer in der Schweiz, denn Flächen sind knapp für Großmärkte, und ihre Bewilligung braucht Zeit. Vor knapp zwei Jahren kam auch die deutsche Rewe, erwarb die Gruppe Bon Appetit und versicherte, man wolle zur starken dritten Kraft werden. Daraus ist bisher nicht viel geworden.

„Aldi-native“ für die Verbraucher?

Nun kommt Aldi. Entsteht damit neben Migros und Coop eine wirkliche „Aldi-native“ für Schweizer Konsumenten? Wird dieser Discounter Aldi die langerwartete dritte Kraft? Die Meinungen sind geteilt. Die einen glauben, der Discounter werde auf längere Sicht Erfolg haben. „Aldi hat gute Chancen, in der Schweiz zu reüssieren“, sagt etwa Thomas Rudolph, der Direktor des Institutes für Marketing und Handel an der Hochschule St. Gallen. Andere sind skeptischer, verweisen darauf, daß die Schweizer nicht so auf den Preis fixiert sind wie die Deutschen.

Überdies dürfe man die Giganten Migros und Coop nicht unterschätzen. Sie erweitern jetzt nicht allein ihr Billigsortiment, sie sitzen bereits an den besten Lagen und haben zudem die finanzielle Potenz, um notfalls Grundstücke auf Vorrat wegzukaufen. Damit könnten sie Aldi den Aufbau eines Filialnetzes erschweren.

Warum gerade jetzt?

Trotz all der Hürden ist Rudolph überzeugt, daß Aldi binnen zehn Jahren auf einen Marktanteil von fünf bis acht Prozent kommt. Das wäre immerhin ein Umsatz von etwa vier Milliarden Euro. Viele Eidgenossen kennen Aldi schon jetzt sehr gut, weil sie regelmäßig jenseits der Grenze Shopping machen. Für solche Einkaufstouristen gibt es Busreisen nach dem Muster von „Butterfahrten“.

Warum kommt Aldi gerade jetzt? Weshalb begann der Marsch in die Schweiz nicht früher? Vermutlich haben sich die beiden deutschen Discounter gegenseitig hochgeschaukelt, denn Lidl begann als erster mit Grundstückskäufen. Außerdem ist der Zeitpunkt günstig, weil der Schweizer Agrarschutz geringer wird.

Discounter wie Aldi können zwar noch nicht Nahrungsmittel aus der billigeren Europäischen Union importieren, sondern müssen sie wegen der Grenzhürden teuer vor Ort produzieren. Doch die Preise gleichen sich langsam an. So wird Schweizer Milch billiger. Überdies wird der Käsemarkt schrittweise liberalisiert, und in einigen Jahren will die Welthandelsorganisation den Schweizer Agrarschutz weiter gelockert sehen. Dann kann Aldi erst richtig loslegen.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 20.02.2005, Nr. 7 / Seite 42
Bildmaterial: picture-alliance / dpa

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