25. März 2007 Deutscher Autokonzern sucht Chef für italienische Luxusmarke - die Stellenbeschreibung passt zu ihm wie der Lamborghini-Stier auf den Sportwagen: Stephan Winkelmann, 1964 in Berlin geboren, aufgewachsen in Rom, Autoerfahrung bei Fiat - und seit gut zwei Jahren Präsident von Lamborghini. Der Sportwagenbauer ist seit 1998 Teil des VW-Konzerns. Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung spricht Winkelmann über die Faszination von 650 PS in Zeiten der Öko-Debatte, seine Kunden in Hollywood und das Tier im Mann.
Herr Winkelmann, wie verrückt muss man sein, um Lamborghini zu fahren?
Verrückt muss man gar nicht sein. Man muss eine große Liebe zum Automobil haben.
Und bereit sein, mehr als 200.000 Euro für 650 PS auszugeben. Wer tut so was?
Unsere Kunden sind italophil. Sie lieben den Luxus, nicht nur bei Autos. Und sie sind Männer. Zu fast 100 Prozent, Männer im besten Mannesalter.
Wie hoch ist der Anteil Machos?
Wir bauen sehr maskuline Autos, das ist wahr. Die Eigentümer unserer Autos haben ein gesundes Selbstvertrauen. Und den Willen, es nach außen zu tragen.
Lamborghinis sind Autos für Angeber mit Hang ins Rotlichtmilieu?
Dieses Klischee ist längst überholt, eine Reminiszenz aus der Vergangenheit.
Sind Sie sicher? Wie gut kennen Sie Ihre Klientel?
Ich treffe sie regelmäßig in den Lamborghini-Clubs, in denen sich unsere Kunden organisieren und ihre Autos mitbringen. In den neunziger Jahren waren die Wagen dort aufgemotzt, die Klientel etwas bunter gekleidet. Heute fahren unsere Kunden die Fahrzeuge wie im Werk bestellt. Das Gesamtklientel ist gerade in Deutschland seriös.
Die smarten Investmentbanker haben die Zuhälter abgelöst?
Unsere Klientel sind Unternehmer, Selfmademen, sicher auch ein paar Investmentbanker. Häufig Sportstars, Kino-Persönlichkeiten. Keine Berufsgruppe tut sich da hervor.
Da das Auto so wahnsinnig unnütz ist, steht es meist in der Garage; als Dritt- oder Viertwagen. Richtig?
Gegen das Wort unnütz wehre ich mich. Es geht um Emotionen, wie immer beim Luxus. Luxus ist nicht das, was der Nachbar hat, sondern das, was der Nachbar nicht hat - und diesen Wunsch bedienen wir, ohne alle Neidgefühle. Knappheit ist für uns Teil der Exklusivität. Abgesehen davon, gibt es viele Gründe, unsere Sportwagen zu lieben: das Design, die Performance auf der Straße, die Tradition. Das weckt Emotionen.
Spürt die jeder Mann? Egal, ob Italiener, Araber oder Russe?
Im Grunde ja. Die Marke, ihr Ausdruck, die Liebe zu extremen Sportwagen - die spricht alle Männer an. Und auch manche Frau.
Ihr Appell an das Tier im Mann zieht auf der ganzen Welt?
Das funktioniert überall gleich.
Einer Ihrer Vorgänger hat mal gesagt: Ein Lamborghini muss sein wie ein Schlag in die Magengrube - diesen Anspruch an Brutalität verfolgen Sie noch immer?
Brutal ist nicht das richtige Wort. Ich bevorzuge kompromisslos. Ohne Schnörkel. Die Marke basiert auf Technik und Dynamik, sie ist kompromisslos, extrem, italienisch.
Dabei gehören Sie seit Jahren zum VW-Konzern. Wie deutsch ist Lamborghini heute?
Eigentlich gar nicht. Die italienischen Wurzeln sind zu 100 Prozent erhalten. Die Firma sitzt hier, in Sant' Agata Bolognese. 99 Prozent der Mitarbeiter sind Italiener.
Immerhin sind Sie als Chef Deutscher, wenn auch in Italien aufgewachsen.
Welche Nationalität das Management hat, ist vollkommen egal. Wir sind eine internationale Marke, da geht es nicht um deutsch oder italienisch.
Lamborghini gehörte auch schon Chrysler, Schweizer Investoren sowie dem Sohn des indonesischen Diktators Suharto. Wie stark haben diese Wechsel der Marke geschadet?
Der Mythos hat alle Wirren überlebt. Vor 44 Jahren hat Ferrucio Lamborghini die Firma gegründet, er war nur 11 Jahre im Haus. In denen hat er den Mythos begründet. Das hat etwas Geniales. Das gesamte Luxusgeschäft beruht ja auf Tradition. Deswegen ist auch der amerikanische und der asiatische Markt so erpicht auf alles, was einen großen Namen hat.
Der Glamour der Marke nutzt Ihnen bevorzugt in Hollywood.
Richtig, unser Hauptmarkt sind die Vereinigten Staaten, mehr als 40 Prozent der Produktion verkaufen wir dorthin. Hochburg dort ist Kalifornien, da wiederum Los Angeles.
Wer aus Ihrer Kundenkartei hat momentan die meisten Promi-Punkte?
Es gibt viele Prominente. Nicolas Cage, David Beckham, Jay Leno.
Der letzte Schrei in Hollywood ist gegenwärtig der Toyota Prius. Wer auf sich hält, fährt ökologisch korrekt. Haben Sie die CO2-Werte Ihrer Wagen im Kopf?
Der Gallardo liegt bei 400 Gramm, der Murcièlago bei 495 Gramm.
Damit verfehlen Sie klar die 130-Gramm-Vorgabe aus Brüssel. Frau Künast wird so schnell in keinen Lamborghini einsteigen.
Natürlich nehmen wir die Klimadebatte ernst. Eines dürfen Sie jedoch nicht übersehen: Durch die kleine Stückzahl und die durchschnittlich geringe Laufleistung unserer Fahrzeuge fallen wir als Belastung für die Umwelt weniger ins Gewicht.
Der Lamborghini ist umweltfreundlich, weil er selten verkauft und noch seltener gefahren wird?
Ich weise nur darauf hin, dass unsere Sportwagen im Jahr vielleicht auf 5000 Kilometer Fahrleistung kommen, nicht zu vergleichen mit einem Mittelklassewagen. Aber wir ruhen uns darauf nicht aus.
Kann man mit 2000 verkauften Autos auf Dauer überleben?
Klare Antwort: Ja. Und wir beweisen das.
Wie viel müssen Sie absetzen, um einen Gewinn zu erwirtschaften?
Die Schwelle liegt bei ungefähr 1600 Einheiten. Voriges Jahr haben wir 2087 Wagen ausgeliefert, dieses Jahr rechnen wir mit etwa 200 Autos mehr. 2006 war das erste Jahr, in dem Lamborghini anständig Geld verdient hat.
Erfüllen Sie damit die Ansprüche aus Wolfsburg? Oder stehen Sie auf der Verkaufsliste vom neuen Konzernchef Martin Winterkorn, wie gelegentlich spekuliert wird?
Herr Dr. Winterkorn hat das mehrfach öffentlich ausgeschlossen.
Gegen mehr Profit hätte er sicher nichts. 5 Prozent Umsatzrendite sind mickrig im Luxusgeschäft.
Ich bin der Erste, der eine höhere Rendite haben will. Sie müssen aber sehen, wo wir herkommen: Die ersten 40 Jahre Firmengeschichte hat Lamborghini im Schnitt 250 Autos gebaut und kein Geld verdient, jetzt sind es mehr als 2000 und ein Gewinn, der sich schon langsam sehen lassen kann. Das ist erst der Anfang. Wir wollen der profitabelste Hersteller von Supersportwagen werden.
Dazu investieren Sie stark in das Händlernetz. Wo sehen Sie Bedarf für Lamborghini?
Wir wollen die großen Wirtschaftszentren der Welt abdecken. Im Moment sind wir in 37 Ländern mit 100 Händlern vertreten, dieses Jahr werden noch mal 10 bis 15 dazukommen. Die Ballungsräume in Russland haben Potential, auch die in Indien, da sind noch die Straßen der Hemmschuh.
Sie haben China nicht genannt. Stehen die Reichen dort nicht auf Sportwagen?
Das ist noch ein Zukunftsmarkt. Bisher wird in China Luxus mit Größe und Gefahren gleichgesetzt.
Wer es sich leisten kann, lässt sich im Rolls-Royce chauffieren.
Offenbar. Limousinen sind dort mehr gefragt, sagen die Marktforscher - am liebsten mit verlängertem Radstand, wie ihn die westlichen Hersteller auch anbieten. Zum Selbstverständnis für Luxus gehört in China Platz.
Zum Wesen von Luxus gehört die Wertbeständigkeit des Produktes. Lohnt es sich für Milliardäre, Lamborghinis zu sammeln?
Durchaus, wie die Preisentwicklung auf Auktionen beweist: In Amerika ist jüngst ein Wagen für über eine Million Dollar versteigert worden. Ein Sammler in Asien hat mehr als 40 Lamborghinis gekauft, ein Kunde in Amerika mehr als 80. Ich selbst kenne einen, der hat für seine Lamborghinis extra eine Halle bauen lassen. Das gläserne Büro darin hat er so eingerichtet, dass er immer einen Blick auf die Autos hat.
Das Gespräch führten Georg Meck und Tobias Piller.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 25.03.2007, Nr. 12 / Seite 37
Bildmaterial: AFP, dpa
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